Szenen.

Es ist Donnerstag, Mittagszeit.

Ich und die Hunde holen eine junge Frau ab, die äußerlich das genaue Gegenteil von mir ist.

Groß, schlank, blond.

Trotz dieser äußerlichen Unterschiede haben wir eine große Gemeinsamkeit, die von Anfang an dafür sorgte, dass wir uns nie fremd waren, sondern sogleich vertraut. Ja, diese Momente, in denen man Menschen zum ersten Mal sieht, trifft, und irgendwie doch nicht zum ersten Mal. Jedenfalls fühlt es sich so an.

Sabine hat ebenfalls Multiple Sklerose.

Und durch einen absoluten Zufall lernten wir uns kennen, und etwas ganz Besonderes entstand.

Sabine hat einen experimentellen Dokumentarfilm erschaffen: Kleine graue Wolke.

Ein gemeinsamer Bekannter machte mich, nachdem er diesen, meinen Blog letztes Jahr entdeckte, auf Sabines Film und ihren Blog aufmerksam. Ich schaute mir auf Vimeo verschiedene Filme und Beiträge von Sabine an, und war sofort sehr berührt und beeindruckt von ihrem besonderen Gefühl für die feine, leichte, auch für Nicht-Betroffene aushaltbare Darstellung dieser zerstörerischen und alles andere als leicht zu verarbeitenden Krankheit.

Erst entstand ein schriftlicher Kontakt, dann, nach einiger Zeit, fand das erste Telefonat statt.

Als Sabine mich irgendwann fragte, ob ich Teil des Filmes sein möchte, und an einem szenischen Dreh teilnehmen will, empfand ich großes Glück und eine große Freude.

Dieser so zauberhafte, wirklich unvergessliche Drehtag wird mich mein Leben lang an dieses wundervolle Projekt erinnern, durch das ich eine Menge großartiger Menschen kennen lernen durfte. Und genau diese Menschen sehe ich in gut zwei Wochen wieder, dann findet die Team-Premiere von „Kleine graue Wolke“ statt – ich bin sooo gespannt und so voller Vorfreude!

Der Dreh bescherte mir aber nicht nur neue Bekanntschaften, sondern einen gehörigen Schub – einen höchst positiven. Ich ging plötzlich noch offener, natürlicher und selbstbewusster mit meiner MS um. Ich zeigte mich wortwörtlich der Öffentlichkeit, mein Handicap und ich, wir sind eins.

Zurück zu dem besagten Donnerstag.

Wir fahren an einen Elbstrand ganz in der Nähe. Die Hunde toben sich aus. Eine klirrende Kälte, klare Luft und die durchbrechende Sonne begleiten uns. Wir gehen auf eine durch das Niedrigwasser entstehende Sandbank und genießen die so heilende Weite fernab des Alltags.

Reden, schweigen.

Wie schön, wie wertvoll ist es doch, einen vertrauten Menschen zu haben, der genau weiß, was in einem vorgeht. Dass eine Krankheit wütet, zerstört, und so häufig in ihrem Beginn nicht zu sehen ist. Dass gerade diese Tatsache es erschwert, sich in seinem Umfeld zu behaupten, dass die Neigung zu ständiger Rechtfertigung immer mitschwingt. Dass man es irgendwann nicht mehr erträgt, mit Floskeln zugeschüttet zu werden. Dass diese unfassbare Erschöpfung, die Fatigue, die von der einen auf die andere Sekunde zuschlägt, nicht mit Worten zu erklären ist. Dass sie einem die Kraft raubt, auch nur auf eine einzige SMS zu antworten – ja, wie wertvoll ist es, gerade dann verstanden zu werden.

Die Fatigue soll hier als ein Beispiel von vielen Symptomen, den 1000 Gesichtern der MS, genannt werden.

Ich bin froh, Dich, liebe Sabine, in Deiner warmherzigen, humorvollen, unwahrscheinlich kreativen, empathischen, ehrlichen und intelligenten Art und Weise kennen und erleben zu dürfen.

Und ich danke Dir von Herzen dafür, ein kleiner Teil Deines wundervollen Filmes sein zu dürfen.

Ich bin mir sicher, dass er viele, viele Menschen aufklären, berühren und nachdenklich stimmen wird – ganz sicher. Und dass er anderen Neu-Betroffenen das wichtigste mit auf den Weg geben wird, was wir MS’ler ohne Wenn und Aber benötigen:

Mut.

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