Ein Abfalleimer, Morphium & Nagellack.

Ich war zwar gerade schon auf dem Weg ins Bett, aber: auch das muss irgendwann mal raus, auf’s Papier. Jetzt.

Es ist Sonntag, Ende Januar im Jahr 2012. Ein paar Schneeflocken lassen sich blicken und es ist knackig kalt und ziemlich diesig, düster.

Mittagszeit, Gassizeit. Roman und ich machen uns und Kolja fertig, wir wollen zum Eichbaumsee. Ziehen uns an, schnappen uns Schal, Mütze, Handschuhe und wollen gerade los, als ich in der Küche noch schnell etwas wegwerfen will. Nehme es (ich habe keine Ahnung mehr, was genau) von der Küchenanrichte, drehe mich zum Abfalleimer um, beuge mich wie etliche Male davor, in halb gebeugter Haltung hinunter und… „ZONG“! Was für ein Geräusch, was für ein Gefühl.

Ich quietsche, ringe nach Luft und sacke auf den Boden. Weiß noch genau, was ich an diesem Tage anhatte. Und: dass ich meinen neu errungenen, geliebten „Konfetti-Nagellack“ trug.

Kolja und Roman kommen sofort in die Küche getrabt, sind ratlos. Ich kann kaum etwas sagen. Irgendwie schafft es Roman, mich ins Wohnzimmer zu bringen. Dort lungere ich nun, halb liegend, halb sitzend, laut weinend auf dem Sofa und denke sofort an meinen Rücken.

Roman will umgehend den Notarzt anrufen, das will ich aber nicht. Er möchte doch bitte kurz mit Kolja eine Runde um den Block drehen, damit dieser sein Geschäft erledigen kann. Dann sähen wir weiter. Roman sträubt sich, will mich nicht alleine lassen. Er ruft den ärztlichen Notdienst und erreicht einen recht barschen Typen, der sagt, er sei in einer guten Stunde da.

Warum passiert sowas immer am Wochenende?

Roman geht mit Kolja raus. Ich muss dringend zur Toilette, kann kaum noch einhalten. Krieche auf allen Vieren um die Ecke zum Badezimmer und ziehe mich am WC und der Badewanne hoch. Immer noch heulend krieche ich wieder zum Sofa zurück. Bitte nicht die Bandscheibe, bitte nicht die Bandscheibe, bitte bitte nicht! Dieser Satz wird in den nächsten Stunden zu meinem Mantra.

Als der Arzt kommt, sind Roman und Kolja schon wieder zurück. Roman ruft unterdessen Freunde und Familie an, mit denen in den nächsten Tagen diverse Verabredungen hätten stattfinden sollen.

Der Arzt berührt mich nicht einmal, sagt, ich habe mir wohl den Rücken verrenkt oder den Ischiasnerv eingeklemmt. „Is‘ nicht so schlimm!“, brummelgrummel. Er lässt mir Diclofenac- und Paracetamoltabletten da. Und fährt wieder. Arschloch.

Nach einer halben Stunde kann ich nicht mehr. Nach einer weiteren halben Stunde kommen zwei unwahrscheinlich einfühlsame, nette Rettungsassistenten samt Stuhl für den Transfer in den RTW in die Wohnung geschneit. „Ich komme nicht mit ins Krankenhaus, auf keinen Fall.“ Die beiden gucken Roman fragend an. Was mir Roman dann alles sagt, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich kurze Zeit später über den Hof gerollt und getragen werde, dann im RTW sitz-liege und der nette RA mich beruhigt und zu überreden versucht, bloß im Krankenhaus zu bleiben, falls das notwendig sei. Ich sage nichts, habe nur noch Angst. Meine Beine fühle ich nicht mehr, mir ist kotzübel vor Schmerzen und mein Magen dreht sich, weil ich es nicht vertrage, rückwärts zu fahren.

Mit Roman verabrede ich, dass der RA ihn anruft, sobald ein Ende der ersten Diagnostik in Sicht ist. Wir kommen im Krankenhaus an. Was dann passiert, möchte ich abkürzen, denn in Echtzeit dauerte folgendes an die 7 Stunden: Röntgen (ich schreie die arme Radiologieabteilung zusammen), Kotzen, 3 Versuche des Assistenzarztes, mir einen Venenzugang zu legen, gefühltes unendliches Warten, Kotzen, erster kleiner Morphiumtropf, Besprechung mit Ärzten. Ein Bandscheibenvorfall, „ganz unten“. „Sie müssen wohl oder übel hier bleiben, eventuell müssen wir operieren“, sagte die Ärztin. Und fügte hinzu, mit einem Fingerzeig auf die Röntgenbilder: „Da am Rückenmark ist irgendein Nupsi, das ist aber weiter nichts Schlimmes.“ Auf meine Frage hin, WAS das denn sei, bekam ich keine Antwort. Zweiter kleiner Morphiumtropf. Kotzen.

