Selbstbestimmt.

Ursprünglich komme ich aus der Seniorenpflege und -betreuung. Ich kürze diese Zeit mal stark ab; außer den gesundheitlichen Gründen hat mich eine andere Tatsache damals dazu bewogen, nicht mehr in diesem Beruf zu arbeiten:

Alte und kranke Menschen werden am laufenden Band entmündig. Und ich meine nicht die Entmündigung, welche notwendig durch einen Notar und gesundheitliche Gutachten abgesichert wird (wenn das denn immer so sicher ist…). Ich meine die Unfähigkeit von Pflegekräften, Ärzten und anderem medizinischen Personal auf schwache, schwächere, Menschen einzugehen. Fehlende Zeit?

Stets habe ich versucht, die Wünsche, oftmals letzte Wünsche, „meiner“ Bewohner oder Klienten in der häuslichen Pflege zu erfassen und zu berücksichtigen – dazu gehörte auch der Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Stets war immer ein Kollege im Team, der deswegen mobbte bis zum Umfallen. Es ist ja auch äußerst frech, einem sterbenden Menschen den Wunsch zu erfüllen, nochmal ein Bier trinken zu können,dieses zu besorgen und ihm zu bringen – nach Feierabend. Wie kann man nur.

Selbst im dollsten Stress kann man ansatzweise aktiv zuhören und patientenorientiert handeln. Man kann mit der Zeit spüren, was einem Menschen, der einem anvertraut wurde, gut tut, nicht gut tut, ihn bewegt oder beschäftigt.

Leider wird alten, kranken Menschen häufig die Fähigkeit, selbstständig zu fühlen, zu wünschen, etwas abzulehnen, zu sein und zu entscheiden völlig abgesprochen. Warum?

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das gilt bis zum Schluss. Bis zum letzten Atemzug, meiner Meinung nach noch darüber hinaus. Aber sobald ein Lebewesen schwach oder krank wird, denken wir, seine Entscheidungen treffen zu müssen. Für ihn. Das bedeutet aber nicht, dass wir sie immer in seinem Sinne treffen.

Ein Mensch, egal ob alt oder jung, am Lebensende verliert beispielsweise Hunger- sowie Durstgefühl, das ist normal. Ebenso haben diese Menschen schlicht und einfach das Recht, Trinken sowie Essen abzulehnen. Oder alleine sein zu dürfen. Oder nochmal eine Zigarette zu rauchen, ein Bier zu trinken oder Süßigkeiten zu essen.

Wenn ein Mensch, der am Ende seines Lebens steht, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr zu sich nehmen möchte, sollte das akzeptiert werden. So schwer es fällt. Nahrung und Flüssigkeit sind Leben – im Sterben liegende Menschen gehen ihren letzten Weg, bereiten sich, physisch und psychisch, auf den Tod vor.

Jeder Schluck Wasser, jedes Stückchen Essen, das erzwungenermaßen aufgenommen wird, unterbricht diesen an sich schon anstrengenden Prozess und holt sie zurück ins Leben.

Ich habe erlebt, dass Angehörige ihre sterbenden Familienmitglieder während der letzten Phase des Sterbens nicht in Ruhe ließen, sich natürlich sorgten, sie weiterhin umsorgen wollten. Die sterbenden Menschen fanden keine Ruhe. Viele können dann nicht loslassen, nicht hinübergehen. Es ist ein Konflikt, der zu dieser besonderen Situation (so normal sie auch ist) noch eine große Belastung darstellt.

Immer wieder suchen sich Menschen, die am Ende ihres Weges keine Ruhe finden, Momente aus, in denen die Angehörigen „mal kurz“ hinausgehen. Sie haben Ruhe, es entsteht kein Druck, kein Konflikt, die geliebte Familie, die trauernd und hilflos daneben steht, noch trösten oder beruhigen zu müssen.

