50.

Heute in zwei Wochen ist es ein Jahr her, dass ich in der MS-Ambulanz im UKE saß und die nette Ärztin etwas traurig dreinblickend, aber bestätigend sagte, dass ich MS habe.

Was ist in diesem Jahr alles geschehen? Vor allem mit mir?

Ich habe gemerkt, dass ich das, was ich früher in der Schule schon am besten konnte, mir (so glaube ich) zeitweise den Arsch rettete: das Schreiben. Zudem, und das ist für mich das eigentliche Wunder, habe ich ungeheuer an Selbstbewusstsein gewonnen.

Hey Leute, ich latsche mit meiner Figur in einem Badeanzug um einen See herum und springe in selbigen – ICH! Yes. Ich. Das um meine Hüften geschwungene Handtuch lasse ich außen vor, das ändert nämlich rein gar nichts an meiner Elfen gleichen, zierlich zerbrechlichen Silhouette. Röchel.

Denkweisen haben sich geändert.

Erfolg definiere ich nicht mehr über eine „12-Tage-Woche“, wie ich sie früher hatte. 5 Tage Früh- oder Spätdienst, dann Samstag und Sonntag jeweils von 6-20h arbeiten, dann wieder 5 Tage Früh- oder Spätdienst und dann zwei Tage frei. Wenn ich das durchhielt, und ein paar Groschen mehr verdiente, fand ich mich seeehr erfolgreich. Abgesehen davon, dass ich meinen Job in der Pflege wirklich liebte. Bis auf die Kollegen, die es nicht toll fanden, dass ich meinen Job liebte. Das brach mir in gewisser Weise das Herz und so entliebte ich mich, ziemlich zeitgleich mit der Tatsache, dass ich den Job körperlich nicht mehr schaffte. Vielleicht füllt das irgendwann auch nochmal einen Blog. Denn Geschichten wie die, dass ich eines Tages mal während einer Blutdruckmessung absolut filmreif umkippte und ins Bett neben meine Patientin fiel, um dort für einige Minuten ohnmächtig herumzuliegen (Aber schick, Leute! Aber schick!), haben was.

Heute, ja heute ist Erfolg für mich, wenn ich 2 Stunden (mal mehr, mal weniger) am Stück mit den Hunden on tour sein kann, ohne halb zusammenzuklappen. Wenn ich, so wie gerade jetzt, einen Text ohne nennenswerte Fehler formulieren kann. Wenn ich mich, wie vorhin, traue, ein Manuskript an einen Verlag zu schicken, weil ich mir ZUtraue, ein Buch zu schreiben, oder eben Menschen für eine Weile völlig mit meinen Buchstaben in eine andere, für sie vielleicht befremdliche aber erkenntnisreiche (oder nur einfach andere, teils aufregende) Welt zu locken. Wenn ich Roman ruhig und bestimmt mitteilen kann, dass ich ihm nicht böse wäre, wenn ihm die ganze Mone-MS-Sache über den Kopf wächst und er eines Tages wutschnaubend zu mir sagt:“ Ich bin dann mal weg, woll.“ Okay, das ist eher nicht erfolgreich, da ich mir danach meistens einen ziemlich bösen Blick und einen Zeigefingerzeigspruch einhandle. Erfolg ist für mich, über mich selbst lachen zu können. Und zwar in (fast) jeder Situation. Auch, wenn ich lauthals ein Lied mitjaule und mein Hund Kolja das so dermaßen beschissen findet, dass er sich die Pfoten über die Ohren streift und fiepst. Zum Glück gibt es Kopfhörer, mit denen kann ich dann auch noch schön, fein durch die Wohnung tanzen. Da fiepst Kolja auch, aber weil er es bombastisch findet, welche ulkigen Verrenkungen ich so vollführen kann. Also, so’n bisschen. Roman tanzt auch. So’n bisschen. Weiß nur keiner. Bis jetzt.

Was ist noch passiert, ehmmm…

Vorletzte Woche riet mir der, und jetzt kommt’s, 4. Arzt, dass ich bitte ernsthaft über eine Berentung nachdenken solle. Erst einmal für 5 Jahre. Dann sähe man weiter. Man?! Wo wir wieder beim Thema sind, inwiefern man eine Behinderung sieht, oder eben nicht. Oder besser: Wann. Bislang hatte ich immer unheimliches Glück in Sachen Organisationskarma, puh. Wäre mir mehr als unangenehm, vor guten Freunden einfach den Asphalt zu knutschen, sagen zu müssen: „Hey, ho – ich seh‘ nichts mehr, kannst Du mir bitte beim Cola trinken helfen? Ist gar nicht schlimm, geht wahrscheinlich wieder vorbei. Ja, mit dem Strohhalm, danke. Nein, nein. Nicht ins Nasenloch, da…danke.“ Oder oder oder. Rente. Was für ein komisches Wort, wenn man es mit gerade einmal 30 Jahren ausspricht.

