Verwechslungsgefahr.

Die Zeit geht vorüber.

Langsam, aber sie schleicht sich.

Am Montag ist es 4 Wochen her, dass ein Teil meiner Haut durch den Schwedenbittersonnenunfall meinte, sich verabschieden zu müssen.

Seitdem: Schmerzen.

Seit ein paar Tagen: Schmerzen & Juckreiz. Juhu, es heilt, es heilt.

Ab und zu fragte ich mich, wieso nicht der linke Unterschenkel betroffen ist, da dieser zu einem Großteil bereits oberflächlich taub und von Parästhesien geplagt ist. Eine Antwort gibt es nicht, aber das ist auch nicht so tragisch. Also, jetzt gerade zumindest. Eine Antwort würde nichts mehr ändern. Oder doch?

Ab und zu frage ich mich auch, weshalb mir vor den verschiedenen Debridements keine örtliche Betäubung zugestanden wurde. War es aufgrund des kaputten Gewebes nicht möglich? Hätte das Auftragen von solch einer Salbe zu sehr geschmerzt, noch mehr geschmerzt? Oder hätte die Anästhesie länger gedauert, als die eigentliche Prozedur? Nach wie vor fühle ich mich in diesem Klinik-Team am besten aufgehoben. Aber hätte ich mich bemerkbar machen müssen? Immerhin bin ich für mich verantwortlich, an erster Stelle. Nicht so viel aushalten, nicht die Zähne zusammenbeißen, bis der Kiefer schmerzt?

Vielleicht ist es nicht immer gut, in solchen Momenten Witzchen zu reißen, wie ich es ganz gerne tue. Suggeriert man dadurch Stärke, die man gar nicht besitzt? Ja, ich glaube schon. Das Umfeld denkt dann: „Die packt das auch so, die ist stark. Wenn die beim Häuten noch lachen kann…“ Ja, ich lache lieber. Lachen belastet nicht, lachen löst und entwaffnet. Meist ging mein Lachen dem eigentlichen Abwerfen von Anspannung vorweg. Irgendwann kamen dann die Tränen. Denn Schmerzen sind nicht lustig, nicht für mich.

Zurück zu: „Die packt das auch so, die ist stark. Wenn die beim Häuten noch lachen kann…“

Ehm – meinen Sie mich? *umguck*

Nein, ich bin nicht stark. Wie oft wird mir das gesagt, oder geschrieben. Ich kann verstehen, dass all dieser Mist, den man im Laufe seines Lebens durchsteht, und die Art und Weise, wie man damit umgeht, anderen den Eindruck von großer Stärke vermitteln.

Aber wodurch zeichnet sich Stärke denn eigentlich aus? In den meisten Fällen wirkt es auf mich, als würde man mir sagen: „Und sollte noch mehr Scheiße passieren, überstehst Du die auch noch.“

Ja, aber das tun wir doch alle. Wir alle wachen jeden Morgen auf und er- und durchleben den folgenden Tag. Mit allem drum und dran. Und Jeder, natürlich auch ich, verkriecht sich mal. Man kann auch vor Situationen flüchten, an denen man nichts ändern kann. Ich denke mich dann weg. Oder schlafe. Oder lese.

Der meckernde Körper hat dann einfach mal Pause, und der Kopf knipst alle fröhlichen, bunten und positiven Lichter an. Hat der Körper auch was von. Kann er mal sehen, der Körper.

Ein „Du bist so stark!“ vermittelt mir unangenehme Gefühle. Ich finde den Ausdruck der Tapferkeit viel passender. Klar lesen hier einige Leute mit, wie ich in gewissen Situationen reagiere. Aber lese ich mir dann genau die selben Texte durch, habe ich ganz andere Gedanken, die ich mit mir selbst verbinde. Stärke gehört nicht zu den Begriffen.

