Verlust & Gewinn.

„Boah, ich STERBE!“

In wie vielen Situationen sagen (meistens junge) Menschen diesen Satz. Unüberlegt, zwischen Tür und Angel, ohne jeden Bezug zur eigentlichen Aussage. Häufig sogar noch mit einem Lächeln im Gesicht.

Was ist denn, wenn man stirbt?

Sehen wir den Verlust mal ohne das absolut Endliche. Ohne den Tod.

Es ist auch möglich, dass Teile des Lebens sterben. Verwelken. Ressourcen verloren gehen, dass das Hab und Gut plötzlich nicht mehr da ist. Alles weg.

Und trotzdem lebt man noch. Bis zum letzten Wimpernschlag.

In meiner Zeit in der Altenpflege durfte ich häufig miterleben, wie Menschen damit umgingen, wenn sie Alles, was ihnen lieb war, verloren.

Ich möchte hier ein Beispiel nennen. Das Beispiel von Frau I.

Frau I. war Ende 80, als sie in das Seniorenheim zog, in dem ich arbeitete. Ihr Mann starb am gemeinsamen 50. Hochzeitstag. Daraufhin wurde Frau I. sehr krank, baute stark ab. Die Kinder sorgten dafür, dass sie doch „lieber ins Heim ziehen sollte“.

Von einem, ihrem geliebten, Haus mit über 200 m² Wohnfläche in ein 12 m² Zimmer mit Nasszelle.

Ihr geliebter Garten, die geliebten Blumen, die Dekoration, die Andenken, ein Haus voll mit zwei Leben, das weit mehr als eine Geschichte erzählte.

Weg.

Ihre Erinnerungen an ihren geliebten Mann waren lebhaft. Jeden gemeinsamen Tag erzählte sie mir Anekdoten. Wie sie ihren Mann kennen lernte, dass sie ihn anfangs „äußerst ungehobelt“ fand, und er schließlich mit Hartnäckigkeit und einer täglichen Tafel Schokolade, die sie so sehr liebte, ihr Herz eroberte.

Frau I. erlangte irgendwann den Zustand der Teilnahmslosigkeit. Über Tage sagte sie, sie wolle nicht mehr leben. Ihren Mann würde sie so sehr vermissen, es sei nun Zeit, dass sie wieder zusammen kämen.

Sie baute immer mehr ab. Und starb.

Bei meiner Uroma, die mit 98 starb, war es ähnlich. Sie sagte immer: „Kind, wenn ich eines meiner Kinder oder Enkel überlebe, läuft was verkehrt. Dann will ich nicht mehr sein.“ Genau das geschah, innerhalb von Wochen wurde sie immer weniger, verabschiedete sich Stück für Stück von all ihren Lieben, was viele verwunderte, und erlitt eines Nachts einen Herzstillstand.

Die Sanitäter holten sie, trotz Patientenverfügung, während einer halbstündigen Reanimation wieder zurück. Für 3 Tage lag sie auf der Intensivstation. Wartete auf mich und meine Eltern, wir fuhren aufgrund eines Anrufes meiner Großtante eher aus dem Urlaub nach Hause, direkt zu meiner Uroma ins Krankenhaus. Und verabschiedeten uns. Als ich aus dem Zimmer ging, gab ich ihr wie immer zwei Küsse. Sagte ihr, sie kann beruhigt gehen, es sei in Ordnung. Ein paar Stunden später kam der Anruf, sie sei ruhig eingeschlafen.

Was macht ein Verlust mit uns? Wann sterben wir? Wann ist ein Herz unheilbar gebrochen? Kann uns die Sehnsucht nach einem verlorenen Menschen die Angst vor dem Tod nehmen, ihm sogar näher bringen? Welche Verluste lösen bei wem welche Symptome und Emotionen aus?

Viele, sehr viele Menschen sind krank. Unheilbar krank.

Wie ist das, die völlige Gesundheit für immer zu verlieren?

Stelle ich diese Frage „gesunden“ Menschen, erhalte ich fast immer die gleiche Antwort: „Ich glaube, ich würde sterben!“

Das zeigt die Furcht, die Angst vor dem unumkehrbaren Zustand, sobald eine nicht heilbare Krankheit wütet, nein, endgültig benannt wird..

Mir ging es auch so.

Bis ich irgendwann, nach elf Jahren, an dem Punkt stand, an dem ich sagte: ich will wissen, was mit mir los ist. Die Angst davor, dass dieser Zustand des Nicht-Wissens noch länger anhalten sollte, war viel größer, als die vor dem eigentlichen Resultat. („Das Kind hat endlich einen Namen“.)

Also war dieser Verlust für mich erst einmal auch ein großer Gewinn.

Fähigkeiten habe ich ebenfalls nicht verloren, ich kann nur einiges nicht mehr in die Tat umsetzen. Physisch. In meinem Kopf kann ich Alles, und noch viel mehr.

Und ich baue das, was ich noch tun kann, weiter aus. Schmücke diese Ressourcen farbenprächtig und polstere und füttere sie gut, damit ich noch lange was davon habe.

Im Loslassen übe ich mich zwar zwangsweise, merke aber auch hier, wie sinnvoll und wichtig dieses Üben ist.

Für später.

Ich nehme ja nix mit.

Später.

Mein Wunsch, dass jungen Menschen ihre eigene Endlichkeit einfühlsam aber durchaus direkt vor Augen geführt wird, und diesem Thema mehr Beachtung geschenkt wird, professionelle Beachtung, wächst.

Im TV sagte letztens mal Jemand: „Das Sterben und der Tod sind die letzten großen Tabus unserer Gesellschaft.“

Das wäre aber schön, wenn dem so wäre.

Quasi ein großer Gewinn durch Verlust.

Und zwar von Tabus.

 

 

 

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