Weine ruhig.

Vor einiger Zeit las ich einen sehr guten Artikel zum Thema Resilienz.

Seitdem versuche ich mich in dieser Hinsicht zu beobachten, mich zu fragen, wie leidensfähig ich bin, wie ich mit Krisen und vor allem körperlichen Schmerzen umgehe.

Was mache ich, wie reagiere ich, wenn ich Schmerzen spüre? Reagiere ich bewusst oder ist es die Angst, die die Oberhand hat? Angst wovor? Vor weiteren, stärkeren Schmerzen oder den Reaktionen meines Umfeldes?

Leid ist für jeden Menschen unterschiedlich. Sei es die Definition an sich oder das Spüren der jeweiligen Stärke, es kommt auf die Ursache an. Fragt man sich: Was ist mit mir passiert, was machen gewisse Erlebnisse mit mir? Schaffe ich es, klar zu bleiben, mich vielleicht sogar ein wenig von mir abzukapseln, Abstand zu gewinnen, oder verliere ich mich in Angst, Unsicherheit und Schmerz?

In dem erwähnten Artikel stand, dass Menschen, die besonders leidensfähig sind, es schaffen, sich für einen Moment neben sich zu stellen. Sie beobachten mit einer gesunden Distanz die jeweilige Situation und schaffen es so, sich einen Überblick, den wichtigen Überblick, zu verschaffen.

Ich konnte heute üben. Hatte die Möglichkeit, zu spüren, was ich aushalte.

Der Verbandwechsel stand an. Ich bereitete Alles vor und verschwand in meinem Zimmerchen. Guter Dinge, dass das gut über die Bühne geht, schnitt ich zuerst den alten Verband auf. Die Binden ließen sich recht gut abnehmen, als es jedoch um zwei Kompressen ging, und um die Wundgaze, die genau über der „sorgenreichsten“ Stelle lagen, kam ich an meine Grenze.

Trotz imprägnierter Wundgaze und der „guten Salbe“, hatte das Fibrin alles fest im Griff. Kurz gesagt: Das Material war völlig mit dem Wundgrund verklebt.

Ich zog und zupfte zuerst ein wenig herum, biss mir auf die Lippe. An einigen Stellen spürte ich gar nichts, an anderen Stellen beamte ich mich bereits in eine andere Dimension. Runter muss das Zeug, hier oder sonstwo. Also atmete ich tief durch und tränkte das verklebte Verbandmaterial mit NaCl-Lösung, bis ich es ein wenig leichter von meinem Bein schälen konnte.

Mit Sicherheit waren das nicht die ärgsten Schmerzen, die ich jemals erlebte, aber ich empfand Angst, dass ich an mir selbst etwas zerstören konnte, was jetzt, langsam aber sicher, wieder heil wird.

Wie leidensfähig sind wir Menschen? Was empfinden wir wann als nicht mehr erträgliches Leid? Und wie schaffen Menschen es, die in sich selbst gefangen sind, nicht mehr richtig kommunizieren können (aufgrund körperlicher Einschränkungen oder Unwissenheit der sie umgebenden Menschen), genau diese Lebenssituation zu meistern? „Ihnen bleibt ja nichts anderes übrig“ – der Satz gilt hier nicht.

Wie viele Menschen entscheiden sich, auch jüngere, gegen das Leben. Wie viele Menschen verlassen diese unsere Welt aufgrund eines gebrochenen Herzens („Broken Heart Syndrom“).

Leider hat unsere Gesellschaft ein großes Problem. Leid ist doof. Leid macht Umstände. Leid ist anstrengend. Leid ist teilweise langwierig. Leid tut leid. Leid macht Leid. Leid ist kein gern gesehener Partygast. Leid wird beim Schulsport auch immer als letztes ins Team gewählt. Und Leid bringt viele andere ungewollte Genossen mit. Tränen, Klagen, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Angst…

Noch immer wird trauernden Menschen gesagt, sie sollen sich doch nicht so haben, wenn sie länger als ein paar Wochen trauern. Dass für viele, viele Menschen dann noch nicht einmal der erste Funke in Richtung  Trauerverarbeitung übergesprungen ist, interessiert nicht. Trauern ist Leiden. Und Leiden ist…genau.

Bei Schmerzen ist es das gleiche. Ich wurde als Kind zum Glück nicht schroff abgefloskelt, wenn ich mich verletzte. Aber wie oft hört man, wenn man durch die Weltgeschichte spaziert, dass Kindern gesagt wird: „Stell‘ Dich nicht so an“, „So schlimm ist das doch gar nicht“, „Das geht schon vorbei“. Hilft in diesem Moment so überhaupt gar nicht. Denn Schmerzempfinden ist immer individuell.

Wenn man Kindern schon nicht gestattet und zugesteht, zu leiden, wie soll man dann eine Empathie für Erwachsene entwickeln, die Schmerzen erLEIDen?

Wirklich, wirklich oft habe ich in meiner Zeit in der Altenpflege erlebt, dass Menschen das erste mal in ihrem Leben richtig ausgiebig und vollen Herzens weinten. Nach 60, 70, 80 Jahren. Vorher schickte sich das nicht. Zusammenreißen war angesagt. Ist das nicht schrecklich?

Wir sind komische Wesen. So wünschen wir uns doch für so gut wie alle Bereiche unseres Lebens Verständnis und Zuspruch, ein offenes Ohr, das uns zuhört, eine weiche Schulter, an der wir verweilen können.

Aber wir haben Angst. Angst davor, bei empfundener und zugelassener Empathie so sehr mitzufühlen, dass wir die eigene Verletzbarkeit mit voller Wucht spüren und gezeigt bekommen. Dass uns klar wird, wir sind im Grunde alle eine Wimper, die mit einem Schlag, einem Luftstoß weggepustet werden kann.

Dass wir aus Lebensphasen, in denen wir andere ehrlich, mitfühlend und unterstützend begleiten, sehr viel für uns selbst mitnehmen und lernen können, verdrängen wir.

Aus Angst vor dem Leid.

Unterdrücken ist noch immer gängiger als bewusst empfinden und erlauben. Trauer erlauben. Tränen erlauben. Schmerzen erlauben. Verluste beklagen dürfen. Vermissen dürfen. Erinnern dürfen. Und zwar lebhaft.

Leben ist Freude, aber auch Leid.

Und dass erlaubtes Leid eventuell schneller, aber in jedem Fall besser verarbeitet wird, als unterdrücktes, mit Scham behaftetes Leid, ist meine feste Meinung.

Ich wünsche Euch, dass Ihr ein Umfeld habt, in dem Ihr Euch fallen lassen könnt. Euch beklagen dürft, Schmerzen ertragen dürfen könnt, trauern dürft. Ihr dürft natürlich immer – unabhängig von den Menschen.

Doch wie wertvoll ist eine Hand, die uns stützt und uns über die holprigsten Strecken unseres Lebens hilft…

(Brian Crain, „Imagining“)

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