Zwei Herzen.

Ich habe die wundervollsten Eltern der Welt.

Ja, das hier wird eine Liebeserklärung.

Der gestrige Tag begann mit so starken Schmerzen und einer ekelhaften Gangunsicherheit, dass ich mir (noch im Bett liegend) einen Rollstuhl an meine Seite wünschte, obwohl „Trampel“, mein Gehstock, bislang noch so ziemlich ungenutzt von einem Zimmer ins nächste mitwandert.

Mein Körper machte derart schlapp, aber mein Kopf hielt mich über Wasser: Heutiger Besuch bei meinen Eltern an der Nordsee.

Ich schleppte mich ins Bad, taumelte vorm Spiegel von einem Fuß auf den anderen und fragte mich, wer die Frau da eigentlich ist.

Vergleiche ich Fotos von vor einem Jahr mit welchen von hier und heute könnte ich, Verzeihung, ab und an mal kotzen.

Meine neusten Schmuckstücke sind keine Ketten oder Armbändern, nee. Es sind definitiv meine Augenringe. Aber hey – die Sonne kommt immer öfter zum Vorschein, und zum Glück nehme ich schnell und schön Farbe an. Kaschieren geht also noch.

Während ich die fremde und doch gleichzeitig so vertraute Frau im Spiegel musterte und mir die Zähne putzte, fiel mir ein, dass diesen Freitag ein weiterer, wichtiger Termin vor mir liegt: das vorerst letzte MRT der Jahresverlaufskontrolle.

Dann ist das KlackPuffPengKlatschDongRatterRatterRatterZisch erst einmal für eine ganze Weile vorbei, so für ungefähr ein halbes Jahr. Komisches Gefühl. Das Team der Praxis mag ich so unheimlich gerne, die „Röhre“ schien während der letzten Besuche auch immer mehr und mehr ein Freund zu werden.

Zurück zum Spiegelbild. Aufhübschen geht seit einigen Wochen wieder, sogar mit Pferdeschwanz. Bin ich froh, dass das rasche Wachstum meiner Haare nicht stillsteht. Etwas, das ich tatsächlich sehr an mir mag.

Rein in die Klamotten, natürlich nicht, ohne ein-, zweimal umzukippen. Die Tücken der Schwerkraft aufgrund von Gleichgewichtsproblemen und ich – man kennt sich.

Knappe 3 Stunden später stehen sie vor ihrem Ferienhäuschen auf der Straße und winken und lachen. Wie sehr ich mich freue!

Die Hunde werden umknuddelt und abgeschmatzt, ich ebenso.

Ach, Ihr zwei. Ganz fest glaube ich daran, dass nicht nur Eltern mit der Geburt eines Kindes ein Geschenk in den Armen halten, sondern dass auch Kinder, die sich glücklich schätzen können, solche Eltern (wie meine es sind) zu haben, mit dem Geschenk toller Eltern gesegnet werden.

Die MS-Diagnose hat meine Eltern zunächst geschockt. Aber nicht so lange und so intensiv, wie es vielleicht bei stets gesunden Angehörigen der Fall wäre. Wenn das eigene Kind seit 12 Jahren ständige Probleme, unerklärliche Schmerzen und diffuse Symptome (die bis dato nicht zusammenpassten) aufweist und ertragen muss, ist es eine Erleichterung zu erfahren, warum dies Alles so ist.

Mein großes, großes Glück: Meine Familie ist Kummer gewohnt. Die Krebserkrankung meiner Mama hat uns noch mehr zusammengeschweißt, und beigebracht, über Probleme offen zu reden, wegen und mit ihnen zu weinen, sie zu besprechen, zu verfluchen und an ihnen zu wachsen, sich herzlich wegen ihnen zu zoffen – und zu vertragen. Vor allem: sie gemeinsam zu überstehen.

So ist das jetzt auch. Wenn es mir schlecht geht, geht es mir schlecht. Ich spüre, und bin so dankbar dafür, dass ich mich nicht rechtfertigen muss, sondern klar ausdrücken darf, was mit mir los ist. Und das betrifft nicht nur mich, sondern uns alle.

