Zusammen getrennt.

Heute fiel es mir extrem auf: mich gibt es nicht nur einmal.

Die Symptome, die Beschwerden, die Probleme, die auf den Namen Multiple Sklerose hören, sorgen dafür, dass ich nicht mehr nur die spontane, aufmerksame, lebendige, lebensfrohe, aktive, lustige Simone bin.

Die MS sorgt dafür, dass ich nach dem Aufstehen bis zu 3 Stunden brauche, um einigermaßen vernünftig laufen zu können.

Sie macht, dass ich, wenn ich mittags 2 Stunden mit den Hunden draußen unterwegs bin, danach 3-4 Stunden tief und fest schlafe, und zwar sehr schnell einschlafe, vor lauter Erschöpfung.

Sie macht, dass es mir immer öfter schwer fällt, die einfachsten, kleinsten und normalsten Dinge zu tun. MAL EBEN eine SMS schreiben, MAL EBEN die ganze Wohnung putzen, MAL EBEN die Betten beziehen, MAL EBEN einkaufen gehen, MAL EBEN eine spontane Verabredung eingehen, MAL EBEN Jemanden anrufen, MAL EBEN die Blumen umtopfen, MAL EBEN…gibt es nicht mehr.

Sie macht, dass ich mehr als deutlich merke, wie giftig Stress für mich ist. Das Wort „MUSS“ hat in meinem Leben keinen allzu große Platz mehr, oder zumindest einen sehr bewusst gewählten. Treffen nur der Höflichkeit wegen eingehen, nein. Das kann ich nicht mehr. Will ich nicht mehr.

Sie macht, dass ich mich manchmal von mir selbst (ab-)getrennt fühle. Wie gesagt, auf der einen Seite die lustige, lebensfrohe Simone. Auf der anderen Seite eine Frau, die jeden Tag, und (wenn sie wach ist) auch jede Nacht an jede Minute, die sie gerade lebt, denkt. Nicht immer gelingt es mir, aus jedem Moment das Beste zu machen – das wäre Stress, purer Stress. Und diese Floskeln sind sowieso das Schlimmste, was man sich und anderen antun kann, in Momenten der Verzweiflung und der Sinnfrage. Aber ich denke und fühle einfach intensiver. Und zwar im Hier und Jetzt. Ich finde, das kann man als „das Beste“ auf jeden Fall durchgehen lassen. So’n bisschen.

Sie macht, dass ich jeden Tag, jede Woche stärker mit meinem eigenen, beschleunigten Verfall (ja, klingt krass, ist aber so) konfrontiert werde und ich mich (ob ich will, oder nicht) damit befassen muss. Ich kann nicht zu meinem tauben, linken Bein sagen: „Ällabätsch! Mach‘ doch, was Du willst, ich mach‘ einfach nicht mit!“ Nö. So geht das nicht.

Sie macht, dass ich in regelmäßigen Intervallen spüren muss, was eine Trigeminusneuralgie anrichtet.

Sie macht, dass ich langsam aber sicher zu einem immer größeren Profi werde, was MRT-Bilder, medizinische Fachausdrücke, diverse Krakelschriften diverser Ärzte, Eigenarten (gute und weniger gute bis mega beschissene) verschiedenster medizinisch arbeitender Menschen und Inneneinrichtungen vieler Kliniken und Arztpraxen (da muss noch viel passieren) betrifft.

