Mir ist kalt.

Ich friere.

Seit einigen Tagen habe ich Halsschmerzen und meine Bronchien quietschen beim Atmen monoton vor sich hin. Arme Alveolen, ständig ist die Vermieterin ihres Heimes krank. Sowas Olles. An deren Stelle würde ich eine Mietminderung vornehmen. Eine ordentliche.

Die schwirrt auch in meinen Gedanken herum. Die Mietminderung. Nicht schon wieder, die leise Stimmer einer bekannten Furcht klingt in mir auf.

Ein paar Monate wohnen wir nun erst hier, wie viele genau, kann ich auf die Schnelle nicht sagen. Zu viele Umzüge in einer zu geringen, zu kurzen Zeitspanne liegen hinter mir. Zu oft umgewöhnen, versuchen anzukommen, sich wieder und wieder einrichten, Kartons ein- und wieder auspacken. Wir fühlen uns, mehr oder weniger wohl. Weniger aufgrund des Drucks, der herrschte.

Jedoch war dieser Sommer anfänglich keiner, er war kalt, nass und unsere neue Wohnung befindet sich in einem uralten, wunderschönen Bauernhaus. Wenn es draußen einige Tage kalt ist, und man drinnen nichts dagegen tut, wird es dort auch kalt. Ziemlich kalt sogar. Da hilft es auf Dauer auch nicht, sich warm anzuziehen. Im Winter friert man auch ab einem gewissen Punkt, trotz dicker Kleidung. Wenn die Kälte in die Knochen kriecht, da machste nix.

Laut Aussage unseres Vermieters sind wir wahrscheinlich nicht die richtigen Mieter, wenn wir so „pingelig“ sind. Das sagte er. Das sagte er zu Roman, als dieser ihm (nachdem meine zwei freundlichen Nachfragen nichts brachten) mitteilte, dass unsere Wohnung völlig ausgekühlt sei und mir das zu schaffen mache. Seitdem sage ich nichts mehr. Jedenfalls teile ich ihm nicht mit, nicht noch einmal, dass ich friere, dass ich sehr schnell sehr krank werde, ich mich sehr schlecht von grippalem Infekten und deren Anhängseln erhole und Fieber bei mir unangenehme Schübe auslöst. Das sage ich ihm nicht, wie gesagt. Nicht mehr.

Die Befürchtung, ihm dadurch auf den Schlips zu treten, wir erneut auf Nestsuche gehen müssen, ist zu groß, warnt mich davor, meinem Vermieter erneut mitzuteilen, dass mir dauerhaft kalt ist, wenn es draußen längere Zeit kalt ist, und ich die Heizung nicht erfolgreich aufdrehen kann, weil diese im ganzen Haus abgestellt ist („Wissen Sie, was das kostet?“). Es ist nicht so, dass wir keine Frischluftfanatiker sind, nicht zu den Leuten gehören, die bei offenem Fenster schlafen. Stickige Luft mögen wir natürlich überhaupt nicht. Aber frieren ist kacke. Und eine Autoimmunerkrankung zu haben, die fleißig mitfriert und mehr als beschissen auf das Frieren reagiert, ist auch kacke.

Also friere ich. Ziehe mich dick an, aktuell sitze ich hier eingepackt in 2 Shirts, einer dicken Fleecejacke, Schal um den Hals geschlungen, 2 Paar dicke Socken an den Füßen, heißen Kakao schlürfend und mich ärgernd. Hoffentlich wird es bald wieder wärmer. Bitte. Ein wenig, nachts.

Allerdings brachte mir dieses Erlebnis eine gute, für mich fast bahnbrechende Erkenntnis.

Seit ich 2008 aus dem Sauerland in den Norden zog, lebte ich in 6 Wohnungen. Okay, 7, wenn ich Romans Wohnung, in der ich lange Zeit teilweise mitlebte, auch mitzähle. Eine davon liebte ich. Ich liebte diese Wohnung fast so sehr, wie man ein Lebewesen lieben kann. Sie war perfekt. Klein, süß, hell, muckelig, schief und krumm und knarrend. Das war mein Zuhause, mein Rückzugsort, mein Nest, meine Höhle. Wenn ich dort war, konnte mir keiner was. Niemand. Wäre ein Krieg ausgebrochen, wären alle Bomben, Raketen und sonstigen todbringenden Bedrohungen an mir vollends vorbeigeschossen. Ich war dort sicher. Nein: ich fühlte mich dort sicher.