Ich will nach Hause, entlasse mich entgegen des ärztlichen Rates selbst. Operieren. Am Rücken. Die haben ja wohl einen an der Murmel. Ich grinse schief. Roman kommt durch die Tür, schaut sorgenvoll und aufgeregt. Ich versuche aufzustehen, mit Hilfe meiner neu erstandenen Krücken, und scheitere kläglich bei dem Versuch, ihm entgegen zu gehen. Ich breche im Flur der Notaufnahme in Tränen aus und sacke zu Boden. Schon wieder. Scheiß Schwerkraft. Scheiß Schmerzen.

„Du bleibst hier! Das ist zu Hause viel zu gefährlich! Ich kann Dir doch gar nicht helfen, und in Deiner Wohnung kommst Du nicht mal eine Treppenstufe hoch. Ich nehme mir frei, mach Dir keine Sorgen, okay?“.

Okay, Roman. Danke.

Der Assistenzarzt sieht das Ganze und ruft auf der Station an, um mir ein Bett „klar zu machen“. Roman fährt wieder nach Hause. Eine liebe Krankenschwester gibt ihm die Anweisung, ruhig Klamotten für 7-10 Tage einzupacken. Ich bin fertig. Kotze.

Als wir auf der Station ankommen, bin ich in einem wahnsinnigen Nebelzustand angelangt. Die zwei Schwestern, die mich in Empfang nehmen, mir beim Ausziehen helfen und einfach nur nett sind, sehe ich ab dem Folgetag nie wieder. Ich frage mich bis heute, ob ich sie mir nur einbildete. Eine von ihnen war um die 40, stark und bunt tätowiert, hatte knallrote Haare und holte mir aus der Küche ein Nutella-Käse-Brot und eine Kakao. „Du hast sicher Hunger! Die Nacht wirste eher sitzend verbringen, bereite Dich da mal drauf vor.“.

Sie war bestimmt an die zwei Stunden immer wieder bei mir im Zimmer. Wechselte Corti- und Sonstewastropf aus, brachte mir Trinken, erklärte Roman, wie es nun weitergeht.

Ich war 7 Tage in der Klinik. Eigentlich sollte am zweiten Tag ein MRT gemacht werden, ich wurde aber vergessen (Fehler im EDV-Dingenskirchen), und so lernte ich die netten Menschen der Radiologiepraxis, die eigenständig in dieser Klinik ist, erst am vierten Tag kennen. Die Praxis, in der ich seitdem meine MRT-Verlaufskontrollen „malen“ lasse.

Meine Bettnachbarin ab dem zweiten Tag war Elisabeth. Elisabeth war 70 und zog zu dem Zeitpunkt in eine Wohnung, nur ein paar Straßen von Roman entfernt. Wie wir erfuhren, sah sie uns des öfteren beim Gassi gehen mit Kolja. Lustig. Und eine sehr nette, interessante Bekanntschaft. Die Tage vergingen recht schnell. Ganz anders, als gedacht.

Als ich mir am 5. Tag das erste Mal nach Tag X die Haare wusch, war ich überglücklich. Was für ein Gefühl. Erst einen guten Monat vorher hatte ich mir meine langen Haare abschneiden lassen. Trug nun eine Art Kurzbob.

Ich verlor rasant meine Krankenhausangst. Das erste Mal in meinem Leben wurde ich in einer Klinik, in der ich stationär unterkam, von A – Z für voll genommen und „normal“ behandelt. Freundlich. Von der Putzfrau bis zum Oberarzt, das ganze Team war einfach nur klasse und sehr aufmerksam. Die Anästhesistin kam jeden Tag (!) kurz zu mir, setzte sich an mein Bett und besprach mit mir das weitere Vorgehen. Ich fragte mich, ob sie wohl weiß, dass ein Mensch auch mal schlafen muss. Hätte ihr fast ein paar Mal angeboten, sich doch zehn Minütchen mit in mein Bett zu legen. Essen. Trinken. Die arme Frau. Dauerwach, stets im Einsatz. Unermüdlich für ihre Patienten da, und sowas von kompetent. Sie empfahl mir dringend, mich vorerst mit Morphium einstellen zu lassen. Wir probierten das, wenn ich mich recht erinnere, über Tabletten einen ganzen Tag aus – das reichte mir.

