Eine Umfrage.

Ich habe einige meiner Freunde & Bekannte Folgendes gefragt:

„Wie empfindest Du es, wenn Jemand offen mit einer unschönen Krankheit umgeht?

Inwieweit trifft es Dich? Inwiefern findest Du es prima?“

Die Antworten (werden immer mal wieder ergänzt – wenn auch Du eine Meinung dazu hast, schreib‘ mir doch gerne):

Ivi:

„Wie empfindest Du es, wenn Jemand offen mit einer unschönen Krankheit umgeht?

Finde ich persönlich super, denn was du nicht ändern kannst, musst du akzeptieren. Dein Leben und dein Glück mit der neuen Situation wieder finden. Es gibt Krankheiten, die gehören zu einem Menschen, der Mensch selber ist daran gewachsen und stärker geworden. Warum nicht zeigen, wer der Feind ist und warum man sich eventuell verändert hat?

Inwieweit trifft es Dich?

Als erstes ganz oberflächlich, wenn ich die Person kenne, trifft mich so eine Nachricht mehr, als wenn die Person mir vorher unbekannt war. Dazu trifft mich immer wieder die Tatsache, dass „es“ eben nicht nur den Anderen passiert. Auch erschreckt mich die Hilflosigkeit sehr, wenn ich keinem helfen kann in seiner Situation. Manchmal kommt es aber auch vor, entgegen dem ersten Satz, das mich Schicksale von ganz fremden Menschen so betroffen machen, das ich danach gleich Blutspenden gehe, meine Stammzellen und mein Blutplasma als Spender registrieren lasse und ähnliches.

Inwiefern findest Du es prima?

Ein sehr guter Freund von mir, einer der glücklichsten Menschen auf Erden, hatte vom einen Tag auf den anderen die Diagnose Krebs. Er hat das relativ unbekümmert kommuniziert und wir haben Pläne geschmiedet für die Zeit „nach dem Krebs“… Leider ist diese Zeit nie gekommen und er musste mit knapp 23 Jahren gehen. Ich würde diese Hoffnung, die wir da hatten, nie, nicht und nimmer missen wollen. Wir WOLLTEN siegen.

Daher bin ich der Meinung, noch wenn man selber nicht vor einer Krankheit betroffen ist (Körperlich), kann man doch Psychisch sehr helfen. Kämpfen, Leiden, Wütend sein.. Alles geht zu zweit und in der Gruppe viel leichter. Wenn mir nicht bekannt ist, warum Freunde von mir plötzlich dünner sind, blasser erscheinen, zurückgezogen leben, etc. wie kann ich denn da helfen? Wenn ich nicht weiß, dass etwas los ist, denke ich, das etwas mit mir wäre, evt. zerbricht daran eine Freundschaft und am Schluss hätte die Person doch eigentlich meine Schulter so gut gebrauchen können.

Ohne Kommunikation funktionieren keine Beziehungen. Dazu gehören auch die unschönen Sachen, denn das Leben ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. Aber man kann am Frieden, der Freude und dem Eierkuchen arbeiten. Zusammen.“

Kathrin:

„Also, da ich ja mit Menschen mit Behinderungen unterschiedlicher Art arbeite und sich diese in unterschiedlichen vor allem optischen und Verhaltensmerkmalen äußern, finde ich es wichtig und richtig dies auch offen kund zu tun. Menschen mit empathischem Verhalten können damit gut umgehen und jeder einzelne weiß sofort womit er oder sie zu rechnen hat und was der Umgang mit dieser Person und ihrer spezifischen Erkrankung bedeutet und ggf. für Konsequenzen mit sich tragen kann (z.B. Epilepsie, Tourette usw.)! In unserer so unsozialen Gesellschaft ist die jedoch häufig verpönt so dass ich mich frage, was jedes einzelne Elternteil seinen Kindern vermittelt…ich bin traurig über soviel offensichtliche Abneigung, die häufig einfach nur durch Unwissen entsteht und für die Betroffenen ein „schönes“ Leben erschwert. Phrasen wie „stell dich nicht so an uns geht’s allen mal schlecht ect.“sind ein Witz und zeigen doch nur, wie inklusiv unsere Gesellschaft wirklich ist. Offensichtliche Erkrankungen werden doch häufig mit ansteckenden Erkrankungen gleichgestellt ….“mit dem wollen wir nix zu tun haben, der ist komisch…“! Ich finde es richtig und wichtig offensiv mit einer Erkrankung umzugehen, denn nur so lassen sich für einen selbst wichtige Menschen herausselektieren 🙂

Cordula:

„Ich bin sehr dankbar, wenn mein Gegenüber sehr offen mit seiner Krankheit umgeht. Das ermöglicht aufrichtigen Kontakt und erleichtert für mich das gemeinsame Miteinander enorm.

