Schnee.

Nach dem Erwachen bleibe ich noch eine Weile im Bett liegen.

Selbst wenn mein Körper das schnelle Aufstehen schaffen würde. Ich bleibe liegen, schaue an die weiße Zimmerdecke. Schaue zum Fenster, höre die Autos vorbeifahren, die Vögel zwitschern.

Die Hunde recken sich und legen ihre Köpfe danach wieder in die weichen Kissen. Ich begrüße sie, kraule sie, drehe mich auf die Seite und nehme die morgendlichen Medikamente.

Auf dem Weg ins Bad versuche ich festzustellen, wie ich mich anfühle. Was funktioniert heute, was nicht?

Der Blick in den Spiegel zeigt eine müde, blasse Frau. Die Haare sind schulterlang, die Augenringe tief, der Blick fragend, zweifelnd, irgendwie auch belustigt. Wer bist Du?

Ich schlurfe durch den Flur, durch das Wohnzimmer, in die Küche. Hunger habe ich keinen, aber Durst. Ich trinke einen Schluck Schorle, lehne mich gegen die Anrichte und schaue mich um. Alles wie immer. Wie jeden Tag.

Die Möbel stehen an ihrem gewohnten Platz. Ich ebenso. Sie tun nichts, stehen einfach nur da. Ich ebenso.

Keine Aufforderung, kein Grund, weswegen ich nicht noch eine Stunde hier stehen sollte, könnte.

Doch, natürlich. Nachdem ich mich und die Hunde fertiggemacht habe, gehen wir an die frische Luft. Alle Menschen um mich herum sind so beschäftigt, in Eile, gehen ihren Erledigungen und Terminen nach, telefonieren und sehen sehr gebraucht aus.

Werde ich gebraucht? Fühle ich mich gebraucht? Fülle ich eine Lücke, in deren Umriss sonst kein Mensch, Niemand außer mir hineinpassen würde? Macht Einzigartigkeit Sinn, wenn sie in einer Lebensphase keinem zugute kommt, außer zwei Hundeherzen und einem selbst?

Seit es mir gesundheitlich immer schlechter ging, grub sich ein Gedanke immer weiter an die Oberfläche meiner Gefühlswelt: Welchen Sinn erfülle ich? Krank, schon länger arbeitsunfähig, außer für Arzttermine, Kliniktermine, Verabredungen zu Spaziergängen…mein Wecker klingelt mich nicht aus dem Bett, weil ich dem nachgehe, was so gut wie alle anderen in meinem Umfeld tun: Arbeiten.

Ich stelle fest, dass ich „gebraucht werden“ schon noch sehr mit der Arbeitswelt verknüpfe. Einen Sinn erfüllen, der Gesellschaft zugehörig sein, fleißig sein, anderen helfen, für sich sorgen.

Ist das der Grund, warum ich anderen so gerne eine Freude bereite? Meiner Handvoll geliebter, enger Freunde teilweise wöchentlich Postkarten mit Liebesbekundungen schicke? Mich irgendwie mitteilen möchte, Anteil nehme und so versuche, einen Sinn und Zweck zu erfüllen, nicht nutzlos, gar unsichtbar zu sein?

Wieder zu Hause angekommen koche ich mir einen Tee. Lasse den Honig langsam in das heiße Wasser laufen, rühre ihn um.

Ich schnappe mir, nachdem die Hunde versorgt sind und ich geputzt habe, ein Buch und versuche, den Inhalt so intensiv wie möglich einzusaugen. Ich schaue mich zwischendurch um. Schaue auf die Uhr. Die Zeit vergeht an manchen Tagen so langsam, dass es weh tut. Und doch sollte jede Minute so wertvoll sein, man sollte seine Zeit doch nutzen, sie auskosten und mit so vielen guten Erlebnissen und Momenten füllen, wie nur möglich.

Aber was, wenn es mehr Zeit als Momente gibt? Ich sollte gute Momente ab jetzt hamstern. So können besonders leere Tage besser gefüllt werden. Häppchenweise.

Die Zeiten, in denen ich mich ungebraucht fühle, nehmen zu. Die jetzt wieder dunkel werdende Jahreszeit tut ihren Teil dazu. So zünde ich mir Kerzen an, mache es uns gemütlich und schnappe mir erneut den Staubsauger. Wenn ich auch nicht viel schaffe, zur Zeit, in meiner Zeit, so tue ich das, was ich tue, gründlich und ausgiebig. Und so gut, wie ich es eben kann.

Ich merke, wie eine gewisse Melancholie in mir aufsteigt. Wie war das die letzten Jahre? Was fehlt? Wer fehlt?

