Augen.

Wenn man manchen Lebewesen in die Augen schauen will, kann es sein, dass dieses Vorhaben nicht gelingt.

Dann, wenn die Augen geschlossen sind, zum Beispiel. Bei einigen von ihnen hat man allerdings das Gefühl, dass das Licht, welches die Augen funkeln, warm und lebendig wirken lässt, erloschen ist. Oder auf Sparflamme läuft. Dass die Augen geschlossen sind, auch wenn sie sich die Welt anschauen, umherblicken, suchen.

Natürlich kann und soll man Niemanden zwingen, einen tieferen, längeren Augenkontakt aufzunehmen und diesen dann noch zu halten. Aber selbst bei Gesprächen, die es erforderlich machen, dass man sich kurzzeitig mal ansieht, beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass ich vor eine Wand schaue. Eine leere, dunkle, kalte, oftmals traurige Wand.

Ein Spiegel? Man kann vieles erfahren.

Wenn man hinsieht.

Kennt Ihr folgende Übung? Jeweils zwei Personen sitzen sich bequem auf gleicher Augenhöhe gegenüber und sehen sich an. Nicht kurz, sondern über mehrere Minuten. Dass vorher das Einverständnis eines Jeden nötig ist, um einen solch intimen Moment zu erleben, ist klar.

Ich erlebte diese Übung bisher mit zwei, mir gut bekannten und lieben Menschen. Zu Beginn war es mir noch ein wenig unangenehm, ich kam mir vor, als würde ich starren. Merkte meine eigene Anspannung und das „dicht machen“ meinerseits. Lächeln, Zwinkern, Schäkern, irgendwann fiel wahrhaftig der Vorhang. Ich möchte aus Respekt nicht erzählen, was ich in den Augen meiner Bekannten sah, aber ich kann beschreiben, was ich fühlte, wie ich diese Situationen empfand.

Nach einer Weile sah ich nur noch die Augen, das restliche Gesichtsfeld verschwand. Ich tauchte wirklich ein, schaute und fühlte hinter die Fassade, war in einer anderen Welt und was ich empfand, empfand ich niemals zuvor – ja, wie das nur klingt…

Wie gesagt: fragt mal Jemanden, der Euch nahe steht, ob er oder sie mit Euch dieses Experiment wagen will. Wenn Ihr fremden Menschen erzwungenermaßen in die Augen starren, und so etwas über sie herausfinden wollt, vergesst es. Das funktioniert nicht und ist außerdem in hohem Maße respektlos. (Außer, Ihr beginnt einen Flirt und werft gerade die „3-Sekunden-Regel“ über den Haufen.)

Wenn Euch allerdings Jemand gestattet, diese Situation erleben zu dürfen, macht es. Ich bin mir sicher, dass man „danach“ einiges anders betrachtet, vielleicht auch eigene Gefühle hinterfragt.

Wenn man hinsieht.

Gestern, ein Tag, den ich weder als super toll noch wahnsinnig schlecht einordnen würde, habe ich mich am späten Abend vor den Spiegel gestellt, und mich beobachtet. Ich wollte diesmal keine Fragen stellen in Sachen „Wer ist denn die fremde Frau da?“, sondern nur gucken.

Nach einer Weile sah ich eine sehr alte Frau im Spiegel, ganz einfach mich. Nur in alt. Schön. Irgendwie.

Dann traute ich mich, ich schaute mir in die Augen. Zehn Sekunden, eine Minute, ich hörte dann auf zu zählen und tauchte ein in mein Empfinden. Ich sah sie, diese tiefe, schwere Traurigkeit, die ich ein wenig später als Trauer empfand. Das Licht war noch an, aber es flackerte und wartete darauf, wieder heller scheinen, wärmen zu dürfen. Die andere Seite war mein inneres Kind. Fröhlich, neugierig, aktiv. Doch auch dieses Kind hatte etwas Ernstes, Suchendes an sich, eine gewisse Schwere, die ich nicht weiter entschlüsseln konnte. Irgendwann machte ich von alleine dicht und war so müde, als hätte ich gerade an einem Marathon teilgenommen.

Ich träumte in dieser Nacht sehr lebendig, hauptsächlich von einem jungen Mann, in den ich früher eine längere Zeit lang sehr verliebt war, der meine damaligen Gefühle aber nicht erwiderte und mit dem sich in den letzten Monaten wieder ein zaghafter Versuch der Kontaktaufnahme anbahnte. Auf freundschaftlicher Basis. Ob mich das beschäftigt hat? Ich weiß es nicht.

Heute erlebte ich mit meinem Hund Kolja folgende Situation:

Er lag ausgebreitet auf meinem XXL-Liegesitzsack und ich lag auf der Couch. Er schaute, wie so oft, in meine Richtung. Oftmals zwinkert er ein paar Mal zu mir herüber, bevor er einschläft, das sind kurze Blickkontakte, die ich dann ebenso kurz und freundlich erwidere.

Heute war das anders. Kolja schaute mich nicht nur an, er schaute auch nicht durch mich hindurch, er blickte in mein Herz. Ja, wie das nur klingt…ich kann und will es nicht anders beschreiben.

Er kuschelte sich mit seinem Kopf, in meine Richtung blickend, in dieses riesige Kissen hinein und beobachtete mich. Zwinkerte mir freundlich zu, durchsuchte mein Gesicht und blieb an, in meinen Augen hängen. Ich zwinkerte ihm zu, wendete den Blick kurz ab, weil ich ihn nicht fixieren wollte, doch er hielt den Blickkontakt aufrecht. Ohne zu starren, ohne mich unangenehm zu fixieren. Er war lustig wach, sehr ruhig, und schien mich etwas zu fragen. Ich fragte mich derweil, was dieses wunderbare, so geliebte Tier mir sagen will.

Plötzlich wurde sein Blick so weich, so gütig und weise (ja, wie das nur klingt…), dass ich eine Gänsehaut bekam und eine unwahrscheinliche Wärme empfand. Ich hielt den Blick aber aufrecht und weiß bis jetzt nicht, wie lange wir uns so beobachteten. Irgendwann stand Kolja auf, sprang auf die Couch, kam zu mir und rödelte sich „zusammengefaltet“ in meine Kniebeuge, legte den Kopf auf meinen Oberschenkel und seufzte, bevor er einschlief.

In diesem Moment war Alles ok. Mich hätte, so fühlte ich es, Nichts und Niemand aus der Bahn werfen können, ich war vollkommen bei mir und mit mir.

Augen…

Manchmal lohnt sich ein etwas längerer, höflich erbetener und sanfter Blick hinter die Wand.

Und es lohnt sich, zu hinterfragen, offen zu sein.

Für fremde Türen, andere Welten, neue Gefühle.

Wenn man hinsieht.

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