Was ist schlecht daran schwach zu sein? Durchgehend schwach wäre natürlich genauso bekloppt, wie durchgehend stark sein zu wollen.

Das sollte gehandhabt werden wie mit ausgewogener Ernährung. Aber lassen wir das lieber.

Dass man nicht alle Hiobsbotschaften, schlimme Erlebnisse oder Gedanken innnerhalb von Stunden verkraften kann und muss, ist in unserer Gesellschaft noch lange nicht angekommen. Aber dazu lasse ich mich ja häufig genug aus, wenn es um die Themen Trauer und Verluste geht.

Ich ermuntere Menschen in für sie unangenehmen Situationen sehr gerne, zu weinen, sich auszusprechen, zu klagen, mal allen Mist loszuwerden, der auf der Seele brennt. (Geschirr an Wand – das kann Wunder bewirken.) Ja, es klingt so einfach. Nein, es ist aber nicht einfach.

Wenn man eine lange Zeit traurig oder bedrückt war, oder vielleicht auch noch ist, geht die Empathie für andere ab und an flöten. Weil der Kopf so voll ist, die eigenen Schubladen total überquellen, vor unerledigter Seelenballastakten, dass einfach nichts mehr reinpasst. Man hört zu, man nimmt auf, aber kann das Gehörte nicht verarbeiten, seine Hilfe anbieten, geschweige denn sofort irgendwie aktiv werden. Das kann einem auch mit sich selbst so ergehen. Man nimmt körpereigene Signale zwar noch wahr, aber hört nicht auf sie. Alles stapelt sich, die Sonne kämpft sich verloren durch einen kleinen Spalt, aber sie wärmt nicht mehr.

Das ist ein furchtbares Gefühl, wenn die Empathie abhanden kommt, und ich bin froh, dieses erst ein einziges Mal durchlebt zu haben. Mittlerweile weiß ich, wie wichtig es ist, Beklemmung, Traurigkeit, Sorgen und andere negativ behaftete Gesellen frühzeitig zu beachten, die Probleme zu zerstückeln, zu benennen und im Endeffekt zu lösen.

Sollte ich noch einmal bäuchlings auf einer Krankenhausliege kleben, während man mir eröffnet, dass mir gleich ein Großteil meiner Unterschenkelhaut abgezogen wird, werde ich mir zumindest die Zeit nehmen (und mir ein Herz fassen), um nach schmerzlindernden Möglichkeiten zu fragen.

Auch wenn so ein privater Debridementsmalltalk mit Ärzten recht ulkig sein kann, abgelenkt wurde ich nicht und mein Körper war jedes mal gespannt wie ein Flitzebogen. Ungut.

Erst kürzlich habe ich in meinem nahen Umfeld erlebt, wie groß und unschön die Explosion sein kann, wenn ein Mensch alles Ungute in sich hineinfrisst. Über Jahre. Und nicht nur Ungutes, welches ihn selbst betrifft. Den Ausdruck „Seelenmülleimer“ kennt Ihr? Erfreulicherweise war dies eine Ex- und keine Implosion. Sowas kann krank machen, und zwar richtig.

Wie seid Ihr da gestrickt? Habt Ihr den Augenblick schon hinter Euch gebracht, Eurem Umfeld mitzuteilen, dass jetzt einfach mal nichts mehr geht, und Ihr gerade alles mögliche seid, außer stark? Wie waren die Reaktionen? Bereut Ihr das Eingeständnis der Schwäche, was ja sehr häufig auch mit „Nein“-Sagen (kann sehr, sehr heilsam sein!) verbunden ist? Und: konntet Ihr das für Euch selbst gut akzeptieren?

Ich freue mich wirklich über Rückmeldungen, natürlich auch per Mail, wenn Ihr nicht öffentlich kommentieren wollt.

Ein schönes Wochenende wünsche ich Euch. Und die Traute, auch mal ganz offiziell schwach zu sein.

Das zeugt nämlich von Stärke.

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