Statt in meinen eigenen Vorstellungen eingesperrt zu sein kann ich aufgeschlossen zuhören, wie es dem Anderen geht, welche Ängste und Sorgen er hat und was er sich von mir im Umgang mit ihm wünscht oder auch nicht wünscht. Und auch ich selbst kann offen mit meinen Unsicherheiten oder Sorgen umgehen und Fragen stellen.

Würde derjenige nicht offen mit seiner Krankheit umgehen, bliebe mich nichts anderes übrig, als aus meinen Vorstellungen zu agieren, ohne jedoch zu wissen, ob das überhaupt angemessen ist. Schließlich habe ich selbst keinerlei Erfahrung mit dieser Krankheit. Somit wäre für mich der Kontakt immer mit einer inneren Anspannung verbunden – wahrhafte Verbindung wäre dann nicht möglich.

Die Offenheit ist für mich die Brücke, die ehrlichen Kontakt ermöglicht.“

Werner:

„Grundsätzlich finde ich es gut, wenn ein Betroffener zu seiner (unschönen?!?) Krankheit steht und auch darüber redet. Es kann einem den Umgang mit der Krankheit erleichtern, wenn man nicht allein damit ist, sondern sich mitteilen kann. Wichtig finde ich aber auch das (Wohl-) Befinden der Leute, die sich anhören sollen, was ich (als Betroffener) zu sagen habe. In einer Situation, wo sich Menschen leibhaftig gegenüber stehen, können Menschen unangenehm berührt sein, wenn sie mit dem Thema nicht so recht etwas anfangen können. In einem Forum wie hier nimmt man teil oder eben nicht. Niemand muss sich anhören, was Du zu sagen hast, aber jeder kann.

Ich bin zur Zeit (Gott sei Dank) relativ gesund, also jedenfalls nichts, worüber man nörgeln müsste. Aber mein Bruder liegt im Sterben (wegen Krebs). Ich für mich habe kein Problem darüber zu reden, aber im Moment ist mir gar nicht mal danach, darüber zu reden. In Bezug auf meinen Bruder (und auch in Bezug auf den Verlust von Hunden, die gestorben sind) habe ich persönlich gelernt, dass Sterben zum Leben dazu gehört. Es ist normal, wenn auch manchmal schwer zu ertragen.“

Melli:

„Ich freue mich wenn jemand offen über seine Krankheit spricht. Da ich ja beruflich viele Kundinnen hier sitzen hab (im Schnitt sitzt man beim Nägel machen ca. 1 Std / +) in direktem Körperkontakt. Ich habe oft festgestellt das mir die Mädels und auch Damen viel, viel von sich preisgeben. Mich freut das sehr, denn so was zeigt ja Vertrauen. Ich erzähle so was grundsätzlich auch nie weiter. Das ist für mich selbstverständlich. Aus diesem Grunde genieße ich wahrscheinlich auch dieses Vertrauen. Waren nun schon öfters Krankheitsbilder wo man wirklich schlucken muss und sich denkt „Mensch, jetzt jammere selbst mal nicht so rum…“. Ich bin auch immer sehr mitfühlend und habe wirkliches Interesse wie es meinem Gegenüber geht. In keinster Weise mitleidig sondern eher „wie kann ich helfen, oder kann ich mit zuhören schon helfen?“ Oft wollen die Leute auch nur mal ein offenes Ohr. Ich frage bei jedem Kundenbesuch nach wie es denn geht. Und ich habe zunehmend das Gefühl das viele ein aufrichtiges Fragen schätzen, anstatt lästig finden. He, ich hab auch meine Probleme was die Gesundheit betrifft. Jedoch rede ich nicht wirklich gern drüber. Ich höre lieber zu. 🙂 Ich drücke jedem der in irgendeiner Form krank ist die Daumen gesund zu werden und das beste daraus zu machen. Geniest das Leben. Auch wenn’s mal zwickt. Jeder Tag ist ein Geschenk und sollte genutzt werden ohne mies drauf zu sein. (Ich weis, die Theorie…) Aber bewusst leben und genießen kann jeder, bin ich überzeugt von. Man muss nur die kleinen Dinge schätzen lernen :-)“

