Für immer und 3 Jahre.

Vor drei Jahren schrieb ich folgenden Text für meine Uroma. Und irgendwie…auch mit ihr.

Ich weiß, warum ich den ganzen Abend über so unruhig war. Es fehlt ein Stück.

Nun sollen diese Zeilen, nein, müssen sie, Teil meines Blogs sein:

Sie schloss die Augen. Es war Herbst. Es roch scharf nach Alkohol und Sterilgut, sie lag unbequem auf einer lauten Matratze und Irgendetwas drückte auf Mund und Nase.

Sie kniff die Augen fester zu. Das Atmen fiel jetzt leichter als noch vor einer Stunde – oder war es ein Tag? Komisch, wie schnell man sein Zeitgefühl verlieren kann. Was war passiert…die letzte Erinnerung war die an den Notarzt, der wie verrückt auf ihrem Brustkorb herumpumpte. Sie hörte ein lautes Knacken und fühlte einen stark stechenden Schmerz in ihrer Brust. Dann wurde sie wieder ohnmächtig.

Erinnerungen…ja, jetzt war es an der Zeit alles Geschehene noch einmal zu überdenken. Ob sie noch kommt? Sie würde warten.

Zwei Weltkriege hat sie überlebt. Diese Erinnerungen waren wie schnelle Blitze, wie Momentaufnahmen. Es gehörte zu ihrem Leben, aber es war vorbei. Drei Kinder hat sie großgezogen. Zwei Mädchen und einen Jungen. Mittlerweile war sie mehrfache Urgroßmutter.

Sie liebte ihre Urenkel. Über Alles. Sie und ihr Mann, als er noch lebte, zogen ihre Enkelin auf, da diese kein schönes Elternhaus hatte. Sie hatten einen kleinen Hund in der Familie, „Bobby“. Er wurde 18 Jahre alt.

Pferde liebte sie über Alles, sie ritt selbst und ihre Eltern hatten sogar Hof & Pferde. Diese Leidenschaft gab sie an ihre Urenkelin weiter.

Ihr Pferd würde sie nun nicht mehr sehen…aber auf Fotos sah sie es oft. Eine gute Erinnerung. Gut! Eine Erinnerung für immer.

Das Atmen fiel ihr plötzlich wieder schwerer. Sie hörte Schritte, dann ein Piepen, und es strömte warme, angenehme Luft in ihren Mund und ihre Nase.

Wann ist es Zeit zu gehen…war sie da? Ist sie da? Nein, noch nicht. Sie wartet auf sie.

Plötzlich sah sie ihren Mann. Ganz klar und deutlich vor sich. Er streckte ihr seine Hand entgegen. Er sah so jung aus! Dann war es wieder dunkel.

Was war passiert…Schon immer sagte sie zu ihrer Familie, wenn sie ihre Kinder oder gar Enkel überlebt, will sie nicht mehr leben. Dann fehlte der Sinn, sagte sie. Wenn ihre Kinder dann komisch oder sogar traurig-trotzig reagierten, gab sie ihnen einen Klaps und sagte, sie müssten das verstehen. Und wenn sie dies nicht könnten, würden sie es, sobald sie selber Kinder hätten.

Vor einem halben Jahr starben drei ihrer Kinder, Enkelkinder. Sie verlor von Tag zu Tag die Energie.

Vor einer Woche kam ihre Enkelin mit ihrer Familie auf dem Weg nach Cuxhaven zu Besuch, um „bis in einer Woche, Oma!“ zu sagen. Zu ihrer Urenkelin sagte sie, sie solle auf sich aufpassen, worauf diese sehr verwirrt reagierte. „Wir kommen doch in sieben Tagen wieder, Oma!“

Die Atemmaske klebte in ihrem Gesicht, ihre Atemzüge wurden immer weniger.

Die Tür ging auf, und ihre Enkelin mit ihrer Familie betrat das Zimmer. Alle weinten. Sie versuchte, die Hand zu heben, aber es klappte nicht.

Ihre Enkelin und deren Mann redeten ruhig mit ihr, er verließ weinend das Zimmer. Nach einiger Zeit folgte seine Frau.

Sie atmete tief ein. Plötzlich roch sie keine unangenehmen Gerüche mehr. Sie roch und hörte ihre Urenkelin.

Ihre Urenkelin weinte, nahm ihre Hand in die eigene und redete mit ihr. Sie sei sicher, dass sie sie verstünde. Sie will sie nicht gehen lassen, aber wüsste, dass das egoistisch sei. Sie wollte ihr noch soviel sagen und erzählen, aber wüsste nicht, wo sie anfangen sollte.

Minuten vergingen. Sie spürte einen Kuss auf ihrer Wange, nach einigen Sekunden einen weiteren. Zwei Abschiedsküsse, wie immer.

Ihr liefen Tränen über die Wange, seufzte auf. Als ihre Urenkelin ihre Hand losließ, wusste sie, es war Zeit.

Auch sie ließ los. Da stand er wieder, ihr Mann. Er nahm ihre Hand, und die Gerüche und Geräusche wurden immer leiser und entfernten sich immer mehr.

Sie schaute traurig, als sie ihre Urenkelin dort unten sitzen sah. Aber sie blieb stark, für sie alle. Für immer.

Noch nach Jahren, von dem Moment an, als sie in dem Krankenbett auf der Intensivstation lag, beobachtete sie ihre Urenkelin. Jedes einzelne Mal, wenn diese sich wieder in ihrer Trauer vergrub, sandte sie Zeichen, kleine Zeichen zu ihr.

Einmal fiel ein Bild um, das andere Mal fiel eine Tür ins Schloss, ein wieder anderes Mal pustete sie wärmenden Wind um die Schultern ihrer Urenkelin.

Irgendwann sind wir wieder zusammen.

Wo, wann und wie auch immer.

Bis dahin verabschiede ich mich von Dir.

Mit zwei Abschiedsküssen.

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Nachtrag:

Meine Uroma ist, so habe ich das Gefühl, nun wieder bei ihrer Zwillingsschwester, und bei ihrem geliebten Mann und ihren Kindern, Enkeln.

Mein mich damals nicht loslassendes Gefühl, dass sie nur auf einer Reise sei, und nicht tot, hat sich in eine ruhige Gewissheit verwandelt, dass das, was passierte, sein darf. Und, natürlich, in eine realistische Gewissheit. Versinkt man so sehr in seiner Trauer, dass über einen sehr, sehr langen Zeitraum nichts anderes mehr Platz im eigenen Leben hat, ist es Zeit, selbst wieder aufzubrechen, um die eigene Reise fortzusetzen. 

Irgendwann lachte ich wieder, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Und fragte mich, warum dies jemals da war. Meine Uroma war ein so lustiger Mensch. Hätte sie gewollt…?

Ich bin traurig, und werde es immer sein. Geliebte Menschen zu verlieren, kann und wird niemals zu den schönen Dingen des Lebens gehören. Aber der Verlust ist ein Teil unseres Lebens.

Begrüßung und Abschied.

Und irgendwann folgt das Wiedersehen.

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Ein Gedanke zu “Für immer und 3 Jahre.

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