Zeit.

Man könnte ja meinen, dass man sich an Dinge gewöhnt, je öfter man sie erlebt. Könnte man. Oder dass sie erträglicher werden, mit der Zeit ihr gefährliches, zunächst vielleicht auch Angst einflößendes Gesicht verlieren und uns irgendwann sogar anlächeln. Wenn auch schwach.

Mir geht es in einer besonderen Sache nicht so. Diese verflixten MRT- und Arzttermine stellen mit mir Sachen an, die jenseits von Gut und Böse sind. Es sind nur Gedanken, hört man da manch einen sagen.

Ja, aber…meine Gedanken sind in mir, ein Teil von mir, machen mich aus, oder mache ich sie aus?

Ich vermute, meine Gedanken passen sich dem Verlauf der MS an, platt gesagt. Besser wird’s nicht, entweder es stagniert oder es wird drastischer. Drastisch, das passt. Was mein Kopf vor einem solchen Arztbesuch mit mir anstellt, ist einfach drastisch.

Mein Puls steigt in ungeahnte Höhen, ich atme flach und unregelmäßig, vergesse es teilweise sogar und infolge dessen zeigt mir mein Kreislauf einen Vogel.

Unwohlsein bringt Anspannung mit sich. So verkrampft sich zuerst meine Schultermuskulatur, meine Hände kneten sich gegenseitig was das Zeug hält, die Zähne kauen so arg auf der Unterlippe herum, bis sie taub sind (noch tauber).

Mir geht es um die Zeit. Meine Zeit.

Wäre ich entspannter, wenn ich wüsste, wir Menschen hätten unendlich viel Zeit? Würde man dann überhaupt sagen, Jemand ist „unheilbar krank“? Jedenfalls würde man nicht sagen, ihm bliebe keine Zeit mehr. Denn die wäre ja dann mehr als ausreichend vorhanden.

Aber welchen Sinn hat dann das Wort Genesung noch? Wenn ich ewig leben würde, was würde ich dann Alles mitmachen, durchstehen, sehen, fühlen, oder eben nicht mehr fühlen…

Eigentlich ein gruseliger Gedanke, ich glaube, ein ewiges Leben wäre doch nicht so mein Fall.

Hat es also (s)einen Sinn, dass Jeder von uns nur eine begrenzte Zahl an Stunden, Tagen, Jahrzehnten auf diesem Planeten hat?

Und ist es so, wie mit unserem Gehirn, dass wir nicht einmal einen Bruchteil davon nutzen, ausnutzen, was es an Kapazität für uns bereithält?

Heute sagte die nette Ärztin in der MS-Ambulanz zu mir, als ich um Beratung in Sachen Medikamente bat, dass genau die mir im Endeffekt nicht helfen. Ich musste das sacken lassen und begreifen.

Sie sagte, dass sie nur einen gewissen Teil der Schübe, der Beschwerden abflachen oder verkürzen können. Die Schübe, die Symptome an sich, seien nur die Spitze des Eisberges. Wenn ich fühle, dass ich mein Gesicht nicht mehr fühle, hat mein Immunsystem die Ummantelungen der Nerven schon längst abgeknabbert.

Das Kind ist dann also bereits in den Brunnen gefallen.

Mir wurde plötzlich sowas von klar, was mir da eigentlich seit Monaten dieses Unwohlsein gepaart mit Unklarheit  eingebrockt hat.

Die immer weniger werdende Zeit.

Tick tack. 

Und ebenso wurde mir klar, dass ich, so glaube ich, viel zu viel Zeit mit Grübeln verbringe. Das abzustellen fällt schwer, kommen doch immer wieder neue Fragen auf, auf die man sich eine Antwort wünscht.

Aber manchmal…manchmal gibt es einfach keine Antworten mehr. Egal wie sehr man sie sich wünscht. 

Der Drops ist dann wohl gelutscht.

Vor zehn Jahren wäre mir noch weniger Zeit geblieben, mit „dieser Sache“ im Schlepptau. Doch geht es auch hier wieder nur um Verzögerung, nicht um Zeitgewinn.

Wäre ja noch schöner, wenn wir das, was hier vorne verloren, verduselt haben, hinten wieder dranhängen könnten.

Und auch hier wieder die Frage: Würde ich das wollen? Mit dem jetzigen Wissen um all die Dinge, die vor mir liegen?

Ich glaube nicht. Aber ich möchte die Zeit einfach noch besser nutzen, Stressfaktoren minimieren, ja, das geht. Was nichts mit dem Anschaffen eines dicken Fells zu tun hat, denn das werde ich auch in meinem nächsten Leben nicht besitzen.

Außer ich werde ein Braunbär.

 

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