Evelyn:

„Ich finde es toll, wenn jemand den Mut hat, mit seiner Krankheit umgehen kann und trotzdem sein Leben lebt.  Es trifft mich immer wirklich sehr hart ,wenn ich feststelle, dass liebe fb-Freunde nicht so gesund sind wie sie vorerst scheinen. Trotzdem freu ich mich auf jeden Kontakt mit ihnen, manchmal tut es sicher gut sich öffnen zu können und zu wissen, da hört dir jemand zu, da denkt jemand an dich.“

Bianca:

„Ich finde es sehr gut wenn jemand offen mit seiner Krankheit umgeht, es strahlt Selbstbewusstsein aus, dass jemand sich damit beschäftigt und das Leben mit seiner Krankheit akzeptiert hat. Ich habe Asthma und Neurodermitis und rede auch offen darüber. Ich hatte auch schon Reaktionen wie „Oh waaaaas? Asthma?“ Es gibt schlimmeres… Ich lebe damit seit meiner Geburt, na ja nicht ganz. Ich war glaube ich 3 als es festgestellt wurde, die Neurodermitis ist seit Geburt da. Man kennt es halt nicht anders.. Eine Freundin hingegen sitzt seit dem Jahr 2008 im Rollstuhl, nach den normalen anfänglichen Schwierigkeiten geht auch sie offen damit um, hat sogar ein Buch geschrieben. was ich sehr gut finde, nicht nur das Buch an sich sondern auch, dass sie es geschrieben hat. Mich interessiert, wie Sie ihr Leben mit dem Rolli lebt, aber es trifft mich auch sehr, da sie auch gerade mal Mitte 30 ist, mir ging es damals recht nahe als ich von ihrer Querschnittslähmung erfuhr. Anfangs habe ich es nicht „verstanden“. 2 Tage später brach ich in Tränen aus. Wenn mein Asthma und meine Neurodermitis dann mal wieder spinnt dann denke ich „Hey Bianca, es gibt Menschen die sind schlechter dran..““

Christin:

„Ich komme aus einer Familie mit einer „unschönen“ Krankheit. Meine Schwester (jünger als ich, 6. Jahre um genau zu sein) hat Epilepsie. Man ging damit seit der Diagnose (Ich glaube sie war 8) offen um, es wurde geforscht, von Arzt zu Arzt gelaufen bis man einen Spezialisten fand (in Dresden 150km weg vom Elternhaus) usw. Meine Mom kümmerte sich immer mehr um sie – habe ich bis zu einem gewissen Punkt auch verstanden aber irgendwie ist es hart, als Kind zur Seite geschoben zu werden, nur weil man „normal“ ist. Sie kann nichts für ihre Krankheit und braucht Hilfe – ist klar. Ich kann aber auch genauso wenig was dafür, gesund zu sein. Es wurde überall zum Thema gemacht. Mein krankes Kind hier, mein krankes Kind da. Spezielle Therapie, Schule, Reittherapie, Tabletten, Krankenhausaufenthalte etc. Bei mir war alles „normal“. Ich habe Fachabi gemacht, später studiert… war alles nichts wert. Wenn meine Schwester jedoch blass war, stand die Welt Kopf. Seitdem reagiere ich auf das „totdiskutieren“ und überthematisieren von Krankheiten – welcher Form auch immer – etwas sensibel.

Zweiter Fall, besseres Beispiel. Meine ehemalige Chefin hat MS und geht damit offen und super um. Menschlich kamen wir in 95% aller Fälle gar nicht klar aber ich bewundere schon dass sie sich nicht hat klein kriegen lassen. Sie kann noch laufen (fährt mittlerweile aber ein Auto mit Automatikgetriebe), hat sich mit ihrem neuen Mann ein Haus bauen lassen etc. Sie hat die Krankheit nie zum Thema gemacht (hab’s erst nach 4 Monaten erfahren), hat sie aber auch nie verschwiegen wenn es irgendwie zum Thema wurde.