Im Aufzwingen von eigenem Willen sind wir Menschen ganz groß. So kommt es uns oft gar nicht in den Sinn, darüber nachzudenken, ob ein Mensch in einer schwierigen Situation, überhaupt Hilfe oder Ratschläge erhalten will. Wir plappern drauf los. Floskeln liegen an der Tagesordnung, wir kommen mit „Ach, DER hat das auch, und der macht erfolgreich…“, „…vielleicht hilft Dir da ja auch…“, „…probier doch das mal aus!“.

Sowas ist nicht nur nervig, sonder auch egoistisch. Es kann sehr verletzend sein, gewisse Ratschläge zu bekommen. Nicht nur auf den Inhalt kommt es dabei an, auch auf den Ton.

Menschen aus Heilberufen bekommen in ihrer Ausbildung zumindest ansatzweise mit auf den Weg, inwiefern Selbstbestimmung etwas mit Respekt und Würde zu tun hat. Ein sich-aufdrängen hat oft den Effekt, eher eine ungesunde Distanz aufzubauen, als Vertrauen zu schaffen.

Schöner, als jede Floskel oder jeder aufgebrummte Ratschlag sind Angebote wie: „Wenn Du reden möchtest…“, „Ich bin für Dich da…“ usw.

Auch tut es gut, Dinge einfach mal sein zu lassen. So, wie sie nun mal sind. Man kann sagen „Das ist nicht schön…“ oder „Deine Situation ist sicherlich sehr schwer…“ anstatt mit Tipps um sich zu werfen. Gegebenheiten annehmen und sie nicht auf Teufel komm‘ raus zerreden.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieses Verhalten mit einer Art eigener Hilflosigkeit einhergeht. Das Umfeld eines kranken oder sterbenden Menschen ist oftmals überforderter, geschockter als der Betroffene selbst. Da kommt es manchmal zu Äußerungen und Handlungen, die nicht nachvollziehbar oder völlig ohne Zusammenhang sind.

Wie oft erlebe ich es, dass Menschen, die von meiner MS erfahren, sofort und auf der Stelle irgendwelche Ratschläge parat haben. Ja, es ist lieb gemeint!

Ob von ihren Bekannten, die auch erkrankt sind, oder aus dieser und jener Zeitschrift. Es kommt ihnen einfach nicht in den Sinn, erst einmal zu spüren, zu fühlen oder schlichtweg zu fragen,ob man denn gut versorgt und in guten Händen ist. Oder ob man überhaupt etwas an der Situation ändern will.

MIR tat es gut, endlich zu wissen, dass das Kind nach elf Jahren einen Namen hat. Und ich weiß, dass diese Krankheit (noch) unheilbar ist. Ich lindere meine Symptome, wenn ich sie als störend empfinde, aber ich kämpfe nicht gegen etwas an, was nicht zu ändern ist. Ich ergebe mich dadurch aber nicht meinem Schicksal, sondern nutze das, was mir bleibt und was ich kann und möchte.

Ich habe mich, wie ich finde, sehr gut mit der MS arrangiert. Mache mir weniger Stress. Den Stress, den mir Menschen machen, weil ich diese oder jene neu angepriesene Therapie nicht ausprobiere, hoffe ich nicht allzu oft erleben zu müssen. Wenn ich diesen Leuten nämlich von den Nebenwirkungen oder Folgen erzähle, die gewisse Medikamente mit sich bringen, und dass es mir mit hoher Wahrscheinlichkeit danach noch schlechter geht, als jetzt…ja, dann merken sie zwar kurz irgendwas, aber was genau, weiß ich nicht.

Meistens sind sie eingeschnappt oder denken wahrscheinlich, ich sei nicht offen für Ratschläge.

Das ist falsch. Ich lebe nur selbstbestimmt und vor allem mehr als gut informiert über mein Krankheitsbild. Ich habe tolle, ehrliche, kompetente  Ärzte. Zudem sind nicht gerade unerhebliche medizinische Kenntnisse in meinem Kopf vorhanden (hoffentlich noch recht lange), worüber ich sehr froh bin, so dass ich in manchen Situationen Zusammenhänge erkennen kann, die andere eben nicht sehen oder sie (er-)kennen können.

