Mikado.

Ich frage mich, wieso mich der Gedanke immer in der dunkleren Jahreszeit heimsucht: Umziehen, Wegziehen.

Schon lange liebe ich die Schweiz, die Menschen dort ticken irgendwie anders, im positiven Sinne. Von der Landschaft brauche ich nicht zu schwärmen, Jeder müsste wissen, wie vielfältig und traumhaft es dort ist.

Allerdings hat der Norden auch eine gewisse Anziehungskraft. Ein Amrumsommerurlaub hat mich verzaubert. Diese Stille, als spiele das Leben dort in einem anderen Modus, alles funktioniert langsamer, ruhiger, bewusster.

Wie kann eine so kleine Insel eine derartige Weite besitzen? Als wir damals wieder zu Hause waren, schaute ich sofort nach Jobangeboten auf Amrum, auf dem Festland.

Man darf ja träumen. Irgendwann…

Menschen leben hauptsächlich in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Man weint der Vergangenheit nach, oder verdammt sie. Vor der Zukunft hat man entweder Angst, macht sich gar keine Gedanken drum oder (ver)plant sie völlig akribisch.

Dass das Morgen bald heute ist, vergesse ich auch häufig. Und das Heute gestern. Es gibt einfach ZU beschissene Tage.

Ab und zu fühle ich mich gezwungen, den „AN-Knopf“ zu suchen. Durch die MS hat sich vieles schon entschleunigt, was schon vorher nur noch langsam möglich war.

Und es stimmt wirklich…die Geschwindigkeit einmal herauszunehmen, aus dem Alltag, ist einfach. Der Weg dahin vielleicht nicht. Aber mal einen Gang zurück zu schalten geht.

Nur das spätere Beschleunigen, wenn es sein muss, ist keine Sache von „mal eben schnell“.

Früher schaffte ich es, wenn ich mal verschlief, mich ruck-zuck fertig zu machen und zum jeweiligen Termin aufzubrechen. Heute wäre das unmöglich. Mein Körper muss erst angefeuert werden, dann in Schwung kommen und danach ist es meine Aufgabe, mich zu sortieren.

Wie eine Packung Mikado-Stäbchen, die nachts locker auseinander gefallen sind und morgens wieder geordnet werden müssen.

Die tauben Beine sagen dem Kopf: „Ne, Du. Stehen geht gerade schlecht, mit schnellem Laufen brauchste gar nicht erst anfangen!“ Der Kopf hört drauf, denn umfallen ist keine schöne Angelegenheit. Die Finger werden „wach-massiert“, die Muskulatur muss warm werden.

Alles in allem dauert der Zeitraum vom Aufwachen bis zum Aus-dem-Haus-gehen sicherlich 2 Stunden. Da ist weder ein Frühstück, noch sonstige Erledigung mit drin. Es geht nur darum, meinen Körper koordinieren zu können.

Schlecht ist das nicht immer – lange schlafen war mal. Denn je früher ich aufstehe, desto früher bin ich bereit für den Tag.

Kolja trägt den größten Teil dazu bei, dass ich trotz dolleren Wehwehchen hier, und Schmerzen da, unternehmungslustig geblieben bin. Er passt sich sogar meiner jeweiligen Tagesform an, das ist einfach nur faszinierend.

Er bringt eine positive Routine in mein Leben, die ich teilweise durch die Krankheit verloren habe. So sehr ich spontane Dinge liebe, und so traurig es ist, dass ich nicht mehr so spontan sein kann, wie ich es gerne würde…so sehr liebe ich diese Routine, diesen Tagesablauf und eine gewisse Struktur.

Ich glaube, gerade wenn man in so eine unsichere Zukunft blickt, in der keine Prognose gestellt werden kann, ist es umso wichtiger, das Hier und Jetzt zu leben.

Nicht jeden Tag kann man zu einem fluffigen Honigbrot machen. Manchmal ist es auch nur ein trockenes Brötchen mit ranziger Butter.

Aber wenn man den Hauptgedanken auf das fokussiert, was man liebt, wen man liebt, was man erleben, lernen, tun möchte, ist das „späte Später“ nicht mehr ganz so wichtig.

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2 Gedanken zu “Mikado.

  1. Mone maus,
    diese gedanken und gefühle sind mir nur zu vertraut. ich finde es gelungen, dass du dich im blog mit der ms auseinandersetzt und andere daran teilhaben lässt. lass dich nicht unterkriegen! knuddel, s!

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