SO mit einer schlimmen Krankheit umzugehen finde ich am besten. Besser als es immer in den Mittelpunkt zu rücken. „Ich hab XY und und und….“ Mag für denjenigen schlimm sein. Für die Familie auch aber ich finde, man sollte es nicht zu sehr thematisieren. Rührt vielleicht auch aus meiner Erfahrung mit meiner Schwester her. Es ist wichtig dass jemand drüber reden kann und dass der Freundeskreis sich das auch zum tausendsten mal anhört – es belastet einen halt sehr. Man sollte es aber auch nicht überthematisieren. Es ist wichtig, Sachen zu akzeptieren, die man nicht ändern kann. Aber es gibt auch anderes, manchmal auch eben wichtigeres.“

Petra:

„Es ist für mich ein wichtiges Gefühl, von der Erkrankung eines lieben, nahe stehenden Menschen zu erfahren. Ein aufgeschlossenes Verhältnis, welches zum bewussteren Umgang führt, schließt sich dadurch an. Ich kann Hilfe anbieten und aus den Stärken und Erfahrungen des Erkrankten lernen, auch selbst wieder bewusster zu leben.

Ich persönlich habe keine Erkrankung.

Habe aber im Freundeskreis schon Begegnungen mit Krebs und MS erfahren. Mein erster Kontakt mit der Erkrankung MS war 2007, damals erkrankte der Freund meiner großen Tochter an MS. Gerade mal 17 Jahre jung und der Beginn eines Lebens mit dieser Erkrankung.“

Tina:

„Bei dir mag ich ganz konkret, dass du immer aufs Neue versuchst, mit der Situation umzugehen. Du lernst „Tante MS“ immer noch stetig kennen, hast natürlich auch Tage, die sicher ganz, ganz dunkel sind, aber hast eine sehr angenehme, erfrischende Art dabei, zu informieren, ohne in ein Gejammer zu fallen. Ich kann dir nicht genau sagen warum, aber ich finde es sehr interessant, zu lesen, wie Menschen mit schwierigen Situationen umgehen, weitermachen, kämpfen. Niemand weiß, wann einen irgendein Mist mal selbst ereilt, ewige Gesundheit ist leider die Ausnahme. Ich überlege, was ich wohl tun würde, manchmal schäme ich mich ein wenig, wenn ich mich z.B. gerade über eine Belanglosigkeit geärgert habe und dann von jemandem lese, der gerade mit ganz anderen Dingen zu kämpfen hat. Es zeigt mir auch, wie sehr man sich über Gesundheit freuen sollte, wie wenig selbstverständlich sie ist und wie schnell es anders sein. Es zeigt, dass Mensch viel mehr lernen muss (und KANN!!!), sein Leben zu genießen. Und es zeigt, dass man auch mit unschönen Krankheiten ein sehr lebenswertes Leben führen kann. Wünsch dir alles Gute und mach weiter so!“

Katja:

Wie empfindest Du es, wenn Jemand offen mit einer unschönen Krankheit umgeht? 

Ich mag es, wenn Menschen offensiv mit Krankheiten umgehen. Schön sind diese ja irgendwie nie. Wenn man
denn aber schon kategorisiert, dann gibt es mir ein besseres Gefühl, zu wissen, mit welchem Monster ich
mich bei einem lieben, geliebten Menschen und Freund herum schlagen muss.
 
Am Ende sind es die Kranken, die zu entscheiden haben, was und wie viel (vor allem wem gegenüber) sie von sich und ihrer Krankheit
preisgeben. Ich kann nur versuchen, mit beiden Entscheidungen adäquat bzw. respektvoll umzugehen.
 
Inwieweit trifft es Dich?
 
Lese ich heute im Internet oder in der Zeitung, dass Person XY z.B. an Krebs erkrankt ist, macht es betroffen, aber es berührt mich nicht
weiter.
 
Es trifft mich allerdings sehr, wenn es Menschen, Freunde, Verwandte, Bekannte, etc. sind, die mich begleiten oder einmal begleitet haben.
Einzelschicksale. Und mit jedem ist man eben individuell verbunden.
 
Da ich in den vergangenen Monaten viel Zeit mit Mone verbracht habe, gibt es aber für mich in erster Linie eine Mone, die eben Mone ist. Ja,
ich weiß, dass sie MS hat. Mir ist das vollkommen bewusst und es kotzt mich an! Aber ich seh einfach den Menschen vor/hinter dieser Krankheit.
Und dieser Mensch ist toll, liebenswert, intelligent, schreibt wunderschöne Sachen und macht nebenbei super schöne Fotos (sogar ab und an mal von mir).
 
Inwiefern findest Du es prima?
 
