Liegen bleiben.

Ich spaziere mit den Hunden an einem Strandabschnitt der Elbe entlang.

Es ist ein wunderschöner Herbsttag. Angenehme Luft, ich kann durchatmen und es ist doch noch nicht so kalt, dass man die eigene Atemwolke verfolgen kann, bis sie sich in Luft auflöst. Die Sonne scheint nicht nur, sie strahlt und wärmt und lacht. Und verfärbt mit ihrem ruhigen Licht Alles um uns herum in lebendige Gemälde.

Schon nach dem Aufstehen dachte ich, der Tag wird gut. Nichts wird geschehen, das mich in irgendeiner Form aus der Bahn wirft.

Ich war völlig ruhig und bei und mit mir selbst. Jedenfalls an diesem Morgen.

Nach einer guten halben Stunde geht es eine kleine, nicht weltbewegende Anhöhe hinauf, wir stapfen durch den tiefen Sand und ich denke noch, wie gut ich doch heute zu Fuß unterwegs bin. Plötzlich finde ich mich auf dem Boden wieder. Meine Beine gaben in einer solch immensen Geschwindigkeit ihren Job auf, dass ich nicht einmal die Chance hatte, mich auf den Sturz vorzubereiten oder mich abzufangen.

Da liege ich also. Etwas verdutzt, prüfend, ob noch Alles an der rechten Stelle ist. Tut was weh? Nichts tut weh, die Beine sind aber gefühllos, Richtung Rumpf kribbelt es und fühlt sich dumpf an. Ich beginne meine zitternden Hände zu betrachten und merke, dass ich in diesem Moment neben mir stehe. Samt meiner Hunde, die, sichtlich belustigt, denken, ich würde sie gerade mit einer außergewöhnlichen Performance zu einem Spiel auffordern und mich wedelnd anschauen.

Okay. Deutliches Signal, welches mir mitteilt: „Schön, dass Du dieser Tage so gut drauf bist. Und schön, dass Du das tolle Wetter ausnutzt. Ebenfalls schön, dass Du positiv denkst und machst und tust. Aber: Halt. Stop. Stehengeblieben.“

Das war also das berühmt berüchtigte „Zuviel des Guten“. Das gibt es tatsächlich. Ich bin überfordert, habe mich selbst überschätzt. Und scheitere an einer klitzekleinen Sanddüne, die ich hinauf gestapft bin?

Ich liege noch immer im Sand, allerdings nun umgedreht, auf dem Rücken. Schaue in den Himmel und nestele links und rechts von mir an zerbrochenen Muscheln herum und lasse den Sand durch meine Finger gleiten. Ich, der adipöse Sandengel. Ein paar freundliche Schönwetterwölkchen fliegen durch das Grün der Büsche und Bäume, die schützend über mir stehen. Ich rieche die Elbe und den Sand, das wunderschön gefärbte und noch taunasse Herbstlaub und den Backfisch, der irgendwo in irgendeinem Kiosk hinter uns zubereitet wird.

Eigentlich wäre es doch toll, hier einfach liegen zu bleiben. Nur ein Weilchen. Oder auch für immer. So ganz.

Aber für immer liegen bleiben geht nicht. Das wäre wie Pudding und Fruchtgummi zum Frühstück, Wein aus einer billigen Kakaotasse trinken oder Müsli ohne Milch knuspern. Nicht akzeptabel, nicht normal. Für andere. Aber das Weilchen, ein Weilchen liegen bleiben, das ist okay.

Wie lange meine Weile dauerte, weiß ich nicht mehr. Nur, dass ich die Hunde entspannt beim Rennen, Toben und Verweilen beobachtete und mit einem sachten Sonnenbrand auf der Nase nach Hause kam.

Beine noch immer wackelig, die Hände zittern bis heute noch leicht. Hoffentlich löst sich das wieder auf. Liebe Vitamin B-Kur, zeig‘ mir, was Du drauf hast.