Sie macht, dass ich immer fühliger dafür werde, wie beleidigt, angepisst und teilweise bösartig Menschen auf Defizite wie meine reagieren. Und, was soll ich sagen? Teilweise kann ich das gut nachvollziehen. Teilweise denke ich aber auch: „Arschloch. Können ja mal tauschen, nur los!“

Sie macht, dass ich die absolute Schocktherapie in Sachen „Geduld mit mir selbst“ erlebe und durchlebe. Stell‘ Dir einmal vor, Du wachst morgens auf. Öffnest die Augen, befindest dich vielleicht noch in dem schönen Traum von gerade eben. Öffnest die Augen noch weiter und.. siehst nichts. Oder nur sehr verschwommen, wie hinter Milchglas, sepiafarben. Dann möchtest Du aufstehen, am liebsten aus dem Bett springen, um überschwänglich Deine Hunde zu begrüßen und ihnen einen guten Start in den neuen Tag zu wünschen. Möööööööööööp. Pustekuchen. Deine Beine und Füße gehorchen Dir nicht mehr. Sie kribbeln, sind teilweise taub. Die ersten Schritte gehen, ohne Dich irgendwo festzuhalten? Mööööööööp. Hand links und Hand rechts hangeln sich an den Wänden in Richtung Badezimmer. Stock „Trampel“ steht derweil in der Ecke und freut sich seines beurlaubten Stocklebens. Im Bad angekommen fällt Dir auf, dass Dein Körpergefühl wieder anders ist, als gestern. Neu ordnen. Sich wieder auf Neues einstellen. Neue Kompromisse eingehen. Vorsicht walten lassen. Vorsicht. Vorsicht. Vorsicht vor der Vorsicht. Vor der Sicht.

Sie macht, dass (oooh, schreibe ich das wirklich?) ich mittlerweile leichte Probleme mit meinem Harnabsatz habe. Das muss ich am Montag dringend bei meinem Neuro thematisieren *notier*.

Sie macht so vieles mit mir.

Aber:

Sie macht auch Gutes.

Sie macht, dass ich unwahrscheinlich liebe, fürsorgliche, empathische und lustige Praxis- und Krankenhausangestellte kennenlerne, und ich mich so getragen fühle, in Situationen, in denen mich die blanke Panik erfassen will.

Sie macht, dass ich bewusster lebe, bewusster und zielgerichteter Entscheidungen treffe und (lustiger Weise) felsenfest zu diesen getroffenen Entscheidungen stehe und sie richtig arg mag.

Sie macht, dass ich merke, inwieweit man sein Umfeld mit einer unheilbaren Krankheit belasten kann und darf.

Sie schult meine Auffassungsgabe.

Sie macht, dass ich innerhalb eines Jahres meine Angst vor Kanülen verlor. Heyyy, immer her mit den Kanülen! Alle Kanülen zu mir! Ich MAG Kanülen!

Sie macht, dass mein Humor immer dunkler wird. (Har,har.)

Sie macht, dass ich Dinge aushalte, über die ich früher gesagt habe: „Das würde ich niemals ertragen.“

Sie macht, dass ich Momente des Glücks und der Freude, und seien sie noch so winzig, aufsauge, inhaliere und abspeichere wie einen Rucksack voller Energieriegel, die ich essen kann, wann immer ich will und sie benötige.

Sie macht, dass ich lerne, stolz auf mich und meine Fähigkeiten zu sein.

Sie macht, dass ich mir „schlechte“ Tage absolut zugestehe und nicht versuche, diese zu beschönigen.

Sie macht, dass ich die Zeit, die „übrig“ zu sein scheint (andere gehen eben arbeiten, während ich wie erschossen und gelähmt auf dem Sofa liege), seit der Diagnose viel sinnvoller und bewusster nutze, anstatt mich nutzlos zu fühlen.

Sie macht, dass ich nicht mehr so viel an früher denke.

Sie macht, dass ich schneller auf körperliche und seelische Signale reagiere, diese nicht mehr ignoriere.

Sie macht, dass ich mir mehr verzeihe.

Sie macht, das ich wundervolle Menschen kennenlerne, die ein Teil meines Lebens teilen, auf ihre Art und Weise. Und auf diese Art und Weise entsteht ein wertvoller, so wunderbarer Austausch.

Sie kann so viel.

Und so ist man, die MS und ich, eben zusammen, aber auch irgendwie getrennt.

Das ist gut, oder?

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