Pure Höflichkeitsanrufe gibt es nicht mehr. Vor allem nicht, wenn einer von uns Dreien, und meist sind es eben meine Mutter oder ich, klarstellt, dass er gut und gerne ein paar Tage so gar keine Lust auf Telefonate etc. hat. Das ist okay. Und es ist okay, dass es okay ist.

Verdammt, wie viele Freunde und Bekannte habe ich, die mir erzählten, dass die Mutter wochenlang eingeschnappt wäre, wenn sie mal äußern würden, dass sie keine Lust auf’s Telefonieren haben. Es sind eben doch die Kleinigkeiten, die die großen Unterschiede machen. Oder?

Sogar die von Gesunden stets so gefürchteten, krankheitsspezifischen Witzchen und makaberen Ulkereien „halten“ meine Eltern mittlerweile aus, lachen auch darüber, wenn sie sich danach fühlen. Sie wissen, dass man gewisse Situationen nur ertragen kann, wenn man sich selbst erlaubt, auch dann zu lachen, Selbstironie zuzulassen, wenn es eigentlich ganz arg fürchterlich ist.

Am Strand taumelte ich fröhlich, dauergrinsend und entspannt durch den Sand.

Mein Vater tobte mit den Hunden, meine Mutter und ich staunten über die lustigen Verrenkungen, die mein Vater so hinlegte, während er versuchte, vor den beiden wegzulaufen und sie zum Spielen zu motivieren.

Der Tag wurde und war einfach so schön, tat so gut.

Frische Luft, die Nordsee…das Wetter spielte mit, es gab leckeres Essen und vor der Heimfahrt ein schönes Beisammensein, während die Hundis vor Erschöpfung schnarchend die Sofas eroberten.

Kolja weiß, wen ich meine, wenn ich von „Oma und Opa“ rede. Er spitzt die Ohren, legt den Kopf schief und stößt einen langen, lustig klingenden Fiepton aus. Meistens schaut er sich noch um. „Ja, wo laufense denn?“

Als er vorhin auf dem Schoß meines Vaters schlief, ich leise „Opa?“ sagte, brummelte und grummelte er zufrieden vor sich hin und steckte seine Schnauze unter Papas Hand. Mein Papa war gerührt, einfach nur gerührt. Meine Mama war schon immer ein echter Hundemensch. Mein Vater liebt Tiere auch sehr, aber wie sehr er an Hunden hängt, und was für einen besonderen Draht er zu ihnen hat, bemerkten wir erst, als Kolja vor zwei Jahren zu mir zog.

Meine Eltern lieben Kolja und Pedro. Wenn mir mal etwas zustoßen würde, ich müsste nicht, so überhaupt gar nicht überlegen, wo die zwei Mäuse ihr restliches Leben verbrächten. Nicht, weil ich meinen Freunden kein Vertrauen schenke, sondern weil meine Eltern bald auch einfach die Zeit für sie hätten. Aber das ist ein Gedanke, nur ein Gedanke (der aber ungemein beruhigt, auch Roman).

Abschiede sind blöd, ziemlich blöd.

Man weiß nie, wenn man geliebte Menschen eine längere Zeit nicht sieht, was in der Zwischenzeit passiert. Aufgrund der Entfernung, die zwischen uns liegt, kann man auch nicht „mal eben schnell“ zum anderen hin düsen, auch wenn man es gerne würde.

Kranke denken da noch um acht andere Ecken. Kranke mit einer heimtückischen Krankheit, bei der man nie sagen kann, wie der morgige Tag wird, ob das Sehen, das Gehen, das Sprechen noch so funktioniert, wie heute, denken nochmal anders.

Aber das Gute: solche Abschiede für länger sind auch 100 mal so innig. Und herzlich. Und die Vorfreude auf das Wiedersehen ebenso.

Und eine sooo lange Zeitspanne liegt diesmal gar nicht zwischen Abschied und Wiedersehen.

Zum Glück.

Ach, Ihr 2.

http://www.youtube.com/watch?v=qFHGlnQmt6U

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