Exkursion | Mein Besuch beim Bestatter

Was für ein besonderer Montag.
Um kurz vor neun Uhr packe ich die Hunde ein und fahre Richtung Lüneburg.

Heute besuche ich also Frank, einen Bestatter aus unserem Bekanntenkreis, der mir ermöglicht, einen Blick in seinen Berufsalltag zu werfen.
Ich werde herzlich begrüßt. Wir setzen uns zuerst in sein Büro, ich trinke ein Wasser, Frank schmiert sich ein Brötchen.
Mich interessiert zu Beginn, wie Frank Bestatter wurde und wie er mit den Belastungen, die der Beruf mit sich bringt, umgeht.

Für ihn ist diese Aufgabe nicht nur ein Beruf, sagt er. Sie ist seine Berufung, seit nunmehr zehn Jahren. Als seine Eltern starben, empfand er es als großes Glück, sie bis zum Ende zu begleiten, bei ihnen zu sein, ihre Hände zu halten. „Ich spürte den Austausch der Energie, der stattfand, regelrecht floss. Das war sehr wertvoll und wichtig für mich.“ Seine Eltern und die Erinnerungen an sie trägt er stets in seinem Herzen. „Sie sind immer bei mir, ich muss nicht zwangsweise auf den Friedhof gehen.“ Allerdings sei ein Friedhof für viele Menschen immer noch der Ort, um die Trauer leben zu können, zu dürfen. Hier darf geweint, geklagt und aufgrund des Verlustes einfach offen gelitten werden.
Als Bestatter ist er 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr für seine Kunden erreichbar. Bevor er sich selbstständig machte, absolvierte er ein Praktikum, um festzustellen, wie er mit dem Tod, dem Leid der Angehörigen und, vor allem, verstorbenen Menschen umgehen kann.

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Er kam mit alledem klar, fühlte sich dazu berufen, in diesen schweren, wenn nicht sogar schwersten Zeiten für die Angehörigen da zu sein. Wenn ein Mensch stirbt, kommt ein nicht unerheblicher bürokratischer Aufwand auf die Angehörigen zu. „Auch das erledige ich natürlich bei Bedarf für die Hinterbliebenen.“
Sein Anliegen sei es, den Trauernden unterstützend zur Seite zu stehen, Halt zu geben, für sie den roten Faden in dieser Zeit in der Hand zu behalten und mitzufühlen, aber nicht mitzuleiden. „Das ist ein Selbstschutz, den Abstand braucht man. Ich muss trotz allem handlungsfähig bleiben, im Sinne meiner Kunden.“ Jedoch geht es Frank nicht um das „große Geld“, sondern um die intensive Beratung und Begleitung, die er leistet. Und zwar ganz individuell.

Auch Vorsorgegespräche finden statt. Er erzählt mir, dass eher die Minderheit der Menschen sich im Vorfeld mit dem, ihrem, Abschied auseinander setzen. Im Rahmen der Gespräche kann er helfen, die Vorstellungen für die eigene Trauerfeier umzusetzen und den Menschen so eine Erleichterung zu verschaffen. Auch die richtige und frühzeitige Grabplatzwahl sei wichtig.

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Ich erfahre, dass nach dem Tode jeglicher Anspruch erlischt. Tote sind nicht mehr krankenversichert.
„Offiziell sind die Räumlichkeiten im Krankenhaus nicht würdevoll genug. Für alle Kosten, die nach dem Ableben eines Menschen entstehen sind die Bestattungspflichtigen zuständig. Dessen ist sich mancher nicht bewusst. Die Krankenhäuser könnten diese Leistung anbieten und mit den Angehörigen abrechnen. Sie überlassen dies aber lieber den Bestattern.
Ein lebender Mensch hat Ansprüche gegen die Versicherer. Der Versicherungsschutz endet mit dem Tod.“

So kommen wir auf die Frage, was ein heilsamer Abschied ist.
„Wir nehmen ständig Abschied, jeden Tag, der jetzige Moment ist gleich schon wieder vorüber, und kommt nie wieder. Nach jedem Treffen könnten wir uns fragen, ob wir unser Gegenüber wiedersehen, oder ob das ein Abschied für immer ist. Menschen sollten sich der Endlichkeit ihres Seins mehr bewusst werden, sich im Loslassen üben. Tod bedeutet Abschied, Abschied bedeutet Loslassen. Auch das Bewusstsein schärfen, welches Geschenk das eigene Leben ist, dass das, was war, schön war, wir genau diese Momente erleben durften. Das ist nicht selbstverständlich.“

