Felemo.

Morgen ist es 5 Jahre her.

Ein Tag, den ich nie vergessen werde. Als war es erst gestern…

Eine Email erreicht mich, sie ist von meiner besten Freundin, auf deren Hof Felemo seit vielen Jahren sein Rentnerdasein genießt, gemeinsam mit seiner „Frau“ Dixi. Dixi und Felemo sind gleich alt, 29 Jahre. Sie haben das Glück, einfach Pferd sein zu dürfen. Riesige Weiden, ein großer, offener Stall, der keinerlei Sozialkontakte unterbindet. Sei es zum Pferdenachbarn, zur Katze, die mal wieder auf der Boxenwand spazieren geht, oder den Hunden, die sich gerne mal ins Stroh legen und ein Nickerchen halten.

Die Email.

Kurze Begrüßung. Sie, Anke, weiß nicht, wie sie es mir sagen soll. Es sei etwas Schreckliches passiert. Mit Felemo.

Ich rufe sie an. Versuche, klar zu denken, alle fiesen Vorahnungen im Keim zu ersticken.

„Felemo lag in der Box fest. Wir haben…wir haben Alles versucht. Er hat über 6 Stunden gekämpft. Aber…“

Aber…

Warum sie mich nicht anrief, frage ich leise. Ich hier, im hohen Norden, Felemo unendliche 450 km von mir entfernt.

Felemo ist tot.

Ich bedanke mich ganz leise, und lege auf.

Lasse alles stehen und liegen, gleich kommt Roman, vor ein paar Wochen lernten wir uns kennen, wollten eigentlich zusammen essen und einen Film anschauen.

Ich setze mich auf mein Sofa, starre auf den Fußboden.

Felemo ist tot.

Das kann nicht sein. Es KANN nicht sein. Vorgestern war ich doch noch bei ihm, es ging ihm gut.

Wie habe ich mich von ihm verabschiedet?

Er blubberte, als ich aus dem Stall zum Auto ging. Ich drehte nochmal um, ging zurück. Kraulte ihn erneut, rieb meine Stirn an seiner.

„Ich lieb‘ Dich, mein Eisbär.“

Felemo ist tot.

Ein Jahrzehnt mit einem Wegbegleiter, der mich aus den tiefsten Löchern holte, mich zur Besinnung brachte, wenn mein Kopf diese Erde verließ, mich tagtäglich spiegelte und mir zeigte, dass es Werte auf dieser Welt gibt, die auf einer Ebene existieren, welche man wahrhaftig fühlen muss, um sie zu verstehen.

Roman ruft an: „Hey, ich bin gleich…was ist los? Weinst Du?“

Felemo ist tot.

Kein Abendessen, kein Film.

Tränenloses Weinen, Wimmern, Schluchzen, der Versuch, zu begreifen, dass mein bester Freund soeben starb.

Ich versprach ihm all die Jahre, dass ich ihn begleite, wenn es soweit ist. Je älter wir wurden, desto wichtiger war es für mich, ihm das zu sagen, zu versichern.

Warum war ich nicht da?

5 Jahre.

Als ich nach einigen Wochen das erste Mal in der Box stehe, brechen endlich die ersten Tränen aus mir heraus. Ich begreife, was passiert ist. Ich setze mich ins Stroh, berühre sein Boxenschild, sehe das Halfter, das über der Tür hängt, an ihm haften einige, weiche Eisbärhaare.

Dixi steht mit ihrem Hals über mir, wie eine Mutter, die ihr aufgelöstes Kind beruhigt.

Atmen.

Anke erzählt mir, dass Dixi in den ersten Tagen starr in eine Richtung schaute, als würde sie durch alles und jeden hindurchsehen.

Sie trauert, genau wie ich.

Gemeinsam schaffen wir es, die erste Schwere loszuwerden, endlich wieder tief durchzuatmen.

Noch immer hadere ich damit, nicht für mein Seelenpferd da gewesen zu sein. Ich war nicht da. Habe ein Versprechen gebrochen.

Er ist bei mir, so oft spüre ich seine Anwesenheit. Ich rieche ihn, erinnere mich so häufig an die vielen, vielen, wundervollen Momente auf unserem gemeinsamen Weg. Erinnere mich daran, was dieses wunderbare Wesen mir gab, was ich von ihm lernen konnte.

Letztes Jahr folgte Dixi ihm. Plötzlich. Ruhig.

Einige Wochen später, ich stehe auf der Stallgasse.

Der Anblick beider leerer Boxen löst einen Schmerz in mir aus, der all das Leid, die Angst und die Trauer des vergangenen Jahres aufrüttelt.

Ich weine, bis alle Tränen versiegen.

Dixi hat fast ihr ganzes Leben bei Anke verbracht.

Meine beste Freundin und ich trauern gemeinsam, wissen, was die andere fühlt.

Nun, so hoffe und glaube ich, sind sie wieder beieinander.

Mehr Gutes kann nicht sein, diese zwei Pferde fanden einander die große Liebe.

Und was hier, auf unserer Erde, begonnen hat, muss nach dem Ablegen der Hülle, die wir hier auf Zeit bewohnen dürfen, nicht zu Ende sein.

Wenn Seelen reisen.

In großer Liebe.

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