Zeitraffer.

Früher war ich eine so unfassbar hektische und ungeduldige Person. Vor allem im Bezug auf mich selbst.

Wenn mir etwas nicht so schnell wie möglich so gut wie möglich gelang, setzte mein Umfeld zur Flucht an.

Sowas muss man können. In der Lage dazu sein, etwas zu beherrschen. Hektik. Ungeduld.

Beherrscht man sich denn überhaupt, inmitten eines Anfalls von Ungeduld? Muss man sich da beherrschen?

Kommt wohl auf die Situation an.

Meine Oma sagte früher mal sinngemäß: „Kind, mit dem Alter wird das anders. Außer bei Cholerikern. Da wird’s nur schlimmer, und ist am Ende vielleicht auch noch tödlich.“

Cholerisch war ich ja nie. Zum Glück, will ich sagen, zum Glück.

Mit dem Alter wird das anders. Ja, das merke ich, jetzt, so mit dreißig. Bitte nicht lachen, wenn Ihr älter seid, als ich. Vielleicht habt auch Ihr gerade Erkenntnisse, für die Euch noch Ältere belächeln; eher unschön, oder? Ohne die 30 wäre man ja keine 40. Oder so.

Wie mein Werdegang in Sachen „Hummeln im Hintern haben“ ohne meine Krankheit verlaufen wäre, weiß ich nicht. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass meine jetzt vollzogene Entschleunigung in dieser Form stattgefunden hätte. Nee.

Da wären wir wieder bei: man findet immer etwas Positives. Oh, ja.

Eine sehr liebe Menschin äußerte vor kurzem, dass es ihr manchmal so vorkommt, als spüre ich die Wichtigkeiten des Lebens so deutlich und stark, als lebe ich in einem Zeitraffer. Das gab mir zu denken, aber es stimmt einfach so. Auf den Punkt.

Ein jeder Mensch kann selbst bestimmen, womit er seine Zeit verbringt. Ob viel oder wenig davon vorhanden ist.

An mir gehen die Verhaltensweisen anderer Menschen nicht einfach so vorbei. Ich lernte in dem letzten Jahr allerdings auch, mich lieber zügig als langsam von der Vorstellung zu trennen, dass Familie gleich Interesse, Nachhaken und Zusammenhalt bedeutet.

Damit sind nicht meine Eltern gemeint, ich denke, dass dürfte jedem aufmerksamen Leser klar sein.

Aber das erleben doch viele Menschen. Die eigene Familie sucht man sich nicht aus. Und ich hatte so manches Mal das Gefühl, dass mir wegen oder durch die MS stillschweigend unterstellt wird, ich wolle mir Aufmerksamkeit erhaschen. Gönnen ist auch schwierig, für manche Leute. Gerade für die, die für einen gut gelungenen Nieser ein solches Kompliment erhalten wollen, dass es Goldblätter regnet. Die können nicht gönnen. Oder mal fragen.

Auch in der schwersten Zeit der Krebserkrankung meiner Mutter war diese Tatsache präsent. Wäre es nicht eine nette Geste, eine angeblich nahe stehende Familienangehörige mal im Krankenhaus zu besuchen, nachdem ihr gesagt wurde, dass ihre Lebenserwartung in kürzester Zeit auf ein Minimum geschrumpft ist? Nein, denn das hätte für manch eine(n) bedeutet, sich selbst mal völlig hinten anzustellen. Nicht die erste Geige zu spielen. Zuzuhören.

Ein schon fast irrsinniger Kommentar wurde mir einmal an den Kopf geklatscht, als ich ein tolles Projekt einer engen Freundin überschwänglich und vollen Herzens lobte und anpries. „Du übertreibst echt, jetzt ist doch mal gut. Honig ums Maul schmieren tut Keinem gut.“ …wie bitte? Wenn ich mich mit anderen Menschen freue, tue ich dies aus vollem Herzen. Da will ich mich nicht kontrollieren müssen. Genauso ist es, wenn ich mitleide. Was bringt denn geheucheltes Mitgefühl? Wem bringt das was?

Ja, sowas arbeitete noch lange in mir nach. Und: sehr langsam und ausgiebig.

Man stelle sich einmal eine Glaskugel vor. Kugelrund, durchsichtig, weich. Ich sitze in der Kugel. Still und ruhig, leise, beobachte, reflektiere. Draußen herrscht ein Sturm, Alles und Jeder fliegt und fegt vorbei, überschlägt sich, ärgert sich, tobt, wütet.

Und eine kleine Öffnung, die ist verschweißt. Nichts dringt mehr hindurch, bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Der Mensch in der Kugel (ich) entschied sich dazu, sich eine Erschöpfung zuzugestehen, um sich genau deswegen ganz bewusst zu erholen.

Für diese Erholung waren viele Gedanken nötig. Zugeständnisse. Tränen. Und Noten, Musiknoten. Sowie Liebe der Liebsten, und frische Luft. Ein Blatt Papier und ein Stift ebenso. So flogen also mit der Zeit und von Tag zu Tag immer mehr gute Dinge durch diese Kugel.

Gedanken, Noten, Musik, Liebe, Tränen, es wehte ein frischer Wind, und ich begann mit dem Schreiben.

Heute sitze ich hier und merke, dass das Desinteresse (auf welchen Phänomenen es auch immer beruht) einiger Menschen zwar noch in mir nachwirkt, dass ich es aber für mich bearbeitet und annähernd verstanden habe.

Es berührt mich noch immer, aber es wirbelt mich nicht mehr so durcheinander, wie noch vor gut einem Jahr.

Deine Gefühle sind Deine, meine Gefühle sind meine. Du kannst nichts für meine, und ich nichts für Deine Gefühle. Ist das so? Es wäre so einfach.

Ich empfinde es als ein großes, großes Privileg, diese Gedankenzeit zu haben. Manchmal wünsche ich mir, auch die Zeiten des Zweifels (…letzte Texte…werde ich gebraucht?) mit solch heilenden Gedanken füllen zu können.

Aber das was ist, ist wohl gut, so wie es ist.

Auch in Zeitraffer.

Und diese Lektion ist wohl meine nächste: aushalten, dass nicht jeder Moment ein positiv erfüllter ist. Sondern dass er deshalb besonders ist, weil ich ihn erleben darf.

Ob gut oder schlecht.

„Die Zeit verweilt lange genug für denjenigen, der sie nutzen will.“

~

Leonardo da Vinci

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