Warnzeichen.

Fragezeichen?

Zweifel. Sorge. Angst.

Was vor ein paar Wochen als ein leichter Tremor begann, der sich äußerte, während ich in einem Geschäft Kleingeld aus der Geldbörse fischen wollte, entpuppte sich an diesem Wochenende als ein sehr unheimlicher, mich einschüchternder Weggefährte.

Dass die MS einen solchen Klumpen an gleichzeitig auftretenden Beschwerden mit sich bringen kann, die sich vereinzelt verstärken, wie eine sich nacheinander aufstellende Armee, habe ich nicht erwartet.

Es ist schon länger her, dass ich an unruhigen Beinen litt, die nachts einfach weiter liefen. Ohne mich, denn ich wollte schlafen.

Nun laufen sie schon abends immer weiter. Restless Legs Syndrom heißt das auf schlau. Es macht mich kirre. Johanniskrauttee,Lavendel, Magnesium, schaffen nur noch wenig Abhilfe, allerdings stelle ich mir beim Einschlafen einfach vor, dass ich Richtung Strand laufe, in Nebel, auf Amrum.

Die Ursache kenne ich. Ich kann sie nicht bekämpfen. Ja, für eine symptomatische Behandlung bin ich definitiv. Habe aber immer mehr das Gefühl, sobald ich Dies oder Jenes zu mir nehme, ich würde Seifenblasen zum Platzen bringen, in denen ein Zettel erscheint mit der Aufschrift: „Pass‘ auf, weil…“ – das ist nicht gut, nein. Ich will hinsehen, hinfühlen.

Was mich weitaus mehr belastet, ist eine Spastik, die sich vor einigen Tagen das erste Mal bei mir vorstellte. Der rechte Oberarm krampfte derart, dass ich danach einen Tag lang Muskelkater hatte. Mir fielen die leichtesten Sachen aus der Hand, ich konnte mich nicht mehr abstützen. Gestern Mittag begann dann dieses unwillkürliche, wellenartige und stechende Muskelzucken, erneut im rechten Oberarm, welches bis jetzt nur eine gute Stunde Ruhe gab – in der ich Schmerzen bekam, aufgrund des hohen Muskeltonus. Bis jetzt zuckt mein Arm weiter, und ich könnte gerade nur noch heulen.

Die Taubheit an so vielen verschiedenen Stellen an meinem Körper, an die habe ich mich gewöhnt. Ich will mit all diesen Veränderungen klar kommen, sie betreffen mich, meinen Körper, mein jetziges Zuhause, in dem es sich meine Seele für eine Weile gemütlich gemacht hat. Ich möchte diesem Zuhause Gutes tun, es mit Positivem füttern, meine Miete rechtzeitig zahlen.

Ich gehe Kompromisse ein. Beim Eincremen nach dem Duschen nicht mehr zu spüren, sondern nur noch zu sehen, wo ich mich gerade befinde, ist doof, aber auszuhalten. Nicht mehr schnell und so koordiniert laufen, sich drehen oder springen zu können, ist ebenfalls auszuhalten. Laufen und drehen geht auch langsam. Springen muss nicht sein. Die Fatigue begleitet mich nun schon so lange, tatsächlich ist mit einiger guter Organisation auch diese unfassbar schwere Müdigkeit, diese Erschöpfung, die mich von jetzt auf gleich trifft…nein…tritt, zu bewältigen. Indem ich sie verstehe: Mach‘ langsam!

Die Schmerzen, altbekannte Begleiter. Mich immer öfter nicht mehr hinhocken können, weil meine Muskel zittern wie eine langbeinige Spinne an der Wand. Sprachblockaden, eine nicht mehr so schöne Schrift, wie ich sie früher hatte, macht auch kein Leben aus. Nicht mein Leben. Alles, irgendwie, auszuhalten.

Und doch…

Zweifel. Sorge. Angst.

Ob ich mich an das, was mein Körper nun vor sich hat, auch gewöhne? Belüge ich mich selbst, und nehme ich all das eigentlich nur zur Kenntnis, anstatt es wahrhaftig anzunehmen und zu akzeptieren?

