Kaputt.

Jo, ich mal wieder.

Das „Tschakka“ aus meinem letzten Eintrag verschwand gefühlsmäßig so schnell wieder, wie es angeflogen kam.

Fühle mich derzeit unfassbar kaputt, könnte nur noch schlafen. Es fällt mir teilweise schwer, meine Zahnbürste festzuhalten. Ich fühle mich wie narkotisiert, muss häufig in Etappen schlafen. Brauche irre lang, um morgens in die Gänge zu kommen – wortwörtlich. Das Laufen ist mal wieder nicht so das, was zu meinen besten Fähigkeiten zählt.

Jemand, der noch nie an Fatigue litt, kann nicht nachvollziehen, wie das ist. Das stelle ich immer wieder fest.

Ich höre dann so oft: „Jaaa, das habe ich auch oft, das liegt am Wetter.“ Oder: „Müde ist doch Jeder mal.“

Darf ich ehrlich sein?

Ich kann diesen Stuss nicht mehr hören. Vielleicht gehe ich da auch zu sehr von mir aus. Ich habe noch nie zu den Menschen gezählt, die anderen kluge Ratschläge oder Floskeln um die Ohren zimmern, obwohl ich von der Materie null bis gar keine Ahnung habe. Und ich bin zu erschöpft, um mir weiterführende Gedanken zu machen, ob diese Menschen einfach nicht wissen, was sie sagen sollen – sie MÜSSEN nichts sagen. Wer mich persönlich kennt, weiß das. Ich fordere nichts. Außer, ich stelle offen Fragen, dann rechne ich auch mit allem. Negativ wie positiv wie irgendwie. Aber bitte: Niemand soll sich gezwungen fühlen, unbedingt etwas sagen zu müssen, nur um eine stille Sekunde mit sinnloser Leere zu füllen.

Okay, das nehmen mir jetzt sicher die ein oder anderen übel. Damit kann ich leben.

Seit Jahren trage ich diese bleierne Schwäche in mir, mit mir herum. Dann vermischen sich die Symptome auch gerne mal. Motorische Probleme addieren sich mit der Fatigue, diese seltsame  Vergesslichkeit gesellt sich hinzu, es grüßen die Parästhesien – und der Tag ist (haha) gelaufen.

Was ebenfalls in mir vorgeht: ich fühle einen Anflug von Schuld. Ich fühle mich schuldig, in diesem Zustand zu leben. Meinem Umfeld chronische Sorgen zu bereiten. Teilweise so fühlbar untätig zu sein und nicht mehr wie normale, gesunde Menschen arbeiten zu können.

Dann kommt, manchmal, ganz selten, auch ein wenig Wut dazu. Habe das heimliche Schreien wieder für mich entdeckt. Wenn Niemand da ist, schreie ich. Bis die Stimmbänder Samba tanzen und mein Hals beginnt zu kratzen.

Oder ich weine. Aber nicht mehr so oft, wie früher, als ich nicht wusste, was mich da so quält. Oh, das war dramatisch. Anders: früher, als ich von der MS noch nichts wusste und mich ständig fragte: „Was ist nur mit mir los? Haben die Ärzte recht, bin ich einfach nur gestresst, bilde ich mir Erschöpfung, Schmerzen und motorische Ausfälle nur ein?“

Mal gucken. Das Wetter hat einen geringen Einfluss auf mein Wohlbefinden.

Aber es ist eben nicht die Ursache. Gegen die kann ich nichts tun. Ich kann dagegen nichts tun. Nichts. Tun.

Es heißt immer, ein gesunder Geist kann nur in einem gesunden Körper leben. Mein Körper ist aber nicht gesund. Habe ich deshalb einen kranken Geist? Hat mein Geist zwingend etwas damit zu schaffen, dass diese Autoimmunerkrankung meinen Körper gewissermaßen kaputt macht? Ich habe viele „kranke“ Menschen kennen lernen dürfen. Und in so vielen von ihnen wohnte ein äußerst gesunder, reflektierter, sehr sensibler Geist.

 

Mein Körper bekämpft sich selbst. Das ist MS.

Das ist so traurig.

Ich bin traurig.

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Ein Gedanke zu “Kaputt.

  1. es gefällt mir natürlich nicht, dass es dir so schlecht geht, aber es gefällt mir, dass du es aufschreibst!

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