Ich möchte, nein, ich will unbedingt ein paar Dinge tun, solange ich sie noch tun kann. Meine Fresse, so dramatisch soll das gar nicht klingen. Außerdem bin ich der Meinung, dass sich da ruhig jeder Mensch mal Gedanken drum machen könnte *klugscheiß*. Das könnte jetzt eine Art Liste werden, aber eigentlich möchte ich die verschiedenen Vorhaben gar nicht vorher erzählen. Wenn ich etwas schaffe, dann berichte ich darüber. Okay, eines muss ich doch loswerden: ich würde so gerne einmal mit einem Heißluftballon fahren. Meine Cousine und ich waren daaamals im Sauerland in einem Freibad, aus dem mehrere Heißluftballons starteten. Ich meine mich dunkel erinnern zu können, dass wir uns in einen dieser Körbe stellen durften – bin mir aber nicht mehr so ganz sicher. An diesem Tag habe ich mein Seepferdchen bestanden, das weiß ich noch. Sicher.

Ein neues Tattoo wäre auch mal wieder ganz schön. Meine letzte Tätowierung ist viele Jahre her. Und meine erste (von den gut 20, die ich mein Eigen nenne) bekam ich sogar, als ich noch minderjährig war. Meine Mum kam damals mit. Meinem Papa sagten wir, wir seien bummeln. Und zurück kam ich mit meinem geliebten Yin-Yang-Zeichen. Mama war hin und weg, Papa zerknirscht. Als meine experimentelle Phase sich dann so ausweitete, dass ich mich piercen ließ, unter anderem auch das Septum, die Brustwarzen und so weiter, war er mehr als zerknirscht. Aber nicht aufgrund von Vorurteilen, wie eventuell andere Eltern. Er machte sich einfach Sorgen. „Sowas tut weh. Gefällt Dir das noch in 20 Jahren? Wenn nicht, tut das Lasern sicher auch weh.“ Selbst das wurde unwichtig, als ich meinte, mir aus Solidarität meiner Mum gegenüber, die mitten in der Chemo war und alle Haare verlor, mir eine Glatze rasieren zu müssen. Auch die Augenbrauen mussten dran glauben.  Wenn solidarisch, dann richtig. „Lass‘ Dich tätowieren, lass‘ Dich piercen – aber rasiere Dir bitte nie wieder die Haare ab.“ Zitat Papa.

Jooo, das ist nun der 50. Blog.

Wenn ich planen würde, 100 Blogs schreiben zu wollen, wäre das also nun eine Art Schwelle, ja? So, als würde man einen Hügel hinaufklettern, und oben an der Spitze ankommen, bevor es wieder hinabgeht. Oder hinauf, Hügel ist ja nicht gleich Hügel.

Die Sonne scheint gerade so herrlich warm auf meinen Rücken und ich habe meine Kopfhörer auf und lausche „Rudimental„.

Wollt Ihr mal reinhören?

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http://www.youtube.com/watch?v=dpGNvQE2_qA

http://www.youtube.com/watch?v=Zr5zPzeAUGo

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2 Gedanken zu “50.

  1. Dein Blog ist toll. Ich werde dir ab sofort folgen 🙂 Ich kann Dich gut verstehen. Selber seit 15 Jahren Schmerzpatientin, mit Morbus Bechterew, 6 grossen Operationen und noch nicht mal 50-jährig fühle ich mich manchmal wie 100. Und die ständigen Schmerzen und die Angst, irgendwann mit 4 Rollen unter mir mich fortbewegen zu müssen, machen den Alltag manchmal zu einer echt harten Disziplin. Wie ich das mache? Indem ich schreibe, mit Ironie und Witz, so wie ich eigentlich wäre, wenn ich gesund wäre – an guten Tagen bin ich auch jetzt so….beim Schreiben gelingt’s besser, denn da kann ich den Schmerz irgendwie versorgen. Gesundheit ist das höchste Gut, man merkt es meistens leider erst, wenn es weg ist! Weiterschreiben, ich lese!!! 🙂

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