Wohin gehst Du?

Ein düsterer Herbst.

Der heutige Mittag war abenteuerlich. So musste ich mich beim Mittagsgassi an diversen Bäumen und Zäunen entlang hangeln.

Und dieser Sturm scheint eine Grippe, die seit Wochen unterschwellig in mir wütet, gelöst zu haben.

Husten, Halsschmerzen, Fieber – raus damit.

Gedanken mache ich mir ebenso.

Wie klein sind wir eigentlich im Gegensatz zu den Naturgewalten. Ein Sandkorn mit einem ewigen Schatten im Rücken, der uns jederzeit verschlucken kann. Dass das, worüber alle seit Jahren reden, schon länger als längst da ist…merken wir das?

In diesem Jahr begegne ich vielen Menschen, die in Trauer sind, oder sich selbst auf ihrem letzten Weg des Lebens befinden, die in handfesten Krisen stecken und sich an mich wenden.

Etwas, das mir sehr am Herzen liegt, es zu besprechen, ist dieser Ausspruch, wenn ein Mensch in hohem Alter starb: „Der oder die hatte doch ein langes Leben.“ Als wäre das ein, oder wenn nicht sogar das OK für den Tod, für den endgültigen Abschied. Erleichtern wir uns damit nur selbst, rechtfertigen wir damit das aus dem Leben reißen eines geliebten, geschätzten Menschen, oftmals auch im Alter so urplötzlich, ohne jegliche Ankündigung?

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass diese Floskeln vielleicht eine gewisse Trefferquote besitzen. Jedoch kannte ich Menschen, die mit weit über 70, 80 Jahren auf dem Sterbebett lagen und dermaßen wütend und traurig über den bevorstehenden Abschied waren. Weil? Ja, weil sie gerne lebten. Weil sie vielleicht etwas für sich entdeckten, das in vorheriger Zeit nicht lebbar war, woran sie nicht einmal zu denken wagten. Weil es Enkelkinder und Kinder gab, deren Leben sie plötzlich nicht weiter verfolgen konnten. Weil sie, schlicht und ergreifend, am Leben hingen.

Im umgekehrten Fall lernte ich in meiner Pflegezeit einen Mittzwanziger kennen, der nur noch einige Wochen vor sich hatte, hier, auf unserer Welt.

Er war vollkommen okay damit. Er sagte, er habe sein Leben gelebt, und das, was er bis dahin erleben durfte und tun konnte, erfüllte ihn so sehr, dass kein Hadern mit dem frühen Zeitpunkt seines Todes vorhanden war.

Das Annehmen oder Ablehnen des eigenen Todes ist so individuell wie die Menschen und ihre Lebensumstände selbst. Einem älteren Menschen wird der Wunsch zu sterben eher zugesprochen, wenn er Schmerzen oder andere Leiden erlebt, als einem jungen. Zudem neigen wir dazu, selbst sterbende Menschen fest und bei uns halten zu wollen, die keine Kraft und keinen Willen mehr haben, um auf dieser Welt zu sein. Egoismus? Liebe? Angst?

Vielleicht gehöre ich zu der Sorte Mensch, die sich sehr innig mit dieser Thematik des Sterbens auseinandersetzt und schon immer einen anderen, ich würde sagen weicheren, offeneren Blickwinkel darauf hatte. Bewusst trauern, leiden, weinen. Nichts unterdrücken, nichts kleinreden, sich nicht für Tränen schämen.

Aber auch, wenn viele, viele Menschen sich einfach (noch) nicht mit der eigenen Sterblichkeit und der Endgültigkeit des Lebens befassen wollen, kommen sie nicht drumherum, um den Tod. Aber macht nicht gerade das Wahrnehmen unseres Daseins alles aus, als eine Art Basis für die Dinge, die wir erleben dürfen, können und wollen? Genießen wir das Hier und Jetzt eventuell mehr, wenn wir uns bewusst machen, das das Hier und Jetzt irgendwann ein totales, und nicht mehr wiederholbares Damals wird? Vielleicht genügt es sogar, sich diese Tatsache ein einziges Mal bewusst in den Kopf zu rufen.

Wenn man sich der eigenen Sterblichkeit bewusst wird, merkt man, wie kurz ein Tag ist. Ein Monat. Ein Jahr. Und: wie wertvoll.

In diesem Jahr habe ich viele, für mich so unendlich wertvolle Bücher gelesen, die meine Sicht auf das Leben (egal ob gesund oder krank – wir alle gehen einmal) Stück für Stück bereichern, und zudem immer mehr hinterfragen.

Muss ich mich rechtfertigen, sollte ich irgendwann (früher, als es die Gesellschaft als „angemessen“ akzeptiert) in Frieden gehen wollen? Bleibe ich am Ball, möchte ich Menschen für diese Thematik und (ebendrum!) gleichzeitig für das Leben begeistern, sie zum Nachdenken bringen?

Habe ich das Zeug dazu, mit diesem Blog? Durch Gespräche?

Wie es auch verläuft. Es ist unwahrscheinlich wertvoll für mich, wen ich durch diese Buchstaben schon erreichen konnte, welche gedanklichen Windböen ich zustande brachte, auch für mich – vielleicht gerade eben für mich.

Ich glaube, es ist unmöglich,jeden Tag tatsächlich so zu leben, als wäre es der letzte. Für mich jedenfalls.

Aber die Gedanken lassen mich Dinge tun und Wünsche denken, die ich körperlich nicht mehr ausführen kann.

Und so zu wissen, dass in meinem Kopf einfach alles immer und überall stattfinden kann, das erleichtert mich ungemein.

Auch in einem kranken Körper kann ein gesunder, zufriedener Geist wohnen.

 

„Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.“

Marie von Ebner-Eschenbach 

 

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