Überschrift.

Der letzte Samstag hatte es in sich.

Nachdem ich Freitagmittag bei meinem Hausarzt war, und der arme Mann nur noch den Kopf schütteln und mir die Schulter klopfen konnte, nachdem er meinen Unterschenkel sah, fuhr ich nach Hause. Mit frischem Verband, todmüde, erschöpft und mit recht fiesen Schmerzen.

Am nächsten Tag whatsappte ich mit einem sehr lieben Menschenwesen. Dieses Menschenwesen ist Krankenschwester auf einer Intensivstation und hat ein umfangreiches medizinisches Wissen, ist sehr empathisch, und (zum Glück) auch sehr direkt.

„Ich würde da nochmal Jemanden drauf gucken lassen, Mone…und nicht allzu lang damit warten.“

Ein paar Stunden später kam ich in die Notaufnahme eines Unfallkrankenhauses in Hamburg. Zwischen drei weiblichen Teenies, die sich im „Eywaslosaltaa“-Slang darüber austauschten, wie sie dem Verflossenen am besten ein Kind aufs Auge drücken könnten, einem jungen Mann, der eine üble Prügelei hinter sich hatte und von seinem besorgt-wütenden Vater begleitet wurde und einer Frau, die tief in ihr Buch versunken war, nahm ich Platz. Ich musste gar nicht lange warten, bis ich aufgerufen wurde.

Die bis dato größte Brandblase wurde bereits von einer Ärztin während meiner Auszeit eröffnet und abgetragen, zudem noch einige kleinere. Der Rest meiner Haut, die übrigens verätzt ist aufgrund einer chemischen Verbrennung (Grad IIa-b), so wurde es mir erklärt, befand sich bereits in nekrotischem Zustand und hatte da so gut wie aber auch gar nix mehr verloren.

Okay, dachte ich. Was steht nun an? Und wieso verdammt nochmal stehen mittlerweile 3 Ärzte und 2 Krankenpfleger um mich herum? Stille. Man begutachtete den Mist, den die junge Frau auf dieser Pritsche da verursacht hatte.

„Wir müssen die nekrotische Haut unbedingt abtragen, das ist ein schöner Nährboden für Keime. Das hätte schon längst passieren müssen. Zudem müssen Sie sich darauf vorbereiten, dass eventuell eine Hauttransplantation ansteht. Bei der Fläche…“.

Ich schluckte, dachte kurz nach, und verneinte das „Angebot“ der jungen Ärztin, gleich und ohne jegliche, mögliche Betäubung an mir rum schnibbeln und rum rubbeln zu wollen.

„Das ist kein Angebot. Das ist ein Muss, uns bleibt nichts anderes übrig.“

Die erste Träne floss. Mehrere folgten, als meine Haut abgetragen wurde. Die Ärztin summte eine Art Mantra. „Schmerzen sind gut, die Nerven haben überlebt!“  Jawoll, ich freu mich. Oooooooh, menschwasfreuichmich. Heul!

„Das wird dann wohl nix mit meiner Modelkarriere, was“. Kurzes Giggeln an meinem Fußende. Und Knipsen. Fotosession im septischen Raum.

Ich biss vor Schmerz in die Pritsche, auf der ich lag, und ekelte mich im nächsten Moment davor. Die Wunde war glücklicherweise nicht infiziert, kein Eiter oder andere ungewollte Feinde in Sicht. Wenigstens Etwas.

Es wurde verabredet, dass ich am nächsten Morgen, also in gut 10 Stunden, wiederkommen solle. Erneute Inspektion der Wundfläche und Verbandwechsel – ich wiiiiiiiiiiiiiiiill nicht.

Der Nachhauseweg war ein einziger Horror. Jede noch so kleine Bodenwelle, jeder noch so kleine Schlenker verursachten umgehend eine Verstärkung der Schmerzen an meiner Wade. Ich heulte und jaulte und jammerte.

Die Krankenschwester sowie die Ärztin, die mich am nächsten Morgen behandelten, waren genauso kompetent, feinfühlig und locker-lustig, wie das Team am Abend zuvor. Hier bin ich in den richtigen Händen.

„Wann soll ich denn morgen auf der Matte stehen?“, fragte ich. Die Ärztin erklärte mir, dass ich nur am Mittwoch zur Brandverletztensprechstunde kommen könne, für die sonstige Weiterbehandlung habe die Klinik leider keine Zulassung.

Montagmorgen – Montagmittag. Roman und ich fuhren viereinhalb Stunden durch die Gegend, telefonierten uns die Ohrmuscheln wund, um einen Chirurgen zu finden, der mich kompetent und genauso „modern“ behandelt, wie die Klinik es im Bericht vermerkte. Dort stand die nötige Salbe, einfach Alles, was wichtig war und was es zu beachten gab.

Aus einer chirurgischen Praxis gingen wir rückwärts wieder raus. Sowas unfreundliches, grummeliges und dreistes habe ich lange nicht mehr erlebt. Ein anderer meinte, „Die in der Klinik sollen es mal nicht übertreiben. Da schmieren wir Bepanthen drauf, und gut is‘.“ Danke, tschüß.

Verzweifelt rief ich im Unfallkrankenhaus an. „Holen Sie sich mal die Salbe ab, ich gebe Ihnen für heute was davon mit.“ Zumindest das Problem war gelöst.

