Looping.

Der hundertste Text.

Etwas Besonderes sollte er werden. Tief, aussagekräftig, poetisch. Dachte ich so.

Was macht mich aus?

Ich entschied mich, über das zu schreiben, was meines Erachtens die größte Wandlung darstellt, die ich in den letzten Jahren durchlebte.

Noch vor einigen Jahren ging ich nicht aus dem Haus, ohne dass auch die letzte Haarsträhne perfekt saß, der Lidstrich aussah, wie von einem Künstler geschaffen. Ich ging teilweise zwei-, dreimal in die bereits abgeschlossene Wohnung zurück, um noch einmal zu checken, ob ich auch wirklich alles ausgemacht hatte. Bloß kein Teller sollte mehr auf der Spüle stehen. Bücher auf dem Nachttisch sollten bitte mit genau diesem bündig Kante an Kante liegen. Herumliegende Wäsche? Oh Graus!

Sich mit Freunden oder dem aktuelle Schwarm treffen, und dabei schlunzig (heute würde ich sagen = bequem angezogen) aussehen, war mir so fremd, wie ohne einen prüfenden Blick in den Rückspiegel (allerdings auf mich gerichtet) aus dem Auto zu steigen.

Ich hatte schon damals die feinsten Antennen für mein Umfeld. Sah mich Jemand in der Disco schief an, ganz egal, ob der Blick mir nun galt oder nicht, brach in mir eine Welt zusammen. Am liebsten wäre ich sofort nach Hause gefahren, denn dieser abwertende Blick MUSSTE einfach mit mir zu tun haben.

Im Hochsommer nur im T-Shirt, also oberarmfrei, rausgehen? Um Himmels Willen…sich Verwandten in kurzen Hosen zeigen? Meiomei…

Einige Jahre (und Kilos+!) später:

Ich besuche mit Roman einen Freizeitpark, in dem eine beachtliche Holzachterbahn zuhause ist. Wir reihen uns in die Warteschlange ein. Beobachten die bereits Fahrenden, Schreienden, ich würde am liebsten flüchten. Mein Gefühl, dass die starren Blicke nicht gerade dem gut aussehenden Roman gelten, trügt mich nicht. Hier und da wird getuschelt. Ich zupfe immer mehr und eingeschüchtert an meiner Sweatjacke herum. Roman schüttelt den Kopf. „Scheiß doch auf die.“

Er hat gut reden. Ein Mann wie ein Baum. Braun gebrannt, breit wie hoch, muskulös, Perlweisslächeln. Daneben: Ich. Pummelhummel Mone. Auch braun, auch breit wie hoch, keine definierten Muskeln (nicht, dass ich wüsste?), schiefe aber schöne Zähne.

Nach fast zwei Stunden stehen wir vor dem Monstrum, welches also gleich mit uns über die knarrenden Holzbretter schießen soll.

Unsere Position: ganz vorne. Ich steige zuerst ein, sitze also auf der Seite, auf der man nach der Fahrt aussteigt und zum Ausgang geht. Der Parkmitarbeiter kommt, um die Gurte und Bügel zu checken. Plötzlich werde ich stutzig. Bitte ihn, den Gurt für mich ein kleines Stück, gute 5 cm, zu verlängern. Der Angestellte guckt erst zu Roman, dann hinter sich, dann auf den Boden, dann schief grinsend zu mir: „Das ist leider nicht möglich.“

Tausend Gedanken schießen durch meinen eigentlich gerade sehr leeren Kopf. Gibt es Loopings? Nein? Dann kann ich der Misere entgehen und so, unangeschnallt, mitfahren. Ich klemme ja quasi schon in dem Sitz. Blick zu Roman. Trauriges Gesicht seinerseits.

Ich registriere plötzlich die Stille um uns herum, die Blicke. Diese Blicke. Fühlbar wie ein Raum, in dem ich stehe, der sich von allen Seiten sehr schnell verkleinert. 

Dann stehe ich auf, klettere unbeholfen aus dem Sitz und gehe weg. Die ersten Tränen kullern.

Währenddessen höre ich Sätze wie: „Was is’n mit der los?“ — „Zu fett!“

Nie werde ich das vergessen.

Mein Herz besteht aus einem einzigen Schamgefühl, mein Bauch ist so flau, dass ich befürchte, auf der Stelle umzukippen, wortwörtlich vor Scham im Boden zu versinken.

Eine Frau, die mit ihrer kleinen Tochter auf ihren mitfahrenden Mann wartet, schaut lieb und traurig zugleich zu mir herüber.

Die Achterbahnfahrt ging für mich eigentlich ebenfalls los, ich fuhr diese Fahrt genauso rasant, ruckelig und mit schwummerigem Bauchgefühl, wie die kreischenden Menschen zig Meter über mir.

Roman wollte mit aufstehen, doch ich machte ihm kurz klar, dass er fahren soll.

Die Zeitspanne vom Aussteigen bis zur Ankunft Romans kam mir vor wie eine Ewigkeit. Er lief sofort zu mir und nahm mich in den Arm. Jeder Vorbeigehende, der einen blöden Spruch brachte, bekam einen noch blöderen von Roman zurück.

Was für ein Erlebnis, was für ein Gefühl.

Nichts hätte mich in diesem Moment retten können. Keine gut sitzende Haarsträhne, kein perfekt gezogener Lidstrich. Ich war angezogen, und trotzdem völlig nackt.

Meine Laune war derart gesunken, dass ich umgehend nach Hause wollte. Dank Romans Überredungskunst, aus diesem sonnigen Tag doch noch etwas zu machen, blieben wir.