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Welche Trauerkultur in Deutschland gibt es? „Sie ist wohl noch vorhanden“, sagt er. Aber auf welchem Niveau? „Früher, und das ist noch gar nicht lange her, betrachtete man Leichenwagen, die durch die Straßen fuhren, anders, als Postautos oder andere Fahrzeuge. Man hielt inne, und wenn auch nur kurz, zog den Hut zur Brust oder zeigte eine andere Geste der Aufmerksamkeit und Anteilnahme, dass da wieder Jemand gestorben ist.“

Was mich sehr verwundert ist die Tatsache, dass der Beruf des Bestatters in Deutschland nicht geschützt ist. Jeder kann sich in diesem Beruf selbstständig machen, auch, wenn Jeder, der an diesem Beruf Interesse hat, sich ausbilden lassen könnte. Aber theoretisch genügt ein Gewerbeschein. So kommen wir auf wichtige Fragen, wie die Diskretion, die Schweigepflicht, die es ja nun gesetzlich nicht gibt.

„Diskretion und die eigens auferlegte Schweigepflicht gehören genauso fest zu meiner Berufsphilosophie, wie eine ehrliche Anteilnahme und ein ehrliches Mitgefühl. Ich kann mich nicht mit Menschen zusammensetzen, die soeben einen Angehörigen oder einen Freund verloren haben, und nur so tun, als würde mich das irgendwie berühren.“ Nach jeder Beisetzung geht er noch einmal, als Letzter, zurück zur Gruft und verabschiedet sich von dem Verstorbenen.
„Im besten Falle entwickelt sich Trauer nach einer gewissen Zeit zu einer Zufriedenheit und einem großen Glück, dass man eine, manchmal nicht unerheblich lange Zeit mit dem nun verabschiedeten Menschen verbringen, mit ihm das Leben teilen durfte.“

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Ich frage Frank, was er den Lesern dieses Blogs mit auf den Weg geben möchte.
„Macht Euch bewusst, dass man keinen Moment jemals zurückholen kann. Lebt das, was für Euch schön und wertvoll ist, ganz bewusst und genießt es. Jeden Tag.“

Zum Ende dieses Gespräches stelle ich noch einige Fragen, die mir Freunde ans Herz legten. Diese und die jeweiligen Antworten stelle ich hier kurz zusammen:

Was passiert mit Endoprothesen und Zahngold?

„Prothesen und Edelmetalle werden nach der Einäscherung aus der Asche gezogen. Rein rechtlich gehört das den Angehörigen, jedoch verbleiben diese Dinge meistens im Krematorium. Das Krematorium in Lüneburg beispielsweise sammelt und spendet dann den Erlös an Institutionen (wie z.B. dem Kinderhospiz Sternenbrücke in Hamburg). Wenn Angehörige vor der Einäscherung darauf bestehen, dass Zahngold entnommen wird, also ein Zahn entnommen werden soll, müssen sie selbst einen Zahnarzt beauftragen, der den Zahn zieht. Die Kosten übernehmen die Angehörigen.“

Warum sind Särge so teuer?

„Das kann man nicht pauschalisieren. Die Menschen bezahlen das, was sie bereit sind auszugeben. Es gibt sehr schlichte, einfache Särge, die dementsprechend kostengünstiger sind, als bspw. aufwändig gearbeitete, schwere Edelholzsärge.“

Was wiegt die Asche eines Verstorbenen?

„Das Gewicht der Asche variiert je nach Größe und Schwere des Menschen, dann kommt es auch auf Dinge wie den Grabschmuck an. In der Regel 2,5 – 3kg. Aber auch 5kg sind möglich.“

Warum darf man die Asche des Verstorbenen nicht mit nach Hause nehmen oder ihn Zuhause beerdigen?

