Couchfrei.

Traurigkeit hat viele Gesichter.

Meins zum Beispiel. Ich kann sehr gut traurig sein. Für mich allein. Mittlerweile koste ich traurige Phasen sogar richtig aus, weil ich weiß, mit ihnen umzugehen und zu verhindern, dass mich Tante Traurigkeit mit zu sich nach Hause nimmt. Man soll ja nicht mit Fremden…und so.

In einer Phase, in der ich mit dem permanenten Weinen, Zweifeln, innerem Stottern, Stillstand, sinnlosen Umherirren und diesem ganzen Kram nicht mehr zurecht kam, holte ich mir Hilfe.

Ein Jahr lang machte ich eine Gesprächstherapie. Ich. Die zwar immer höflich und voll und ganz verstand, wenn andere Menschen sich diese Form von Hilfe suchten, aber für sich für immer beschloss: Ich vertraue mich nie und nimmer und nie nicht so persönlich und intim einem fremden Menschen an. Ich liege niemals verzweifelt in einer Art Pseudoentspannungshaltung auf einer schicken aber unbequemen Couch, während ein fremder Mensch neben mir sitzt und sich gähnend Notizen macht (Stichwort Einkaufszettel).

Doch irgendwie, nach einer längeren Dauer des inneren Verklebens, merkte ich eines Morgens, dass das so nicht weitergeht. Ich brauchte eine fremde, absolut neutrale Sicht auf die Dinge, meine Dinge. Und eine ehrliche Meinung vom einem „Psychoprofi“, wie ich das so mache, so Alles einfach. Blickwinkel ändern mit Hilfe von außen.

„Meine“ Frau H. war und ist großartig. In der ersten Schnupperstunde wusste ich, zu dieser Frau möchte ich wöchentlich hingehen. Muss da nicht auf einer Couch rumliegen, sondern kann wählen, ob ich auf einem Stuhl sitze, auf dem riesigen Sitzliegesack sitzliege, oder sonstwas. In einer der ersten Stunden kam die Frage: „Wie geht es Ihnen heute, was möchten Sie tun?“ Ich war müde und wollte schlafen. Also legte ich mich auf den Sitzliegesack und döste unter professioneller Anleitung durch eine Art heilsame Meditation. Als ich aufwachte, fühlte ich mich wie frisch ausm Ei gepellt.  Ich möchte auch erwähnen, was ich ganz besonders toll fand, in diesem einen Jahr der wöchentlichen Gesprächsführung. Frau H. bestand nie darauf, dem, was in und mit mir los war, eine fest gezurrte, starre Diagnose zu geben um dann einem strikten Therapieschema zu folgen. Sondern das, WAS gerade los war, war einfach los. Man muss eine Kombination von Traurigkeit, Trauer, Müdigkeit und Sinnsuche nicht unbedingt Burn Out oder Depression nennen. Natürlich bin ich nach wie vor ein Fan davon, wenn Kinder plötzlich, endlich, ihre Namen haben. Und natürlich arbeitet Frau H. hoch professionell!

Ich fühlte mich nie wie „in Therapie“, sondern begleitet und angespornt, neue Wege zu suchen und sie zu gehen.

Aber nicht alles lässt sich definieren und exakt benennen. Vielleicht auch, weil es manchmal einfach nicht so dramatisch ist, sondern nur das Leben in Form einer etwas beschisseneren Darstellung? Und so lernte ich, das anzunehmen, was ich fühle. Es zu benennen, und vor allem zu betrachten. Auf mich selbst zu achten und, das war meine Hauptaufgabe, wie sich herauskristallisierte, Grenzen zu setzen. Darin war ich grottenschlecht. Miserabel. Untalentiert wie nix. Quasi ein Linkshänder der Grenzsetzung.

Ein Beispiel für meine immensen Fortschritte, welches ich allerdings mit einem Augenzwinkern darstellen möchte, bevor sich Jemand aus den Profikreisen auf den Schlips getreten fühlt:

Traf ich früher auf Menschen, die anstelle eines normalen „Hi Simone, wie geht’s Dir? Lange nicht gesehen, was ist bei Dir so los?“ folgendes sagten: „Naaaaaaa…?“ Abschätzender Blick, mich musternd von oben bis unten. „Hast Du zugenommen? Du musst Dich gesünder ernähren. Si-mo-ne. Die MS soll ja durch schlechte Ernährung entstehen. Habe ich gehört. Von dem besten Freund des Großcousins meiner Nachbarin.“ Nochmal abschätzender Blick, Augenbraue wird hochgezogen.

Früher stand ich daneben, schluckte allen Frust, bekam auf der Stelle heftigste Bauchschmerzen und brachte maximal ein „Öööheeee…“ zustande, verabschiedete mich hektisch und schleppte dieses Erlebnis mindestens 3 Tage mit mir herum, bevor ich es völlig geballt, gedeckelt und unfair an meiner armen Umwelt ausließ.

Heute würde ich erfolgreich das innere, sehr starke Bedürfnis umwandeln, dieser Person ruckartig und mit Nachdruck meine Einkaufstüten über die Rübe zu brezeln, ihr auf den Fuß zu treten, zu sagen: „Ups!“ und ein breites Grinsen aufzusetzen (Ällabätsch!). Würde sagen: „Deine krasse Ahnung von einfach Allem haut mich um. Du Genie, verdammt!“ Und dem Menschen laut lachend auf die Schulter klopfen. Und gehen.

Nein. Ich würde freundlich anmerken, dass ich nicht wüsste, um solch unsinnigen Rat gefragt zu haben. Thema beendet. Gut, was?

Zudem hat Frau H. mir nie geraten, und das finde ich ebenfalls großartig, mir ein dickes Fell anzuschaffen. Diese Floskel, Ihr wisst schon. Man soll Dies und Jenes nicht so an sich ran lassen, steck das doch einfach weg, bla bla. Sowas gab es nicht. Eher wurde mein Problem hinter dem Unwohlsein, der Unsicherheit entschlüsselt und erkannt. Die Lösung war dann die Auflösung. Und nicht das Unterdrücken, sprich: das in sich hineinfressen von Ärger und Sorge. Dass man dann, irgendwann, wie eine geschüttelte Sprudelflasche den Schraubverschluss von sich schießt und unkontrolliert überläuft, ist dann eine logische Folgerung.

Also: ich bin so dankbar für dieses gute, eine Jahr mit Frau H.. Ich habe viel gelernt, mich besser kennen und schätzen gelernt. Und war, nach der Diagnosestellung, noch einmal dort. Resultat: „Was für eine Herausforderung. Wieder eine neue Aufgabe, nicht wahr? Sie machen das gut, Sie schaffen das.“ Warmherziges Lächeln ihrerseits, fette Kulleraugentränen meinerseits.

Danke.

 

 

 

 

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