Fuhren mit der Bobbahn, mit einem Fahrgeschäft, dass uns mit gefühlten 1000 km/h durch die Luft katapultierte, und, ganz zum Schluss, mit der Bimmelhochbahn durch den Park. Wir und zwei Teenager-Jungs. Das war der größte Spaß, im langsamsten Fahrgeschäft der ganzen Anlage.

Auch meine Abneigung auf jegliche Nahrung bezogen verflog schnell. Nach dieser Schande auch noch ganz offensichtlich und genüsslich ein Eis essen?! Ok.

Seit diesem Tag habe ich einen absolut anderen Blick auf sogenannte Peinlichkeiten.

Heute.

Ich bin nach wie vor ein gepflegter Mensch, der gerne schicke und außergewöhnliche Sachen anzieht. Jedoch ist es mir wurscht, wer irgendwann einmal in den Genuss kommt, meinen Körper (fast) unbekleidet zu sehen. Das bin ja ich.

Seien es Ärzte, Krankenschwestern, Physiotherapeuten, Mitschwimmer am geliebten See, oder auch meine Eltern oder Freunde.

Erst kürzlich sagte ich zu einer Arzthelferin, die meine bereits verheilte Verbrennung an der Wade begutachten sollte: „Scheiße, Beine sind unrasiert. Verzeihen Sie bitte diesen Anblick.“ Diese bildhübsche Frau sagte daraufhin: „Ja, und? Denken Sie, ich rasiere mir im Winter die Beine? Brauchen wir halt nicht so dicke Kniestrümpfe.“ Wie praktisch. Großes Grinsen.

Mein Gefühl, welches ich früher hatte, in die Herzen der Menschen zu schauen, unechtes Lachen zu entschlüsseln oder missbilligende Blicke schneller aufzunehmen, als mein Umfeld, ist geblieben.

Aber ich mache mir nichts mehr aus diesen Erlebnissen. Eher kontere ich ruhig durch ein Verhalten, welches mein (wahrscheinlich oft hoch frustriertes?) Gegenüber völlig aus dem Konzept bringt.

Die Gefühle anderer gehören zu genau diesen Menschen. Meine Gefühle sind meine. Und wie ich auf solche Aktionen Fremder reagiere, ist ganz allein meine Sache. Das kann nur ich steuern. Solange ich bei mir bleibe. Da ich mir zu einer großen Aufgabe gemacht habe, mich von negativen Stressoren fernzuhalten, von Menschen, die Unmengen an Energie ziehen, aber keinerlei positive Energie abgeben, und ich mir immer bewusster gemacht habe, dass von oberflächlich denkenden Menschen auch nur Oberflächlichkeiten zu erwarten sind, geht es mir in dieser Hinsicht um einiges besser.

Dass in gewissen Situationen eine gewisse Oberflächlichkeit von Nutzen ist, ist klar. Ihr wisst, was ich meine.

Auch gelingt mir dieses Abgrenzen nicht immer.

Aber mich zu akzeptieren und zu mögen, ganz und innig, auch mit verwuschelten Haaren, ungeschminkt, in weiten Hosen und Schlabbershirts, mit einer Figur, die alles andere als gesellschaftstauglich ist, das funktioniert. Vor allem, mir immer wieder zu sagen, dass es nicht wichtig, nicht richtig, nicht gesund ist, dieses fremdbestimmte Gut-Sein, nur damit andere sich gut oder besser fühlen.

Und weil mich das, so im Rückblick, sehr freut, ist das nun meine ganz persönliche, goldene Hundert.

Donnerlittchen.

 

 

 

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2 Gedanken zu “Looping.

  1. Salu lkiebe Simone,

    nun gut, es gibt noch zwei Worte an denen Du arbeiten darfst: „aber“ und „nicht“. Begründung: ABER ist schon eine Rechtfertigung oder Einschränkung, NICHT wird gerne überhört … “ Tut das nicht!“ ist wie eine Einladung zu „Tu das!“…

    Mit ein wenig Umformulieren lassen sich inhaltlich gleiche Aussagen bewerkstelligen. Ich mache dies … verbunden mit dem angenhemn Nebeneffekt, daß die Leute besser hinhören. Ob sie tatsächlich verstanden haben ist ein neuer Job … –smile —

    Es würde mich interessieren, wieviele Deiner Lebensjahre bis zu dieser Aussage im blog vergangen sind. Bei mir waren es mit analogen Ergebnis, gut 33 Jahre…. ein Image als hoffungsloser Chaot hatte ich ja schon, war ja auch ganz geschickt. .. Der Rest war Übungssache im Spiegel … Beispiel: gestern fielen mir die Zitronen in einen Kübel mit Waser für die Rosen vor dem Kassenband.. Ein Reaktion wäre: oh wie peinlich … hat es jemand gesehen? … meine Reaktion, ich mußte über mich lachen… Die Frau hinter mir auch….zeitgleich die Worte: “ Jetzt sind die Zitronen gewaschen!!!“.

    Dienen letzen Absatz würde ich wie folgt übernemen:

    MICH zu akzeptieren und zu mögen, ganz und innig, auch mit verwuschelten Haaren, ungeschminkt, in alten Hosen und Schlabberhemden, mit einer Figur, die gerade so geht, für einen Mann in meinem Alter, das funktioniert.Vor allem, mir immer wieder zu sagen, dass es wichtig sich selbst zu sein, richtig,und gesund ist, dieses fremdbestimmte Gut-Sein zu trotzen. Es ist meine Haut in der ich mich wohlfühlen darf … fertig aus …

    Sonnige Grüße aus den Südwesten

    WN

    • Hallo WN,

      vielen lieben Dank für Deine Sichtweise der Dinge 😉
      Ich kann gut behaupten, dass mit Sicherheit 12 Jahre vergingen.
      Ein Dank auch für die „Zitronengeschichte“ :-).

      Viele Grüße
      Mone

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