Langstreckenläufer.

Wohin geht denn die Reise?

Manchmal denkt man, kein weiterer Schritt ist zu schaffen. Nicht einmal ein halber. Allein der Gedanke an das „Weiter“ macht komische, ungewollte, doofe Gefühle.

Ist es doch häufig viel sicherer, bequemer und gewohnter im Hier und Jetzt zu sein. Und so möchte man manchmal einfach nur hier und jetzt sein. Und bleiben.

Gegen ein bewusstes Sein ist wohl nichts einzuwenden. Aber ist eine Weiterentwicklung möglich, wenn der innere Schweinehund (der viele Namen besitzen kann) jede zuerst offene Tür mit einem lauten Knall verschließt? Und dabei grinst? Hämisch, sehr hämisch.

Wohl eher nicht.

Ist es nicht schräg, dass wir Menschen eigentlich immer auf der Suche nach guter Veränderung sind, aber öfter als manchmal einfach nichts dafür tun wollen? Oder können. Oder beides. Beides?

Heute fand der erneute Termin im Brandverletztenzentrum statt. Ich hoffte auf einen Parkplatz ganz in der Nähe der Ambulanz, da meine…naja, Wunde kann ich eigentlich gar nicht mehr sagen…Narbe aktuell ziemlich spannt und der kleine, letzte offene Teil auf der gesamten Fläche beim Laufen einfach noch schmerzt.

Glück gehabt? Nö. Thaaanks, Murphy.

Ich parkte am Arsch der Welt, und lief gute zehn Minuten durch unbekanntes Gebiet. Tat gut, die frische Luft. Autsch, das zwickt. Och, guck, jetzt kommt die Sonne raus – schön! Autsch, das zwickt. Oh, was wird denn da gebaut? Hab ich noch ein wenig Zeit? Autsch…nee, was? Zwickt nicht mehr.

Die letzten 20 Meter lief ich ohne aufgrund der Schmerzen zu humpeln. Ich lief schneller, endlich mal wieder flotten Schrittes durch die Weltgeschichte. Zwar leicht wankend (Tante MS möchte definitiv nicht in Vergessenheit geraten, das tut sie nicht, oh nein) und ab und an mit einem Ausfallschritt. Aber ich war sowas von stolz auf mich, Trampel verblieb übrigens derweil im Auto.

Alles, was ich in den letzten 4 Wochen mit mir anstellte, um mich in dieser Sache gesund zu pflegen, die Aufopferung meiner Mitmenschen, mich hier und dort und da hin zu kutschieren, mir ab und zu die Gassigänge mit den Hundis abzunehmen, und überhaupt aller Verzicht auf Vorgehabtes, alle ausgehaltenen Schmerzen und gelassenen Nerven wurden heute belohnt.

Prima.

Der letzte Zweifel, ob nicht doch eine Transplantation stattfinden muss, wurde endgültig ausgeräumt. Ich wusste übrigens nicht, dass dieser Gedanke bei den Spezialisten noch besteht – wie gut, manchmal, dass man als Patient nicht Alles haarklein gesagt bekommt. Vieles würde wohl tatsächlich die eigene Einstellung gegenüber der Heilung beeinflussen. Das tägliche Verbinden sei nicht mehr nötig, allerdings werde ich noch etwas länger mit lustiger Beinflatterkleidung durch die Gegend laufen. Reibung und Wundheilung mögen sich nicht. Ich bekam ein Schaumpflaster aufgelegt und lief zum ersten Mal nach 4 Wochen ohne Verband. Sehr komisches Gefühl, ich merkte, wie empfindlich das Areal noch ist. Da es auf dem Heimweg teilweise doch noch ziemlich weh tat, die Berührung Hose-Narbe, verband ich mich zu Hause doch noch einmal.

Jetzt sitze ich hier, Freiluftwade genießt barrierefreie Sauerstoffzufuhr, die noch offene Stelle geschützt durch das selbstklebende Schaumdingens.

Tut gut, langsam aber sicher wieder heile zu werden. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie es für mich ist, zu erleben, dass eine Läsion an mir auch heilen kann. Und dann noch so eine große.

So werde ich morgen beruhigter, optimistischer und vielleicht auch besser gelaunter einen Waldspaziergang unternehmen. Wie lange ich laufe, mache ich von meiner Tagesform abhängig. Wie jeden Tag.

Wie. Jeden. Tag.

Und in meinen Augen bin ich schon ein Langstreckenläufer. Eisglatte Strecken, schwere Steine, unüberwindbar erscheinende Hindernisse, die ich zwar nicht überspringen kann, aber mit Hilfe anderer beiseite schieben, oder sie einfach, über Umwege, umgehen kann.

Am Ende meines Lebens möchte ich eine gezeichnete Lebensweglandkarte besitzen. Schöne Idee, woll? Am besten fange ich an, jetzt, sie zu zeichnen. Denn 30 Jahre wurden schon (ab-)gelaufen, überwunden, genossen, gelebt, gelitten, gelacht, geliebt, geschafft…

Schnürsenkel festziehen. Und morgen geht’s weiter.

 

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