Nein. Ich tue etwas, was in meinen Augen sehr wichtig ist: ich setze mich akribisch mit der MS auseinander, kann aber auch sehr gerne mal sehr lange nicht an sie denken oder über sie sprechen, da ich sie ja jeden Tag erlebe. Das irritiert mein Umfeld schon manchmal. Aber die Leute verstehen schnell, wieso man über eine Nervenausmerzsache nicht alle zwei Tage am Telefon schnacken mag.

Zugegeben, von anderen MS-Betroffenen hörte ich bereits, dass diese Schübe, oder die aufgesetzten Schübe, je nach Verlaufsform, tatsächlich so geballt auftreten können. Und auch von ihnen weiß ich, dass sie (vorausgesetzt, sie haben die MS angenommen als einen Teil ihrer selbst) nicht tagtäglich darüber reden möchten, müssen. Jeder so, wie er mag.

Wahrscheinlich ist das irgendwann so, hat sich der erste Schock dann gelegt.

Wobei ich noch immer wie ein aufgeschrecktes Kaninchen erstarre, wenn ich im Radio, im TV oder im Alltag Jemanden über dieses Thema sprechen höre. Es ist etwas anderes, dies von außen zu hören, von Unbekannten. Da schwingt kein schöner, positiver Klang mit, als würde man über den letzten, so herrlichen Urlaub reden. Meist geht es um Verluste, Krisen, Traurigkeit, Schmerzen, Zukunftsangst. Und mir wird klar: hey, in diesem Boot sitze ich auch mit drin.

Es ist, wie es ist.

Zweifel. Sorge. Angst.

Restless Legs. Wovor will ich weglaufen? Oder: wo will ich hin? Was wissen meine Beine, was ich noch nicht mal im Ansatz erahne?

Welcher Handgriff steht als nächstes an, welche Sätze wollen geschrieben werden, welche Tür geschlossen oder geöffnet? Der rechte Arm…so viele Botschaften könnten in diesem Aufzeigen diverser Grenzen durch meinen Körper stecken.

Jede meiner Einschränkungen steht für sich, und doch sind sie nur die Spitze des Eisberges. Spüre ich die Symptome, wurde schon viel zerknabbert, angefressen. Die Ausfälle zwingen mich, mich erneut zu verlangsamen, wieder einen Gang zurück zu schalten. Gehe ich bald rückwärts? Heißt Leben rückwärts nicht…

Die Woche wird ein emotionaler und auch körperlicher Hammer, eine echte Herausforderung, die ich annehme, das muss ich. Die Resultate einzelner Tage kann ich bislang weder abschätzen, noch erahnen, welche Gefühle dann in mir aufkommen.

So lege ich mich gleich, nachdem ich so irre lang für diesen Text brauchte, ins Bett. Lasse meine Beine laufen, bis ihnen schwindelig wird, und sie dann, vielleicht, doch irgendwann vor Erschöpfung einschlafen.

Vielleicht lese ich auch noch ein paar alte Blogs. Die ich positiv gestimmt schrieb. Ja, meine MS brachte mir auch viel Gutes. Das darf und will ich nicht vergessen. Gerade jetzt. Vielleicht sollte ich für jeden positiven Aspekt, den ich entdecke, einen Knoten in eine Kordel machen. Ja, das ist schön.

Was ich mit meinem Arm veranstalte? Ich glaube, ich versuche es mit Kommunikation. Gewaltfrei, versteht sich.

„Eeer gehört zu miiir…“

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2 Gedanken zu “Warnzeichen.

  1. Liebe Mone… Ich bin immernoch sprachlos darüber woher Du die Energie nimmst Deine Gefühle und Gedanken so toll niederzuschreiben. Trotz der MS fällt Dir das Schreiben (scheinbar) so leicht. Du findest die richtigen Worte, umschreibst das alles so als würde man auf Deinem Schoß sitzen und es leibhaftig erleben. Das ist eine erstaunliche Gabe die nicht jeder hat. Ich bewundere Deinen Kampfgeist und Deine Art Dich damit auseinander zu setzen… Kämpfen und akzeptieren, aber auch mal Angst haben und nicht auf heiter machen. Ich denke Du machst alles richtig und wünsche Dir so dolle von Herzen das diese blöde MS Dich nicht zu doll ärgert. ggglg Melli

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