16 Monate.

16 Monate ist es nun her.

Der Gang zum MS-Spezialisten, unterm Arm die MRT-Bilder (die distanzierte Realität), im Kopf das, was auf den Bildern zu sehen ist (die distanzlose Realität), Befunde noch und nöcher, ein Päckchen Angst, ein Bündel Hoffnung auf längst überfällige Gewissheit, nun, nach 11 Jahren endlich zu erfahren, was da in mir spukt.

16 Monate.

Inwieweit kann man sich in solch einem Zeitraum verändern, wie sehr habe ich mich verändert?

Jeder Mensch trägt seinen Rucksack. Bei der Geburt ist er vielleicht noch leer, nicht ganz so voll. Vielleicht füllt sich dieser Rucksack bei einigen schneller oder auch langsamer, ist kleiner oder größer, leichter oder schwerer.

Mein Rucksack hat das Extrafach mit der Aufschrift „Ungebetene Gäste“ (= Krankheiten). Neben der MS ist da noch einiges los, aber viele Verbindungen wurden mittlerweile aufgedeckt, worüber ich froh bin. Nun weiß ich in vielen Situationen, wie konkrete Hilfe…oder…Abhilfe aussehen kann. Und sei es nur für einen absehbaren Zeitraum.

Noch mehr passierte.

Ich habe gelernt, und lerne es noch, mich von Menschen abzunabeln, die mir nicht gut tun. Das klingt banal, ist es aber nicht. So gar nicht. Meine Mutter sagte erst heute in einem langen Gespräch (Mutter-Tochter-Jahresrückblick), dass ich sehr viel mehr Selbstbewusstsein erlangt habe. Das stimmt.

Allerdings findet das nicht jeder prima. Wenn Menschen gewohnt sind, dass eine Frau eher ihre Klappe hält, zu vielem „Ja und Amen“ sagt, sich die Butter vom Brot nehmen lässt und eher ein angenehmer, weil stiller Zeitgenosse ist, empfinden sie es teilweise als ganz schön unangenehm, wenn genau diese Frau plötzlich ein richtiggehendes Eigenleben entwickelt (was zwar vorher auch schon da war, natürlich, aber…) …und dieses auch nach außen trägt – für sich.

Soll heißen: mir ist in diesen Monaten unter anderem aufgefallen, wie schwer es uns Menschen fällt, fremde Meinungen und Ansichten einfach mal zur Kenntnis zu nehmen und stehen zu lassen. So stehen zu lassen, wie sie das Gegenüber sieht, denkt, fühlt. Und zu akzeptieren, wenn ein anderer von einer bestimmten Sache einfach mal mehr Ahnung hat, als man selbst, oder eine völlig andere Denkweise vertritt – das menschliche Ego ist ein komischer Kauz.

Der gemeine Mensch möchte zu allem seinen Senf dazu tun.

Meine Jahreslektion war also definitiv: Dinge annehmen und aushalten. Die, die in meinem Leben passieren, die geschehen, und die ich definitiv nicht ändern kann, selbst wenn der Wille da wäre.

Und ich muss sagen, mir ist das besser gelungen, als meinem Umfeld – auf meine Situation bezogen.

„Mach‘ doch mal dies, tu‘ doch noch das…“ Nein. Mach‘ und tu‘ ich nicht. Es ist jetzt einfach mal so. Sein lassen. So sein, wie es ist.

Ich bin auch noch da, ich drehe mich jetzt auch mal um mich.

Das tut so gut.

Bei Facebook kann man, wie ich finde, dieses Phänomen recht gut beobachten. Es gibt die stillen Mitleser, zu denen ich mich eher zähle, weil ich nicht jede Statusmeldung anderer kommentiere oder meine Meinung kundtue, obwohl ich selbst viel schreibe, auf meinem Profil. Und die, die gewisse, vielleicht auch für sie schwierige Lebensansichten, -phasen nur schwer aushalten können. Dann passiert auch mal die ein oder andere Übersprungshandlung. Und ich frag mich leise: „Was möchte er/sie mir denn nun wirklich mitteilen?“ Welches Ziel hat dieser Konflikt?

