Erste Zeichen.

Ich war 18.

Mitten in der Tischlerlehre, den Führerschein beim ersten Anlauf bestanden, frisch tätowiert, gepierct, ein wenig doll verrückt und von wirklich netten Freunden umgeben.

Ich kann und will mich kurz an den Moment erinnern, in dem ich meinen besten Freund Sascha von der Berufsschule das erste Mal per Auto mit nach Hause nehme. Während er sich anschnallt, sagt er: „Das mache ich sonst nie! Du hast die Prüfung doch wirklich bestanden, oder?“ Und grinst. Sascha hat eigentlich immer gegrinst. Grinsebacke Sascha.

Freitagabend.

Wir sitzen bei einem Freund im Wohnzimmer der kleinen 2-Zimmer-Souterrain-Wohnung in Lüdenscheid.

Die Jungs trinken sich schon mal warm, die Mädels hübschen sich im Bad noch auf. Gleich geht es los. Geplant ist eine Technoveranstaltung in der Turbinenhalle in Oberhausen.

Die ganze Woche habe ich mich darauf gefreut. Sich den Arsch aus der Hose tanzen, das Wochenende mit lustigen, lauten, durchgeknallten Mitfeiernden verbringen.

Und nun sitze ich da. Keinen Durst, mich nicht aufhübschend.

Seit Tagen habe ich wieder diese starken Schmerzen in meinem linken Arm. Dumpf, ziehend, als würde man mir die Sehnen vom Knochen schälen. Zudem eine totale Unsicherheit beim Laufen und Stehen.  Die Hüfte und das linke Bein kribbeln. Bisher eher unterschwellig, nun, pünktlich zum Wochenende, flammen sie wieder richtig auf.

Traue ich mir die einstündige Fahrt zu? Ich trinke keinen Alkohol, also bin ich die Fahrerin. Immer. (Das hat mir auch immer Spaß und Freude gebracht, weil ich so die Herrscherin über das Radio im Auto war. Welche Macht! Die Mitfahrenden fühlten sich derweil eher machtlos und manchmal auch musikalisch misshandelt.)

Das Ende vom Lied an diesem Abend: meine Freunde fahren mit dem Zug nach Oberhausen.

Ich sitze, mal wieder, in der Notaufnahme einer Klinik im Sauerland.

Arzt-Patienten-Gespräch, nachdem mein Arm geröntgt wurde.

„Haben Sie viel Stress?“ „Nein.“ „Hm. Wenn Sie gerade in der Ausbildung sind, haben Sie mit Sicherheit Stress. Versuchen Sie, es ein bisschen ruhiger angehen zu lassen.“

Das war’s. Ach, nee. Noch nicht ganz.

Zusätzlich zur Nicht-Diagnose gibt es, wie immer, eine Einzeldosis Ibuprofen sowie ein Rezept für selbiges mit nach Hause. Die Röntgenbilder wurden erst gar nicht gesichtet.

Zuhause angekommen.

Meine Eltern stehen hilflos neben mir.

Sie machen sich Sorgen, sind ratlos und haben Angst, etwas Falsches zu tun.

Ich lege mich ins Bett. Ibuprofen intus, abgeschminkt, in die Wohlfühlklammotten geschmissen, allerdings so ganz ohne Wohlfühlen.

Das Wochenende verläuft wie so viele, die da noch kommen sollen:

ich liege, von Schmerzen zerrüttelt, müde vom Weinen, in Embryonalstellung auf dem Bett. Halte meinen Arm fest, als wäre er ein Kind, das ich beschützen muss.

Ich erinnere mich, dass meine Bauchmuskeln zu dieser Zeit sehr hart waren. Anspannung pur. Durchgehend. Tags, nachts.