Das alles ist gut für mich, aber nicht immer gut für ein Zusammensein mit Menschen, die ihre Hauptaufgabe darin sehen, andere zu belehren. Aus ihrer Sicht möchten sie natürlich „nur helfen“.

Weniger ist manchmal mehr.

Ich spreche das Thema an, weil ich dafür bin, erst einmal zu beobachten und zu fragen, ob in gewissen Situationen Hilfe oder Fremdmeinung erwünscht ist, bevor man Dinge vorschlägt, die man persönlich für das Nonplusultra hält.

Oder kurz zu überlegen, welche Vorkenntnisse der jeweilige Mensch hat. Ich brauche und kann einem professionellen Fotografen nicht erklären, wie seine Kamera funktioniert. Oder einem Tierarzt sagen, wie er während einer OP das Skalpell zu halten hat. Oder einem Menschen am Ende seines Lebens vorschreiben, dass er zu trinken und zu essen hat und weiterhin gesellig sein soll. Gefälligst.

Vielleicht ist zu lesen, dass ich in den letzten Wochen mit einigen solcher Persönlichkeiten zu tun hatte. Man wollte mir unter anderem eine Kortisontherapie aufbrummen (nein, kein Arzt – ein Mensch aus meiner Umgebung). Diese Person hatte „davon gelesen und es für gut befunden“, das muss mir doch nun auch helfen und es wäre unverantwortlich, wenn ich das nicht anstreben würde.

Ich brach das Gespräch ab und erklärte natürlich, weshalb. Funkstille.

Das ist nicht gut. Und das tut nicht gut. Und es ist wirklich einfach, zu überlegen, wie man selbst in einer solchen Situation behandelt werden möchte. Es ist ein Unterschied, ob man ein Hilfsangebot macht, oder „plötzlich drauf los hilft“. Auf ein Angebot kann der Betroffene bei Bedarf reagieren – bei Bedarf, wenn er das möchte.

Natürlich gibt es Menschen, die das möchten. Und natürlich gibt es Situationen, auch Notfälle, in denen schnelle und ungefragte Hilfe wichtig und mehr als angebracht ist.

Ich hatte bis vor einiger Zeit  übrigens auch das Talent, einfach drauf los zu helfen. Möööp.

Vielleicht werfen einige von Euch jetzt das Wort „Undankbarkeit“ in den Raum.

Das werfe ich dann einfach wieder raus.

Tür zu.

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Ein Gedanke zu “Selbstbestimmt.

  1. Das Umfeld eines kranken oder sterbenden Menschen ist oftmals überforderter, geschockter als der Betroffene selbst. ….. na klar, weil das umfeld ja meist gar nicht soviel über die krankheit weiß. ist bei mir mit dem asthma und der neurodermitis und den vielen allergien. ich selbst lebe damit teils seit geburt (nd seit geburt, asthma seit dem 3. lebensjahr und die allergien verändern sich ständig) … das macht es mir einfach damit umzugehen. meine familie kennt das zwar inzwischen auch, machen sich dennoch sorgen wenn ich mal nach luft japse und einmal mehr mein spray brauche. oder wenn meine nd spinnt und ich mich kratze.. „hör auf zu kratzen“, „creme dich ein“ … puhh ich konnte es nicht mehr hören, bin zum glück beschwerdefrei momentan.
    und so ist es bei dir mit der ms auch. nur du weißt, wie du dich mit dieser krankheit fühlst, was du erträgst, was dich nervt, was vielleicht kommen kann oder auch nicht. wie es dir geht, usw.
    und genauso ist das bei den sterbenden. ich weiß nicht, wie es mir gehen wird, wenn meine familie oder freunde sterben. würde ich ihnen nicht auch sagen „hey, trink doch was, es ist wichtig“ …. mit sicherheit. du hast recht, wenn du schreibst, man sollte auf die bedürfnisse eingehen…dennoch denke ich daß es eine art automatismus ist oder man ist so erzogen. man tut es dann einfach..jeder tut es so. um es anders zu machen, müssten wir erst nachdenken………und das ist dann sicher nicht so einfach…….

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