Noch immer trauere ich. Um meine Uroma, meine Oma, mein geliebtes Schimmelchen, meine Gesundheit, die an meinem 18. Lebensjahr beschloss, mich Stück für Stück zu verlassen. Versinke gedanklich und mit feuchten Augen in dem Gefühl der alten Zeit.

Während ich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause über den chaotischen Verkehr meckere, plane ich schon den gleich bevorstehenden Ausritt mit Felemo. Es ist ein sonniger, eiskalter Wintertag. Kniehoher Schnee, ein strahlend blauer Himmel. Zuhause angekommen ziehe ich mich um, mummele mich in meinen Schal und die Thermostiefel, packe die Banane für Felemo und den Müsliriegel sowie die Thermoskanne mit dem heißen Kakao für mich ein, und fahre zu dem Stall meiner besten Freundin. Dort angekommen verbringe ich einen der schönsten Winternachmittage meines Lebens. Meine Liebe für die Fotografie beginnt.

Abends hübsche ich mich auf, nachdem ich aus der Dusche gesprungen bin. Die Vorfreude auf liebe Freunde, ein dienstfreies Wochenende und eine ausgiebige, ausgelassene Feiernacht ist riesig. Ich tanze mich in einen Zustand der Schwebe, die Blicke der Leute, weil ich hier und da taumele oder aus dem Takt gerate, bemerke ich nicht mehr. Die Nacht wird zum Morgen, wir schauen der Sonne beim Aufgehen zu und die ersten, wenigen Schneeflocken des neues Tages rieseln auf uns herab.

Nachdem ich meine Freunde nach Hause gebracht habe, fahre ich noch ein wenig durch die Gegend. Die Welt ist gerade dabei, aufzuwachen. Ich liebe diese Stille, dieses Unverbrauchte, jeden Morgen auf’s Neue. Damals.

Es ist Samstagabend. 22:52. Während ich noch vor wenigen Jahren um diese Zeit die Wochenenden mit Freunden genutzt habe, um mich vom Alltag zu entspannen, zu erholen und die Musik zu den Dingen gehörte, die nicht nur meinen Kopf, sondern auch meinen Körper geheilt haben, sitze ich hier, alleine, vor dem Rechner. Mit dem Wissen, dass ich heute bereits nach einer guten Stunde in solch einer Feierlaune fix und fertig wäre. Mit dem Wissen, dass ich es nicht mehr schaffe, mich vom Boden aus auf einen Pferderücken zu schwingen. Mit dem Wissen, dass ich aktuell nicht in der Lage bin, und es wahrscheinlich auch nie wieder sein werde, 9 oder mehr Stunden am Tag zu arbeiten, um mich danach kaputt und müde über den Feierabendverkehr zu beschweren.

Ich sitze hier also.

Schreibe, höre Musik, zuckende Finger, kribbelnde Wangen, ein hochgelagertes Bein und ein sehr schwerer, erschöpfter Kopf begleiten mich. Nicht jeder Tag ist gleich, aber die Ähnlichkeiten sind verblüffend. Verblüffend traurig, verblüffend komisch, verblüffend unaufregend, verblüffend tiefgreifend.

Werde ich gebraucht?

Eine Antwort darauf habe ich parat. Ohne mich gäbe es mich nicht.

Das ist schon einmal ein Anfang.

So nutze ich die Zeit, in der ich mich manchmal ein wenig gefangen fühle, mein inneres Gefängnis auf Zeit zu inspizieren. Was könnte ich hier schöner machen, sanieren? Welche Möglichkeiten, Ressourcen besitze ich, um es mir hier wohnlich und abwechslungsreich zu gestalten?

Zuerst müssen diese Gitterstäbe weg. Der Blick soll wieder schweifen dürfen, träumen…erinnern. Und sich freuen.

Auf sonnige, verschneite Tage.

 

 

399008_467227666631938_1671020044_n

 

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Schnee.

  1. Hallo, diese Gedankengänge kenne ich. Jeder Tag beginnt mit den immer gleichen Handlungen, ich funktioniere wie eine Maschine. Dieser Alltag ist wie ein Korsett. Es engt mich ein, andererseits gibt es mir aber auch Stabilität.
    Die Idee mit dem Inspizieren finde ich gut. 🙂 Genauso halte ich es auch. Schließlich gibt es immer was zu tun und wenn das Tempo nicht mehr ganz so schnell ist, dauert’s ja auch seine Zeit und der Kopf ist beschäftigt. Und das ist bei mir die Hauptsache. Denn wenn ich eins seit dem Einzug von Frau MistStück besonders gut kann, dann ist es grübeln.
    Ich freue mich auf die nächsten Zeilen von dir!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s