„In Deutschland besteht die sogenannte Bestattungspflicht. Das bedeutet, dass jeder Mensch das Recht haben muss, an einer Grabstelle öffentlich zu trauern. Nimmt man die Asche nun mit nach Hause, verwehrt man diese Möglichkeit und begeht eine Ordnungswidrigkeit. Die „Möglichkeiten“, die Asche über Umwege, wie z.B. die Niederlanden oder die Schweiz mit nach Hause zu nehmen, gilt ebenfalls als Ordnungswidrigkeit und ist in Deutschland verboten. Als Beispiel: Die Überführung des Verstorbenen nach Holland, sowie die Aushändigung der Asche dort, ist erlaubt. Aber sobald die Asche die Grenze zu Deutschlang überschreitet, und nicht dann öffentlich beigesetzt wird, begeht man einen Verstoß.“

Gibt es eine Art Friedhofsliste?

„So eine Liste ist mir nicht bekannt. Bestattungsrecht ist Ländersache, beispielsweise ist eine oberirdische Urnenbeisetzung in Niedersachsen nicht erlaubt. Ebenso legt jeder Friedhof seine eigene Friedhofsordnung fest. Da gibt es keine allgemeinen Regelungen. Was es gibt, sind z.B. Listen der Friedwälder, die man bei den jeweiligen Unternehmen anfordern kann.“

Nach diesem Gespräch fahren wir noch in Franks Lager, in dem die Särge, Leichenwagen, Sargdecken und weiteres untergebracht sind. Der Leichenwagen beeindruckt mich mit seiner Technik und seiner inneren Optik sehr.

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Danach wird es spannend. Es geht zum Krematorium. Ich habe mir so einen Ort bisher, ohne blöde Klischees bedienen zu wollen, recht düster, eher traurig und steril vorgestellt.
Von außen könnte der rote Backsteinbau sogar eine Schule oder ähnliches sein. Wir treten ein: hell, freundlich, keine unangenehmen Gerüche, die in die Nase steigen.
Die Mitarbeiter sind richtig gut gelaunt, und die Begrüßung ist freundlich und offen.

Die Wände sind in mediterranen Farben gehalten, der Trauerraum (den wir nur über einen Bildschirm sehen konnten, weil er besetzt war)wirkt ebenfalls einladend und ruhig.
Wir stehen vor der Kühlkammer. Frank sagt mir, dass dort keine leeren Särge stehen. Ich möchte hineingehen. Wir stehen in dem Kühlraum, neben bestimmt 15 unterschiedlichen Särgen. Wieder empfinde ich es als nicht unangenehm, sondern spüre eine Art Ruhe und sage zu Frank, dass es sich für mich unheimlich „normal“ anfühlt.

Während wir weitergehen kommen wir zum Arztraum, in dem eine Pritsche steht, die man auch aus Krimis oder Pathologie-Dokus kennt.
„Vor der Einäscherung muss eine zweite ärztliche Untersuchung durch den Amtsarzt stattfinden“, erklärt mir Frank. Der Raum schüchtert mich nicht gerade ein, aber ich fühle mich dort auch nicht unbedingt wohl.

Weiter geht es in den Vorraum vor dem Ofen.
Die Schiene, auf der die Särge in das Krematorium gefahren werden, ist nicht leer. Jedoch findet auch gerade eine Einäscherung statt. Dieser Vorraum ist erneut alles andere als kalt, unheimlich oder steril. Er wirkt auf mich sehr würdevoll und warm.

Warm, im wahrsten Sinne des Wortes. Wo ich kurz zum Thema Fröhlichkeit kommen möchte – die zwei Mitarbeiter, die ich kennen lernen durfte, waren überaus freundlich und überaus entspannt. Das half mir sehr, in meinem Gefühl der Normalität bestätigt zu werden.

Auch Frank scherzt. Auf meinen Einwand, dass es doch sicher noch Menschen gibt, die Panik davor haben aus Versehen lebendig begraben oder eingeäschert zu werden, entgegnet er: „Drei Tage Kühlkammer hat noch keiner überlebt, da kannst Du ganz beruhigt sein.“ Jawoll, bin ich dann auch.