Von da an sollten noch  Jahre vergehen, bis ein Arzt aus der Düsseldorfer Uniklinik eine richtige „Vorab-Diagnose“ stellte. Mich auch medikamentös ausreichend einstellte und mir, zum ersten Mal in meiner Patientengeschichte, wertvolle Ratschläge mit auf den Weg gab. Das Ganze geschah an meinem 25. Geburtstag. Das vergesse ich nie. An diesen, für mich sehr  besonderen Menschen geriet ich durch einen ebenfalls schmerzhaften Moment. Ich brach mir bei einem Sturz mit meinem Schimmelchen das Sprunggelenk und allerhand andere Knochen, die für’s Laufen wichtig sind. Der mich behandelnde Arzt aus dem Sportkrankenhaus Hellersen in Lüdenscheid bekam bei einigen Kontrollterminen meine Schmerzen im Arm mit und fragte und hakte hartnäckig nach. Zum Glück. Denn daraufhin empfahl er mir meinen Düsseldorfer Schmerzschutzengel.

Davor erlebte ich allerhand Erschreckendes. Einmal führte es mich morgens in eine Klinik nach Iserlohn. Ein dort niedergelassener Schmerztherapeut wollte sich „die Sache“ mal genauer ansehen.

Mein erstes Trauma in Sachen Weißkittel. Dieser Mann sagte mir nicht Hallo. Er fragte auch nicht, was ich für Beschwerden mitbringe, welche Anamnese vorliegt. Stattdessen hielt er es für nötig, mich grinsend anzuweisen, meinen schmerzenden Arm auszustrecken und zu einer Faust zu ballen.

Das war der pure Horror für mich. War es doch schon fast unmöglich, einen Teelöffel in dieser Hand zu halten.

Der weiß schon, was er tut. Das dachte ich, in der Hoffnung, hier Hilfe zu bekommen. Da auch eine Krankenschwester im Zimmer anwesend war, machte ich mir keine Sorgen, dass hier etwas außerhalb „der Norm“ geschieht.

Was ich bekam, war ein Schlag.

Der Mann, der unhöfliche, desinteressierte, grinsende Mann in dem weißen Kittel, schlug mir mit voller Wucht auf die Faust, vor den von mir durchgestreckten Arm. Durch die Streckung federte mein armer Arm diesen Schlag nicht ab. Es knallte.

Ich schrie. Ich schrie und begann sofort zu weinen.

Ein blöder Spruch („Tat das weh?“), eine noch blödere Floskel. Die Krankenschwester schaute peinlich berührt zur Seite, griff sich ein Klemmbrett und machte sich Notizen. Oder tat so.

Der Satz, an den ich mich noch erinnere, ist der, dass ich dem Monster sagte, es solle mich nie wieder anfassen.

Völlig fassungslos packte ich meinen Kram zusammen und lief zum Auto.

Dort saß ich. Eine halbe Stunde. Eine Stunde. Fast zwei Stunden heulte ich Rotz und Wasser. Vor Schmerz, vor Enttäuschung, vor Angst.

Was kommt da nur auf mich zu? Sind alle Ärzte so? Wieso sind Ärzte so? Warum hat mir dieser Mensch gerade vor meinen so stark schmerzenden Arm geschlagen, als hätte er einen total verhassten Feind vor sich, den er ins Jenseits befördern will? Soll ich Anzeige erstatten? Das, was da gerade geschah, war Körperverletzung. Oder? Ein Film lief vor meinem inneren Auge ab. Und wiederholte sich unzählige Male.

Nachdem ich mich einigermaßen beruhigt und zwei Ibuprofen geschluckt hatte, fuhr ich nach Hause.

Ich kann mich noch an das zuerst traurige, dann sehr wütende, und ebenfalls enttäuschte Gesicht meiner Mutter erinnern. Als wir meinem Vater abends von dem Erlebnis mit dem Monster berichteten, fand er keine Worte.

Ich glaube, dies war die Zeit, neben den Jahren der Krebserkrankung meiner Mama, in der ich meinen Vater am häufigsten mit feuchten Augen umherlaufen sah.

Wie kann man seinem Kind helfen, das so starke Schmerzen hat, dass es sich fast aufgibt und an der Tatsache fast zugrunde geht, von den Ärzten als Simulantin bezeichnet zu werden?