Häufig fällt es auch schwer, einfach mitzuteilen, was man gerade fühlt. In diesem Augenblick, ganz akut und authentisch. Da fällt es viel leichter, Tipps zur (Ver-)Änderung zu geben. Vielleicht ist da ja noch was zu machen…

Ich verstehe das. Aber es nervt mich auch. Nach einer Weile stellten diese Momente mit mir an, dass ich ernsthaft überlegte, arg private oder problematische Dinge einfach nicht mehr zu posten, mitzuteilen. Oder nur begrenzt. Das tat ich dann, ich verkleinerte den Umfang meiner Mitleser.

Aushalten, sein lassen.

Nicht nur Gedanken können schwer wie Blei sein, auch körperliche Zustände haben mich dieses Jahr ganz schön gefordert, aber auch gefördert.

Der Kopf trägt sich jetzt besser, so eine Etage höher.

Eine fiese Atemnot, deren Verursacher nach 10 Wochen gefasst wurde (das Asthma) hat mich an den Rand des Wahnsinns getrieben.

Die besoffene Verbrennung an der Wade war nach 12 Wochen vollständig verheilt. Die Hauptaufgabe hier: Geduld. Und das Fazit: ich halte weitaus mehr aus, als ich dachte.

Parästhesien, motorische Probleme, Sprachblockaden, Denkaussetzer, heute mein erster starker Tremor, als ich Kleingeld aus der Geldbörse fummeln wollte. Mit alldem lerne ich zu leben.

Und dann sind da noch meine langjährigen Begleiter, die unerwünschten aber ewigen Schatten, die Schmerzen.

Nach einem sehr langen und intensiven Gespräch mit meinem Hausarzt und Schmerztherapeuten habe ich mich nun auf eine neue Möglichkeit eingelassen, die mir lange eher Gänsehaut und gehörige Grummelgedanken verschaffte. Die mich aber, dank guter Aufklärung und dem Verscharren von Vorurteilen, mittlerweile erleichtert und auf Dauer gesehen beruhigt.

Nun naht Silvester. Krach, (in meinen Augen häufig) übertriebene Freude, Ihr wisst schon. Nicht meins.

Deshalb verbringe ich den Jahreswechsel mit meiner Familie. Ganz ruhig, ganz gemütlich.

Zwei wunderbare, erst kurz zurückliegende Ereignisse wärmen noch mein Herz: ich sah nach langen Jahren zwei überaus liebe, geliebte Freundinnen wieder. Zwei Menschen, die ebenfalls ein schwieriges Jahr hatten, teils furchtbare Dinge erlebten und überstanden. Und bei denen es reicht, trotz einer so langen „Pause“, sich anzusehen um sich wohl und verstanden zu fühlen.

Auch die Liebe zu einer ganz bestimmten, ganz kleinen Insel verschafft mir regelmäßig Herzstempelabdrücke in den Augen. Alleine die Erinnerungen tun so gut, dass ich Wochen, Monate davon zehre.

Vorsätze für 2014 habe ich keine, die lassen sich so gut spontan schmieden und umsetzen, dass ich sie viel zu schade finde, als dass sie nur in dieser Neujahresstimmung präsent sein dürfen.

Wünsche habe ich. Aber auch die leben ganzjährig.

Euch wünsche ich, dass das neue Jahr so verläuft, wie Ihr es Euch vorstellt, dass Ihr die Möglichkeiten habt, die für Euch wichtigen und geliebten Dinge zu tun, regen und wertvollen Austausch mit anderen, interessanten Lebewesen zu pflegen, und, natürlich, körperliches und seelisches Wohlbefinden.

Ein liebes, herzliches Dankeschön für Euer Interesse an diesem Blog darf nicht fehlen.

Bis ganz bald.

 

 

 

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