Dann zeigte meine damalige, einzige unmittelbare Nachbarin ihr „wahres Gesicht“. Ich wurde bedroht, genötigt, belästigt. Ich kämpfte und kämpfte. Um mein Zuhause, für mein Nest. Mein doch so sicheres Nest. Über Monate versuchte ich, Gerechtigkeit und Schutz zu erkämpfen, die damalige Wohnungsgenossenschaft sah ein, dass da gehörig was schief lief. Aber diese Dame sei immerhin seit Jahren Kundin und Mieterin. Sagte man mir. Und die Klügere (ich) gibt nach. Sagte man mir. Ich solle einfach drüber hinweg sehen. Sagte man mir. Ich solle einfach jedes Mal die Polizei rufen. Sagte man mir. Die Frau sei krank, die merkt nicht, was sie da macht. Sagte man mir. Das Auto besser woanders parken. Sagte man mir. Nachdem der Lebensgefährte der Nachbarin alkoholisiert gegen meine Tür donnerte um mir dann mitzuteilen, dass er „wisse, wo das Auto stünde“ und meine „beschissenen Bremsschläuche durchschneide“. Macht der doch eh nicht. Sagte man mir.

Der Gerichtsprozess aufgrund der dortigen Erlebnisse läuft seit drei Jahren. Meine Anwältin vertröstet mich seit einem Jahr, es würde sicher gut ausgehen, zu meinen Gunsten, ich solle Geduld haben. Habe ich. Muss ich ja. Dank meiner Gesprächstherapeutin, die ich damals eigentlich konsultierte, weil ich mir selbst über einige meiner Denkweisen und Zweifel klar werden wollte, verlor ich viele Ängste, die sich während dieser Zeit in mir festigten und sich wie Zecken ansaugten. Ich lernte zudem was ganz außerordentlich Wichtiges: Grenzen setzen. Und zwar richtig. „Nein“ sagen kann ich mittlerweile echt gut.

Mein geliebtes Zuhause räumte ich. Nachdem die Wohnungsgenossenschaft Roman Hausverbot erteilte, weil er (und zwar lediglich verbal) mich an einem Abend vor einem Angriff durch die alkoholisierte Nachbarin samt des Lebensgefährten beschützte. Roman, der keiner Fliege war zuleide tut. Wäre Roman an diesem Abend nicht zufällig bei mir gewesen, weiß ich nicht, ob ich diese Wohnung, mein Zuhause, eigenständig überhaupt hätte räumen können. Das Hausverbot wurde aufgehoben, damit Roman mir beim Auszug helfen konnte. Wie gütig.

So gab ich auf und ertappe mich noch heute dabei, wie ich dieser Wohnung nachheule.

Die darauffolgende Wohnung verließ ich, weil ich nach dem Bandscheibenvorfall meine kleine Hühnerleiter gen Schlafzimmer nicht mehr hochkraxeln konnte. Einen lieben Gruß an Thorsten, den liebsten, empathischsten, lustigsten und nettesten Vermieter, den es gibt. Ja, ich hole mein Fahrrad irgendwann noch ab. Versprochen.

Es hat auch was Gutes, dieses Umhergeziehe. Man lernt interessante Menschen kennen.

Dann zog ich mit Roman zusammen.

Zurück zu meiner Erkenntnis in Sachen „ich darf nicht öffentlich frieren“.

Ich definiere mein Zuhause seitdem nicht mehr über irgendwelche Wände, eine Haustür und „den einen“ Boden unter meinen Füßen. Ich bin mein Zuhause, ich wohne in mir. Und ich trage somit mein Zuhause überall mit mir herum, nehme es mit. Wie eine Schnecke. Eine pummelige Schnecke. Die Mone unter den Weinbergschnecken, vermutlich. Dass ich Boden unter den Füßen habe und sicher bin, in und mit mir, mich sicher fühlen kann, muss ich mir des öfteren noch in den Kopf rufen.

Wenn ich in ein Auto einsteige, teste ich vor jeder Fahrt einmal die Bremsen.

Da, wo ich jetzt sitze, in unserer aktuellen Wohnung, bin ich noch nicht endgültig angekommen, das spüre ich. Aber das ist auch nicht schlimm. Wer bleibt schon, wenn er dreißig Jahre alt ist, an genau diesem Ort, an dem er gerade wohnt? Außer, das Haus, die Wohnung ist gekauft und man ist hoffnungslos verliebt in diesen, einen Ort. Das ist dann auch sehr schön. Dann ist man angekommen.

Ankommen möchte ich auch. So richtig. Irgendwann.

Wann das sein wird, kann mir Keiner sagen, und das ist auch gut so. Ich möchte nicht wissen, was noch auf mich zukommt.

Solange gebe ich mir große Mühe, mich mit mir überall, wo ich bin, wohl zu fühlen und klar zu sein, in und mit dem, was ich tue. Und mache es mir hier schön. Wurschtel nach meinen Möglichkeiten in dem kleinen Garten herum, der ein echtes Träumchen ist, bin stolz darauf, schon jede knarrende Stelle der alten Holzdielen zu kennen und lausche, wenn die Pferde hinterm Haus wiehern oder die Kirchenglocke schlägt.

Und friere ein bisschen.

 

http://www.youtube.com/watch?v=DmfcUXbYnzI

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