Am Ende landeten wir wieder bei meinem Hausarzt, eine Azubine versorgte meine Wunde, nachdem es circa eine halbe Stunde dauerte, bis wir die nötigen Binden in der Apotheke erhielten. In einer anderen Apotheke bestellten wir noch die besagte Salbe für die nächsten Tage. Ich schlief vor Erschöpfung fast im Auto ein. Zu dem Zeitpunkt spürte ich, das Tante MS leise und klammheimlich arbeitete und werkelte und machte und tat.

Mein linker Oberschenkel wurde in diesen Tagen um einige Quadratzentimeter taube Haut reicher. Es wandert…und wandert…und wandert.

Gestern standen wir morgens vor der Entscheidung: wagen wir uns wieder selbst an die Wundversorgung? Das haben wir immerhin fast 14 Tage lang sehr gut gemeistert und würde uns viel Fahrerei und Zeit ersparen. Also fuhren wir zu der Apotheke, die unsere Salbe parat hatte, holten noch den Rest benötigter Binden ab und es ging wieder heimwärts.

Das Ergebnis: Blanke Nerven und Tränen. Vor Schmerzen (es ist doch ein großer Unterschied, eine völlig hautlose, blanke Stelle am Körper zu berühren und zu versorgen, oder verschrumpelte Haut, die noch einen gewissen Puffer zwischen Luft und Nerv und Fleisch bildet). Zudem fanden wir heraus, dass ich das Haus deshalb fast zusammenschrie, als Roman mir die Salbe in steriler Perfektion auftrug, weil die Apotheke ein falsches Mischverhältnis anwandte. Autsch. AUTSCH!

Irgendwie schafften wir es, fertig zu werden. Doch ich stellte mir vor, wie die nächsten Tage mit der selben Prozedur zur hauseigenen Hölle würden, und rief erneut im Krankenhaus an. Erklärte meine Situation. Flennte ein wenig. Lachte auch ein wenig. Man lachte zurück und verstand. Kurze Zeit später rief der Oberarzt der BV-Station zurück. „Zuerst: Keine Sorge, wir kümmern uns um Sie. Ich habe mir die Bilder und den Bericht angeschaut. Seien Sie doch morgen um 11:00 h in der BV-Sprechstunde. Aber richten Sie sich bitte darauf ein, hierbleiben zu müssen.“

Steine fielen…

Und die nächsten Sorgen krochen in meinen Kopf.

Die Nacht war okay, besser, als die davor. Ich schlief schnell ein, träumte nur Müll, den ich schnell wieder vergaß.

In der Klinik angekommen lächelte uns die freundliche Dame an der Anmeldung an, erklärte mir alles Nötige und wünschte mir Glück. Ein grandioses Personal – erstklassig, hier bin ich richtig.

Eine (wie sollte es noch anders kommen?) freundliche und unwahrscheinlich geschickte Krankenschwester kam in den Behandlungsraum und bereitete die Wunde schon einmal vor. Wir sprachen über den Fiesling MS, unrasierte Beine und die sich dafür schämende Frau oben dran, und ich merkte überhaupt nicht, dass sie die Wunde säuberte.

Darf ich Sie mit nach Hause nehmen, Sie und ihre Wunderhände? Dachte ich. Sagte ich aber nicht.

Der Arzt trat ein. In das Team passend, sowieso. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Zuerst redeten wir eine Weile, dann fand Debridement Nummer zwei statt, ich krallte mich vorsorglich an der Pritsche fest. Als der Doktor mit Smalltalk anfing („Sie wohnen also auf dem Land?“), wusste ich, wo der Hase…

Einatmen, ausatmen. Kurze Pause, noch ’ne Runde.

„Das wird von alleine heilen, bei dem jetzigen Wundstatus ist keine Transplantation nötig.“

Felsen fielen…

Noch nie habe ich mich so darüber gefreut, mein Bein die nächsten zwei Wochen hochlagern zu müssen, nur kurze Gehstrecken erlaubt zu bekommen, über Restnarben und eine lange, lange nötige Sonnenabstinenz aufgeklärt zu werden, und und und.

Keine OP. Keine Narkose. Kein weiteres Feuer für die MS. Mein inneres Feuer, mein Lebenslicht, leuchtete wieder stärker. Ich grinste im Kreis, smalltalkte mit dem Dok noch über phytophototoxische Dermatitis die Petersilienstampfer  erlitten, wenn sie nach dem Stampfen in die Sonne gingen, und sah Roman in die Augen, der vor dem Behandlungsraum wartete.

„Überschrift: Alles wird gut!“, grinste der Arzt Roman an.

Gebirge fielen…

In zwei Wochen stehe ich wieder dort auf der Matte, zur Kontrolle. Bis dahin, sagte Doktor Alleswirdgut sinngemäß, muss meine Wade wieder ihr natürliches Kleid tragen.

Bis dahin stelle ich mir vor, wie die neu entstehenden Hautzellen fröhlich lachend und quiekend, in Slow-Motion aufeinander zu rennen, Herzchen flattern über ihren Zellköpfchen und sie reichen sich die Hände, verbinden sich, werden Eins. Wachstum. Heilung. Neu sein.

Es war einmal das Leben.

 

 

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