Hmm…finde ich es prima? Nun – siehe meine Antwort zu der ersten Frage. Ich bevorzuge die „offene“ Variante. Denn auch, wenn ich einer Krankheit
wie MS nicht viel entgegen zu setzen habe, so bin ich überzeugt, dass das Wissen um dieses „Ding“ doch Vorteile mit sich bringt. Also ja, finde ich prima!“
 
 
Nadja:
 

„Wie empfindest Du es, wenn Jemand offen mit einer unschönen Krankheit umgeht?“

Von Freunden erwartet man Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Lügen, Beschönigungen und Heimlichkeiten machen eine Freundschaft auf Dauer kaputt. Aus diesem Grund wünsche ich mir von meinen Freunden, dass über alles gesprochen wird – auch über schlimme Dinge. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das richtig schwer ist, aber meine Erfahrung hat gezeigt, dass man anderen selten einen Gefallen tut, wen man denkt, sie zu beschützen. In dieser Hinsicht bin ich gebranntes Kind. Die Besitzerin meines letzten Pflegepferdes hatte ihre Krebserkrankung verheimlicht. Erst wurde meine Stute von heute auf morgen und für mich nicht nachvollziehbar verkauft, was mir natürlich das Herz brach. Ein paar Wochen später starb dann ihre Besitzerin von einem Tag auf den anderen – für mich also der nächste schlimme Schlag.

Ja, ich gebe zu, ich bin dieser Hinsicht egoistisch. Ich kann mit dem Tod nur schwer umgehen, begreife es einfach nicht, wenn ein Mensch von heute auf Morgen nicht mehr da ist. Ich musste in meinem Leben schon so viele liebe Menschen beerdigen, dass ich mich manchmal frage, ob oder wie oft ich das noch durchstehen kann. Je näher mir eine Person steht, umso schlimmer ist natürlich ihr Verlust. Ein Unfall schlägt unerwartet zu, wütet aber eine tödliche Krankheit, ist man zumindest in einem gewissen Maß in der Lage, sich vorzubereiten auf das, was da kommen könnte. Außerdem möchte ich immer und jederzeit für meine Freunde da sein und sie unterstützen können. Wie soll ich das denn tun, wenn ich nicht weiß, was mit meinem Gegenüber los ist? Ich finde den Gedanken unerträglich, dass ein Freund in meinem Beisein leiden muss, ohne, dass ich das weiß. Manche Verhaltensweisen kann man gar nicht verstehen, wenn man davon ausgeht, einen gesunden Menschen vor sich zu haben. Meine Freundin M. beispielweise fährt im Dunkeln nicht mehr Auto. Viele belächeln sie deswegen. Andere wissen, dass M. MS hat und deswegen nicht in der Lage ist, im Dunkeln zu fahren, weil es sie zu sehr anstrengt.

„Inwieweit trifft es Dich?“

Jemanden leiden zu sehen trifft mich immer. Aus diesem Grund versuche ich auch, fremdes Leid weitestgehend von mir fern zu halten. Ich bin sehr empathisch und würde durchdrehen, würde ich alles an mich heran lassen. Besonders schlimm ist für mich immer die Hilflosigkeit, der man gegenüber steht. Man möchte helfen oder Leid ersparen, aber es geht nicht. Obwohl die Medizin wahnsinnig fortgeschritten ist, kann man viele Krankheiten weder heilen noch lindern oder die medizinische Versorgung ist wahnsinnig teuer. Das macht mich wütend, so unfassbar wütend!

„Inwiefern findest Du es prima?“

Ich finde es gut, dass andere dadurch sensibilisiert werden. Unsere Gesellschaft ist unheimlich schnelllebig, dadurch be- und verurteilt man zu schnell, belächelt oder ignoriert zu vieles – nicht nur im Bezug auf andere, sondern vielleicht sogar auf sich selbst.

So ist er, der ewige Teufelskreis. Wir achten alle nicht genug aufeinander. Wir lassen uns zu schnell von abwinkenden Händen und schiefem Grinsen und schlechten Witzen überreden, dass alles in Ordnung ist. Und glauben, dass alles in Ordnung ist.

Dieses Zitat stammt aus „Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner und trifft den Nagel auf den Kopf. Man guckt nicht richtig und wenn man doch etwas auffälliges sieht und nachfragt, ist man froh, wenn „Nee, passt schon, alles ok!“ geantwortet wird. Prima, man kann fröhlich weiter machen, man hat ja gefragt und es is ja nix.

