Sandmann?

Mein Körper hat aktuell eine wirklich sehr herausfordernde Phase.

Ich bin mir nicht sicher, ob es sich in irgendeiner Form lohnt, mit ihm zu schimpfen.

Okay, was für ein blöder Textanfang. Wenn ich solche Zeilen schreibe, kann ich nicht glauben, dass ich auch lesenswerte Dinge zustande bringe. Nein, das soll kein Fishing for Compliments sein.

So steige ich jetzt einfach voll in mein Thema ein.

Die nächtliche Unruhe, die ich unabhängig von diversen Mondphasen erlebe, bringt mich jede Nacht aufs Neue dazu, herausfinden zu wollen, woran es denn mangelt, um in den heiß ersehnten Tiefschlaf zu fallen. Einschlafprobleme habe ich zwar schon seit ich denken kann, jedoch war die Art und Weise früher eine andere.

Wenn ich merke, dass ich nicht schlafen kann, bleibe ich nicht einfach liegen, nein. Soll man ja nicht. Ich tue Dinge, die ich gerne tue. Die man halt so macht, wenn man nicht schlafen kann.

Ich schnappe mir ein Buch, höre Musik, putze ein wenig (und natürlich leise), setze mich an den PC um Emails zu beantworten, wozu mir tagsüber die Lust fehlt, schreibe Postkarten, sortiere die Mäntel und Pullis der Hunde, die jetzt wieder gebraucht werden.

Doch irgendwann…ja, irgendwann ist sozusagen alles erledigt.

Dann liegt plötzlich kein ungelesenes Buch mehr herum. Die Wohnung ist sauber, alle Emails beantwortet, Ohrensausen meldet sich – Musik aus.

Die Suche nach neuen Ideen beginnt.

So mache ich Dinge, die man sonst eher vor sich herschiebt.

Zum Beispiel mal wieder einen Blick auf die Patientenverfügung werfen. Da fällt mir auf…Mensch…DAS Lied wollte ich noch vor einiger Zeit auf der eigenen Trauerfeier haben? In der Kombination mit dem Abschlusssong, bevor die Gäste sich (weinend oder auch lachend) den Bauch vollschlagen?

Ne, oh, ne. Eine gute Gelegenheit, diese Formalität mal zu überarbeiten.

Kann ich nur Jedem empfehlen. Geschmäcker ändern sich, auch die eigenen. Manchmal schneller, als man denkt.

Natürlich ist nachts nicht so viel los, wie am Tage. Wobei mir in letzter Zeit recht oft jede Minute wie die andere vorkommt, egal ob es nachts um 4 Uhr dunkel ist, oder tagsüber um 16 Uhr (ach, ja…Herbstblues, Dich habe ich so gar nicht vermisst…).

Und da eben nachts meine Möglichkeiten einer Ablenkung vom eigenen „wach sein aber eigentlich schlafen wollen“ nicht so überaus groß sind, gehe ich in mich und bemerke, was Tante MS sich in den letzten Wochen so geleistet hat.

Besonders nervig sind die immer doller werdenden Wortfindungsstörungen. Ich bitte darum, diese nicht mit dem „Hach…wie heißt der Sänger nochmal…*schnips*“-Moment zu vergleichen. Es ist, als würde man mir einen Zettel vor die Nase halten, auf dem fett mit Edding der Begriff geschrieben steht, den ich suche. Den ich aber einfach nicht verbalisieren kann.

So suchte ich in einem angeregten Gespräch mit Roman über die Religionen dieser Welt einen bestimmten Begriff, fing nach einer halben Stunde im Auto fast an zu heulen. Zuhause gab es dann genügend Ablenkung von der eifrigen Wortsuche, bis ich später im Bett lag, tatsächlich im Halbschlaf vor mich hindöste und es plötzlich, wie ein Blitz, durch meinen Kopf schoss. Roman, am anderen Ende der Wohnung sitzend, bekam daraufhin eine SMS von mir mit dem einsamen, aber von mir stolz wie Oskar aus meinen Hirnwindungen gefrickelten Wort „Theologie“.

Was für eine Erleichterung, ich konnte einschlafen.

Hat meine Schlaflosigkeit also vielleicht mit einer Art Wortsuche zu tun? Oder eher einer Sinnsuche? Ich stelle mir, wie ich bereits öfter thematisierte, nicht die Frage nach dem Warum, in Bezug auf meine MS. Aber natürlich bemerke ich die immer häufiger werdenden Ausfälle, die Ausweitung der gefühllosen Stellen auf meinem Körper, die Verstärkung der Fatigue, die Gangunsicherheit, die in Verbindung mit der (jetzt so frühen) Dunkelheit besonders schlimm für mich ist, der nervigen Milchglasscheibe vorm Fernseher (meine neuste Errungenschaft) und so fort.

Die Trigeminusneuralgie meldet sich mittlerweile unterschwellig seit einigen Wochen. Ein sehr, sehr fieser Kumpane.

Aber trotzdem taucht eine Art Sinnfrage immer wieder auf. Mal leiser, mal lauter. Und die betrifft nicht nur mich und mein Leben. Auch versuche ich bewusst mit meinen Eltern oder Freunden über Dinge zu sprechen, die sie eventuell noch nicht verarbeiten oder begreifen konnten, in deren Bezug ich aber nun vielleicht mehr nachhaken kann, darf und auch sollte, wenn sie mit mir darüber reden möchten.

Auch mit Roman finden überaus wertvolle Gespräche statt. Er verlor seinen Vater viel zu früh, ein richtiger Abschied hat nie stattgefunden. Es sind kleine Momente in denen dann einer von uns merkt, dass genau das angesprochen werden darf…vielleicht sogar muss. Und dann kann es passieren, dass für einige Wochen wieder „gut ist“.

Irgendwie schweife ich vom eigentlichen Thema ab, kann das sein? Auch das ein neu entdecktes Phänomen. Wobei das für Frauen an sich eventuell doch nicht so neu ist. Von Hölzchen auf Stöckchen und so.

Nun ist es 02:14 Uhr und ich würde wirklich, wirklich gerne schlafen.

Da ich die Befürchtung hege, dass der Sandmann sein kostbares Gut nur dann in (…oder über? ich sollte mich viel intensiver mit Märchen befassen) menschliche Augen streut, wenn man sich im Bett befindet, werde ich mich nun wieder genau dorthin begeben.

Schlaft gut.

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