Nicht nur, dass ich nichts, aber auch gar nichts mehr vom Leben um mich herum mitbekam, selbst einen Besuch einer lieben Freundin verschlief ich völlig, die über 3 Stunden bei mir am Bett saß. Sondern meine Gedanken drehten sich auch um die Tatsache, dass nach Morphium nichts mehr kommt…was, wenn ich irgendwann dauerhaft auf Schmerzmittel angewiesen bin? Aus welchem Grund auch immer? Es gibt keine Steigerung. Und die Themen Abhängigkeit und Nebenwirkungen waren mir einfach viel zu gruselig.

Also half mir das Cortison über die letzten Kliniktage recht gut. Keine Nebenwirkungen. Am vorletzten Tag kam eine Physiotherapeutin zu mir, die mir beibrachte, wir ich ab jetzt Treppen hoch- und runterlaufen muss, mich hinsetze, Dinge aufhebe, mich drehe und den Kopf anlehne. All das lernte ich neu. Einige Dinge kannte ich nur noch vage aus der Altenpflegeausbildung. Ich wurde derart entschleunigt, dass ich das teilweise sogar genoss. Noch heute mache ich keine unüberlegten Bewegungen mehr. Oberkörper umdrehen ohne Unterkörper mitzunehmen ist tabu. Gebe mein Bestes. Versprochen.

Eines Tages nahm Roman Kolja mit und fragte, ob er ihn mit auf’s Zimmer nehmen dürfe. Nur kurz. Ganz kurz. Die Schwester verneinte leider, fügte aber hinzu, dass sie definitiv für einen Schmuggelversuch zu haben wäre. Wie sympathisch!

Das ließen wir dann doch bleiben. Stattdessen standen Kolja und Roman unten vorm Fenster im Schnee und guckten und fiepsten zu mir hoch. Das war schön. Mein Hund! Er fehlte mir so!

Elisabeth blieb noch länger in der Klinik. Wir tauschten Telefonnummern aus und blieben in Kontakt.

Die ersten zwei Wochen nach dem Vorfall nahm Roman sich frei. Danach waren meine Eltern eine Woche bei uns, um zu helfen. Unbezahlbar.

In der vierten Woche halfen zwei liebe Bekannte mir mit Kolja. Am Ende der vierten Woche traute ich mich, das erste Mal alleine mit Kolja raus zu gehen und bekam derben Ärger mit Roman. „Wie kannst Du nur, jetzt schon…“ Jaha, jetzt schon. Budenkoller und so.

Die Physiotherapie, die dann alle zwei Tage statt fand, war einfach nur sensationell. Was ich dort lernte und noch lerne (ich bin auch mit meiner MS sehr gut dort aufgehoben), ist für den Alltag so unwahrscheinlich wertvoll. Die seltsame Taubheit, die bis dato alle Ärzte auf den Prolaps schoben, verschwand zwar nicht, was alle Beteiligten stutzig machte, aber meinem Rücken ging es immer besser und besser.

Das ist jetzt über eineinhalb Jahre her.

Ich glaube heute, dass dieser Bandscheibenvorfall sein musste, sein sollte. Die Ärztin, die den „Nupsi“ auf dem Röntgenbild sah, machte mich nachdenklich. Nicht nur mich, auch meinen Hausarzt, der dann schließlich, ein gutes halbes Jahr später, dieses „Ding“ auf’m Röntgenbild, meine Trigeminusneuralgie und die immer noch tauben Beine kombinierte, und den Verdacht hegte…Ihr wisst Bescheid.

Was soll ich sagen. Den Nagellack besitze ich noch, habe ihn aber seitdem nie wieder aufgetragen. Wie dusselig man doch manchmal ist. Nee, wie dusselig ICH manchmal bin. Bin doch eigentlich gar nicht abergläubisch.

Dem Abfalleimer wurde zum nächstmöglichen Termin gekündigt und ein höherer zog ein.

Morphium habe ich als notfallmedizinisch sehr erleichternden, schmerzlindernden, aber auch mich völlig ausknipsenden Helfer in Erinnerung behalten, und mit einer gehörigen Portion Respekt.

Ach, ja: und Vorsätze sind seitdem bei mir absolut gestrichen.

Jedenfalls die, die am Jahresanfang gebastelt werden.

Sowas geht auch im April.

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