In Freiheit gefangen.

Eine Woche lang verbrachte ich die Zeit mit meiner Familie. Meine Eltern leben noch im Sauerland und dementsprechend selten sehen wir uns.

Den ewigen Alltag, durch den ich mich normalerweise durch kleine, positive, mögliche Veränderungen durchknuspere, habe ich hinter mir gelassen.

Krank bin ich eh. Eingeschränkt auch, also raus aus dem „Immer“ und rein ins wunderschöne und wertvolle „Manchmal“, umgeben von den geliebten Menschen und Tieren.

Zu Beginn war ich guter Dinge, dass die Verbrennung an meiner Wade mich nicht sonderlich einschränkt. Am ersten Tag jedoch musste die größte Brandblase ( mittlerweile gut 7 cm vom Bein abstehend) eröffnet werden. Der Druck verschwand sofort, aber die Schmerzen wurden stärker, da der Wundgrund nun offen lag.

Eine silberhaltige Salbe sowie Unmengen an sterilen Verbandsmaterialien begleiten mich seitdem. Leider ließ ich den Verbandswechsel ein einziges Mal von einer Arzthelferin machen, die an diesem Tag nicht sehr gut gestimmt war. Das bereits gebildete Fibrinnetz riss vollständig wieder ab. Wie ärgerlich das ist, wenn dieses dünne Gewebe, auf das man tagelang wartet, einfach so *flutsch* wieder weg ist. Also kümmere ich mich selbst um meine arme rechte Wade. In Sachen Wundmanagement bin ich dank meiner Ausbildung in der Pflege nicht unerfahren.

Ich bewegte mich langsamer als jeder alte Mensch, der mir bei den kurzen Spaziergängen (ebenfalls mit Gehhilfe) begegnete, fort. Entschleunigen bekam eine neue Bedeutung. Das war nicht nur langsam, ich hatte manchmal das Gefühl, die Zeit liefe rückwärts, und ich auch.

Als ich einmal die Sonne im Rücken hatte, und samt Trampel durch den Sand schlurfte, konnte ich mir sehr gut vorstellen, dass dieser Schatten da vor mir viel älter war, als 30. Eine ältere Dame mit Rollator kam mir ebenso langsam und lächelnd entgegen und zwinkerte mir verschmitzt zu – wir waren in diesem Moment quasi so *fingerkreuz*.

Mein Hausarzt meinte gestern sinngemäß, dass es aber „auch nicht aufhört“. Nun ja, zum Einen habe ich diesmal durch die Kombination Schwedenbitterumschlag und die paar Minuten Sonne selbst Schuld an dem Schlamassel, und andererseits mache ich mir immer seltener Gedanken um das „Warum“. Eine Antwort finde ich eh nicht, höchstens tauchen aus irgendeiner traurig verstimmten Versenkung Vorwürfe und „Kein Wunder, dass genau MIR das geschieht“-Gedanken auf.

Tante MS hat sich in der letzten Woche recht gut geschlagen, mit den starken Schmerzmitteln konnte sie so überhaupt nicht, fand ich total ok und nahm schlicht und einfach keine verschriebenen Chemiebomben mehr ein. Calendula, Propolis und Apis halfen. Sowie kolloidales Silber – dank dem Stöffchen bin ich an Romans Virusgrippe vorbeigerauscht. Als die Flasche leer war und ich so schnell keinen Ersatz bekam, begannen am nächsten Tag Husten und Halsschmerzen.

Seit gestern massiere ich das bereits verhärtete Narbengewebe mit Calendula, über Nacht brachte das wirklich eine kleine Linderung. Jedoch, und es läuft mir kalt den Rücken runter, wenn ich mir vorstelle, dass genau das noch einmal von vorne beginnt, löst sich nun an anderer großer Stelle die Haut vollständig ab, Wundwasser ist schon zu sehen und zu fühlen – es schmerzt sehr. Imprägnierte Wundgaze erleichtert mir die Verbandswechsel etwas, vorgestern habe ich mich das erste Mal seit 6 Tagen unter die Dusche getraut (frisch fühlen – unbezahlbar!).

Hm. Irgendwie ist dieser Text einfach nur eine Erzählung, ich finde oder lese nichts sonderlich Tiefes. Ja, das juckt mich immer ein bisschen, weil dieser Blog weit mehr für mich ist, als ein normales Tagebuch. Rechtfertige ich mich gerade?

Wenn ich die Woche mehr verarbeitet habe, mich an die wirklich, wirklich schönen Momente erinnere und mich in ihnen verliere, entsteht sicher noch ein anderer Text. Denn trotz der Unfähigkeit, auch nur einen kleinen Teil schnell, fix oder ruck-zuck zu erleben, tat es einfach nur gut, mal ausbrechen zu dürfen.

Wie gesagt, in mir und mit mir gefangen und verbunden, (m)ein Leben lang. Mit allen Konsequenzen. So nehme ich mich mit, egal wie, egal wann, egal wohin, und genieße diese Einschränkungen in sonniger, luftiger und wunderschön gestalteter Freiheit.

Meine Gedanken machen eh was sie wollen.

Und ich danke meiner Familie für die großartige Unterstützung. Fürs Haare waschen, sich mehr als liebevoll um die Hunde kümmern, Einkaufen gehen, Anziehen, Ausziehen, Stützen, Lachen, Reden, Mitfühlen, Weinen, Freuen und Bangen.

Ich liebe Euch.

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