Außerdem denke ich, dass ein offener Umgang mit einer Krankheit andere Kranke dazu animiert, sich zu „outen“. Ich glaube, dass viele Menschen Angst vor den Reaktionen des Umfelds haben oder auch denken, dass sie anderen durch ihre Krankheit zur Last fallen etc. Bei manchen mag das zutreffen, aber seien wir ehrlich: Solche Schönwetterfreunde braucht man in seinem Leben nicht! So schwer es ist,  loszulassen, im Endeffekt sind solche Menschen nur Ballast. Auch oder gerade, wenn man schon mit sich selbst zu kämpfen hat.

Ich blogge seit ein paar Jahren. Ursprünglich habe ich nur meine genähten Kleinigkeiten gezeigt, irgendwann kam persönlicher Kram dazu. Als vor ein paar Monaten meine Depression mal wieder beschloss, mich k.o. zu schlagen, lag mein Blog brach. Ich habe zwar nicht viele Leser, aber sie sind mir über die Zeit virtuelle Freunde geworden, die an meinem Leben teilhaben. Ich habe viele Mails bekommen, man machte sich Sorgen um mich, erkundigte sich, wie es mir ginge und ob alles ok sei. Ich wimmelte ab. „Viel Stress, keine Zeit“ war die Ausrede. Heute habe ich von dieser Zeit geschrieben. Erklärt, wo ich war und warum ich nicht da war bzw. es zumindest angerissen. Ich fühlte mich nicht mehr wohl damit, zu lügen in Anbetracht dieser realen Sorgen, die diese Menschen meinetwegen heimsuchten. Vielleicht wird dadurch widerum jemand ermutigt, sein Leid zu teilen oder öffnet die Augen mehr, passt besser auf sich und andere auf.

Vielleicht ist geteiltes Leid nicht immer halbes Leid, wir haben nicht alle die selbe Kraft. Und trotzdem trägt sich eine schwere Kiste leichter, wenn noch jemand mit an packt!

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Ein Gedanke zu “Eine Umfrage.

  1. Zu jeder Art von Beziehung (Familie, Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn…) gehört für mich Offenheit, Ehrlichkeit, Vertrautheit, Respekt und Akzeptanz. Daher sollte sich jeder innerhalb dieser Beziehung raus suchen dürfen, wem er von seiner Erkrankung erzählt und wem nicht.
    Wenn er (jemand) es offen tut, für alle ersichtlich… ist es seine Art damit umzugehen, vielleicht ein Stück seiner Erkrankung von sich weg zu geben, auch nicht allein zu sein oder auch aufmerksam zu machen…macht er es ganz leise, heißt es trotzdem nicht unbedingt, dass er keine Gesprächspartner hat oder anders Helfende.
    Es kann jeder tun wie er es möchte, schließlich wurde er auch nicht gefragt, ob er erkranken will oder nicht!
    Natürlich ist für mich dies im Umgang mit meinem Gegenüber sehr wichtig, aber es ist und bleibt seine Entscheidung allein, mir oder jemand anders davon zu erzählen oder zu schreiben.
    Für mich persönlich wünsche ich mir, dass mir dieses Vertrauen entgegen gebracht wird, an seiner Erkrankung teilhaben „zu dürfen“, denn ich möchte mit ihm nicht nur mein lachen und weinen teilen…nein, auch dann in diesen „Momenten“ einfach nur da sein.
    Oft ist es nur ein zuhören, wenn nichts gesagt wird oder ein tiefes langes Gespräch, oder auch mal bloß ein Anlehnen. Und all dies geht nur, wenn ich um die „Befindlichkeit“ meines Mitmenschen weiß.
    Natürlich trifft es mich, wenn ich von Erkrankungen erfahre, welche das Leben massiv beeinträchtigen bzw. deren Lebensqualität oder sie gar unheilbar sind und…
    Ich kann nur versuchen zu zuhören, da zu sein, zu begleiten, auch mit zu weinen, auch mal schreien, aber auch zu lachen, singen, tanzen…das ist das Leben mit seinen unterschiedlichsten Facetten. Wichtig find ich aber auch, sagen zu können: „heute bin ICH mal nicht gut drauf…oder ich hab die und die Sorge…“ da auch meine Befindlichkeiten für mein Gegenüber spürbar sind. Und es gab schon Grenzen (meine eigenen) welche ich selber überschritten habe und mich dann gewundert…
    Jetzt grad denke ich erneut darüber nach…vor 14 Jahren Sterbebegleitung meiner Oma, vor 2 Jahren einer sehr engen Freundin und seit 1½ Jahren kämpft ein enger Freund mit dem blöden Krebs.
    Ich finde es wichtig darüber zu reden, egal ob laut oder leise. Schweigen macht auch krank.

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