Ich war immer ein fröhlicher, lebenslustiger Mensch. In meinen heftigsten Schmerzphasen versuchte ich, mich in eine andere Welt zu denken. Ich glaube, ich habe meditiert, versucht, mich in einen anderen Bewusstseinszustand zu beamen, um den Schmerz auszuhalten.

Das wussten aber die Ärzte nicht, die mir nicht glaubten. Wussten sie es, hätten sie, selbst blind, erkannt, welche krassen Veränderungen einem Menschen durch Schmerzen und später noch weiteren diffusen Symptomen widerfahren. Heute glaube ich, dass diese Ärzte überfordert waren. Da kommt eine junge Frau zu ihnen, die schon bei zig Ärzten vorher war, und keiner wusste Rat. Eine mehr als chaotische, immer konfuser werdende Krankengeschichte.

Bestimmt ein doofes Gefühl. Was macht man da nur? Als Arzt?

Aber für mich war das Alles noch viel, viel doofer.

Einerseits litt nicht nur meine persönliche Lebensqualität unter dieser Sache, sondern auch die meines Umfeldes. Ganz groß auch der Aspekt, dass das Ibuprofen meinen Nieren außerordentlich zusetzte. Es taten sich immer neuere Baustellen auf. Ich erhielt Diagnose über Diagnose, Medikament über Medikament. Die ganzen Rezepte, die als allererstes im Müll landeten, bevor ich nach Hause fuhr, kann ich nicht mehr zählen.

Es gab Zeiten, in denen ich das Pferdchen einhändig putzte, sattelte, ritt. Und ich dachte, ich sei sehr gut darauf vorbereitet, sollte ich mal einen Arm verlieren. Aus welchem Grund auch immer. Pferd putzen, satteln, reiten – das geht auch einhändig. So weit, so gut. Was irgendwann nicht mehr ging, war das Aufsteigen. Ich musste immer öfter auf einen Mauervorsprung steigen, weil mein Bein mich nicht mehr vom Boden aus in den Sattel ziehen konnte.

Dass erst 7 Jahre später ein Arzt darauf kommt, mal ein MRT machen zu lassen, vom Arm, vom Kopf, mich einfach mal richtig durchzuchecken, Ursachenforschung zu betreiben, mir zuzuhören (das erste Mal…) ist  traurig – und mein Glück zugleich.

Vielleicht wäre es nicht so, aber lange war ich der Überzeugung, dass ich diese Schmerzzustände nicht noch länger aushalten könnte. Jetzt, heute und hier weiß ich, dass ich damals eine der schlimmsten Schmerzarten erlitt, die ein Mensch erleben, spüren kann, bevor er ohnmächtig wird, der Körper sich durch das eigenhändige Abschalten des Bewusstseins schützt. Dagegen ist die Trigeminusneuralgie, die mich ein paar Mal im Jahr heimsucht, FAST aushaltbar. Ist sie natürlich nicht. Aber ich wollte einen Vergleich herstellen. Merke, der hinkt etwas.

Merke auch, dass ich nun langsam, nach fast 50 hier geschriebenen Texten, damit beginne, meine Geschichte, meine vergangenen 12 Jahre seit dem deutlich spürbaren Ausbruch der MS, zu verarbeiten.

So kann es weitergehen.

 

http://www.youtube.com/watch?v=-ve5Lajh9Dg

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Ein Gedanke zu “Erste Zeichen.

  1. Ich bin zutiefst erschüttert! Wie schrecklich…ich kenne 3 Menschen die auch ms haben, aber ich hörte nie dass sie Schmerzen hätten. Ich hatte vor ein paar Jahren mal für ca 2 Tage heftigste Schmerzattaken im Arm. Nichts aber auch gar nichts half.Ich habe gewimmert und geweint u konnte nicht fassen dass man solche Schmerzen haben könnte. Dan
    n waren sie fort u sind bis heute nicht mehr aufgetreten. Keine Ahnung was das war, aber ich werd es nie vergessen! Das war EIN MAL ! Wire entsetztlich so etwas über eine so lange Zeit zu ertragen.
    04.08.2013, Sabine Marks

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