Wir stehen vor dem Krematorium. Auf dem modernen Bildschirm steht, dass im Inneren aktuell eine Temperatur von 862°C herrscht. Es ist unwahrscheinlich warm. Mir fällt sofort das Guckloch auf, das einem einen Blick in das Innere des Brennofens ermöglicht. „Darf ich?“, frage ich den Mitarbeiter. „Wenn Sie keine Albträume kriegen, natürlich.“, sagt er.
Ich schaue hinein, sehe einen Schädel, Reste eines Körpers, Flammen schlagen an ihm hoch. Es sieht so unwirklich aus, aber ebenso…ja, schon wieder…ich empfinde es als ruhig.
Ich bin nicht erschrocken, finde diesen Anblick aber mehr als eindrücklich und werde umgehend sehr ehrfürchtig, vor dem, was ich da eben beobachten durfte.

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Wir besichtigen noch den Raum, in dem die Asche nach der Einäscherung in die Urnen gefüllt wird. Kleine und große Urnen stehen da. Und kleine Säckchen mit Namensschildern. Ich frage Frank, was es mit ihnen auf sich hat.

„Darin befindet sich ein wenig Asche. Wenn Angehörige einen Teil der Asche mit nach Hause nehmen möchten, ist das möglich und erlaubt.“
Das finde ich großartig! Könnte mir das auch gut für mich vorstellen, wenn Hinterbliebene ein paar Gramm von meinen Resten als Andenken in einem hübschen Kästchen auf der Fensterbank, mit Blick in den Garten aufbewahren wollen.

Die Verabschiedung fällt so nett aus, wie die Begrüßung.

Ich bin sehr angetan, positiv überrascht und auch noch jetzt um einige Gedanken und vielleicht sogar Sorgen erleichtert, die ich mir im Vorfeld gemacht habe.
Vor allem aber danke ich Frank. Für seine Zeit, seine Geduld, seine sehr offene Beantwortung meiner (unserer) Fragen und den wirklich, wirklich hochinteressanten Tag.

Ich kann, als Fazit, wirklich Jedem empfehlen, sich mal mit einem Bestatter in Verbindung zu setzen, sich ein Krematorium zeigen und erklären zu lassen. Es ist nichts alltägliches, aber auch alles andere, als befremdlich oder unheimlich.

Und es betrifft uns alle.

Mit freundlicher Genehmigung vom Bestattungsinstitut Horn:

FHorn

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4 Gedanken zu “Exkursion | Mein Besuch beim Bestatter

  1. Wie alle Deine Blogs einfach toll geschrieben. Dieser hier insbesondere, da er ein Thema aufgreift, was die meisten Menschen vermeiden. Natürlich will jeder leben, aber dazu gehört auch sich mit dem Tod zu befassen, ihn zu verstehen und gewissermaßen die Scheu davor zu verlieren. Ich hoffe, dass Du diese Seite noch lange aufrecht erhalten wirst, denn sie macht mir immer wieder ein stückweit bewusst, worauf es wirklich ankommt. Liebe Grüße, Markus

    • Lieber Markus,

      sehr spät, aber von Herzen kommt mein DANKE für Deine lieben, motivierenden Worte 🙂

      Herzliche Grüße
      Mone

  2. Ein toller Einblick den du uns damit ermöglicht hast.
    Ich habe mir auch schon mal vorgenommen mich näher damit zu beschäftigen da ich gerne immer alles im Vorfeld abgeklärt haben möchte, grad wenn es umso wichtige Dinge geht.
    Aber wie es in so einer hektischen und schnelllebigen Zeit nun mal ist, man vergisst es einfach, obwohl es Jeden jeden Tag treffen könnte.
    Was ich mir für mich vorstelle weiß ich schon lange, aber was ist wenn man Kinder hat?! Wenn ihnen mal was zustösst?! Da ist man schnell an seinen Grenzen angelangt.
    Die Sache das Angehörige einen Teil der Asche mitnehmen dürfen finde ich toll und habe ich so noch nicht gewusst.

    Danke für deine offene Art über alles so zu schreiben wie du es tust.
    Es hält einem immer wieder vor Augen das man jeden Tag bewusst leben sollte und dankbar für ihn ist.

    GLG Christiane

    • Liebe Christiane,

      auch Dir ganz herzlichen Dank für Deine Worte zu meinem obigen Text.

      🙂 und liebe Grüße
      Mone

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