Seit einiger kurzer Zeit bin ich nicht mehr sehr gesprächig, denke, lese, lache und weine viel. Versuche, an meiner ungewissen Zukunft ganz gewiss herumzubasteln, liebe und versorge aus vollem Herzen meine zwei Seelchen auf vier Pfoten, teile im engsten Kreis meinen Lieben mit, wie viel sie mir bedeuten, entschuldige mich für blödes Gewesenes und gebe mir die größte Mühe, nicht an die Arztbesuche und erneuten Untersuchungen zu denken, die mir mal wieder bevorstehen.

Hier und da zwickt es permanent. Schreiben und das vorherige Denken stocken aktuell ein wenig. Das ist mir unangenehm, aber ich arbeite dran.

Ich werde immer empfindlicher, was mein Körpergefühl betrifft, aber irgendwie auch abgebrühter, wenn es darum geht, mir klar zu machen, was an solchen Tagen wie dem Strandtag mit mir geschieht. Dass das kein normales Stolpern-Wieder-Aufstehen-Weiterlaufen ist. Sondern ein Pausieren, welches ich (eigentlich) wunderbar zum Nachdenken und -fühlen nutzen kann.

Irgendwie laufen die Leben der mich Umgebenden schneller, anders und lauter ab. So fühle ich es. Mein Leben habe ich entschleunigt, ich komme von Tag zu Tag besser mit meinem „anderen, kleineren“ Alltag (im Gegensatz zu dem früheren) klar. Dass er zudem leiser wurde, finde ich großartig. Nichts ist schrecklicher für mich als Lärm. Hörbarer und fühlbarer.

Auch arbeiten langsam aber stetig die Abschiede von zwei verstorbenen, geliebten Menschen in mir nach. Sowie die Jahre der Krebserkrankung meiner Mutter. Noch immer kommen in ruhigen Minuten Erinnerungen hoch. Wie die Worte der Ärzte kurz vor Weihnachten. Wie ich da stand und mir sagen ließ, was passiert, wenn sie sie nicht sofort operieren würden. Wie oft sie mit einer Sepsis ins Krankenhaus kam. Welche Kraft, welchen Mut und Humor und welch unerschütterlichen Glauben an sich selbst und das Genesen sie durchweg aufbrachte.

Für mich, ich schrieb es schon einmal, sind diese Jahre vergangen wie ein Wimpernschlag. Ein Fingerschnips. Einmal ein-, und einmal ausatmen. Es ist, als faltete ich nun ein mikroskopisch kleines Blatt Papier auf und merkte, dass es so groß ist, und so viele ungesehene, unbeachtete Falten besitzt, die alle erkundet, ausgebreitet und beachtet werden wollen.

Das sagen mir auch meine Träume. Eine ganz, ganz lange Zeit über habe ich nicht geträumt. Kam nicht in das schöne, sonderbare Gefühl, welches man morgens nach dem Aufwachen und Träumen hat. Als befände man sich noch in dieser anderen, weiten und doch so greifbar nahen Welt des Anderswo. Nach schönen Träumen spürt man diese unbändige Sehnsucht, sofort und auf der Stelle wieder eintauchen, abtauchen zu dürfen, darin zu versinken, in den guten Gefühlen und dem sorglosen Sein. Nach schlimmen Träumen ist man, nach der ersten Erschütterung und dem Schreck, einfach nur erleichtert, wieder „zurück“ zu sein.

 

Nun sind sie also wieder bei mir, die Träume. Lassen mich nachdenken, einfühlen, und bringen mich dazu, hinter meine Fassade zu schauen.

Und bewegen mich dazu, morgens doch noch ein klein wenig länger liegen zu bleiben.

Gute Nacht.

 

 

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Ein Gedanke zu “Liegen bleiben.

  1. wunderbar diese stillen ruhigen Zeilen, da klingt keine Verbitterung, kein Hadern mit dem Schicksal hindurch sondern nur diesen Zustand leben, akzeptieren und durchleben, das hier und jetzt, daraus das beste für sich herausholen um das Leben zu spüren wie es ist…
    du schenkst ählichen Schicksalen mit deiner wunderbaren Schreibe, deinen Gedanken und Emotionen viel KRaft, etwas was nicht bezahlt und erworben werden kann…Entschleunigung, ich liebe dieses Wort, es trifft das was wir alle leben sollten,
    herzlichst Danke…
    angelface

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