Berg und Tal.

Ein Text, den ich letzte Nacht verfasste, auf Facebook postete, nicht einmal für alle meiner fb-Freunde sichtbar.

Wieso eigentlich nicht? Was hindert mich, was hemmt mich?

Genau das ist es, was so oft passiert:

Es ist so leise hier.

Zack.

Ein kurzer Moment reißt mich heraus, aus diesem entspannten, „fast normalen“ Tag.

Schmerzen, Zuckungen und Krämpfe, die immer länger und intensiver andauern.
Wie viele Dinge habe ich heute Abend fallen lassen? Wie oft bin ich irgendwo vor gelaufen?

Fernsehen, schreiben und lesen sind gerade nicht die beliebtesten Hobbys meiner Augen.
(Den letzten Satz musste ich 5 x tippen, bis er korrekt war.)

Die tauben Handkanten, Finger, die taube Zunge und das nun mehr seit 3 Wochen anhaltende Ameisenlaufen im Gesicht bringen mich gerade zur Verzweiflung.

Ich vergrabe mein Gesicht im Fell meiner Hunde, heule, schweige, konzentriere mich auf meine Atmung, um nicht völlig zu verkrampfen.

Nein, es ist nicht einfach. Ja, es ist verdammt schwer.
Nein, ich möchte endlich keine Ratschläge oder „Du musst mal Dieses oder Jenes probieren“-Floskeln hören – es ist, wie es ist. Warum scheint das nur in meinem Kopf angekommen zu sein? Dieses Denken anderer, sich mit mir besser auszukennen, als ich es tue…das killt auf Dauer jegliche Empathie und Zuneigung.

Müssen, sollen, falsch, richtig – nee. Ich muss einen solchen Batzen an Scheiße aushalten, den Rest darf ich mindestens ansatzweise alleine entscheiden und lenken.

Weinen dürfen, jammern dürfen, schwach sein dürfen bedeutet Ballast und Seelenmüll abwerfen. Das kann gut tun und stark machen, mir immer wieder aufs Neue Kraft schenken.

Und genau den Menschen, die dieses nicht gerade kleine Leid immer wieder aufs Neue mit mir durchstehen, aushalten, annehmen – denen danke ich dafür. Denn in diesen Momenten bin ich einfach nur ich.

Ich bin kein Preisboxer, der freiwillig, für was auch immer, Schmerzen aushält.
Ich bin nur Mone, die Schmerzen aushalten muss.
Dadurch werde ich nicht reich an Geld, aber…

Gehen oder bleiben?
Ja oder nein?

Bleiben, ja.
Aber dieser MS-Schatten wird größer und dunkler.

Also gehe ich weiter, wenn das Gefühl wieder in meine Beine kommt, und suche Licht. Ganz. Viel. Licht.

Ihr lest, es gibt Momentaufnahmen wie diese, in denen sich Alles überschlägt. Die MS und ich werden zu einem Knäuel. Wobei wir eigentlich sowieso untrennbar sind…aber ich es in den meisten Situationen schaffe, diese zu mir gehörende Krankheit mit einer wahrhaftig gesunden Distanz zu betrachten. Nicht sofort panisch, ängstlich oder hyper genervt zu werden, wenn sie sich meldet.

Jedoch…diese bestimmten Momente, ja, die gibt es auch. Ich lasse sie mittlerweile zu, feuere nicht wie von der Hornisse gestochen dagegen, in dem ich an Tagen mit einem richtig schlechten Gangbild auf Zwang zwei Stunden durch die Gegend laufe. Arrangiere mich, schere die Symptome allerdings auch gedanklich zum Teufel, wann immer ich es will.

Ich bin mein eigener Profi.

Sobald ich spüre, mein innerer und äußerer Stresslevel sinkt, kralle ich mir meine Ressourcen und pflege sie.

Heute heißt das für mich: Ausspannen, kein „Muss“, kein „Soll“, nur Sein.

Die Sache mit den „gut gemeinten Ratschlägen“ und Floskelmonstern von außen können, das glaube ich wirklich, nur Menschen 1:1 nachvollziehen, die selbst chronisch („unheilbar“) krank sind. Ich gehörte früher selbst zu denen, die die Welt retten wollten und das Gefühl hatten, Probleme anderer mit lieb gemeinten Tipps eventuell lösen oder zumindest verkleinern zu müssen.

Nein.

Annehmen, sagen, was man fühlt, ohne eine (oft sowieso unsinnige) Lösung parat zu haben, das hilft.

Pure Empathie statt starrem, problemorientierten Enthusiasmus.

Ja, das ist nicht leicht. Aber für beide Seiten angenehmer, glaubt es mir.

Ich schicke Euch ganz viel Sonne. 

 

 

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2 Gedanken zu “Berg und Tal.

  1. Junge Frau,
    naja, wie soll ich Sie anders nennen, da ich ein älterer, keinesweswegs „lebenssatter“ Mensch bin. Nun, ich habe Teile Ihres Textes, Ihrer Formulierungen geklaut, weil Sie etwas prägnant ausdrücken, wozu mir die Worte fehlten
    :“Nein, es ist nicht einfach. Ja, es ist verdammt schwer.
    Nein, ich möchte endlich keine Ratschläge oder “Du musst mal Dieses oder Jenes probieren”-Floskeln hören – es ist, wie es ist. Warum scheint das nur in meinem Kopf angekommen zu sein? Dieses Denken anderer, sich mit mir besser auszukennen, als ich es tue…das killt auf Dauer jegliche Empathie und Zuneigung.

    Müssen, sollen, falsch, richtig – nee. Ich muss einen solchen Batzen an Scheiße aushalten, den Rest darf ich mindestens ansatzweise alleine entscheiden und lenken.“
    Das ist mir dermaßen aus der Seele gesprochen, es deckt sich „passgenau“ mit meinem eigenen Erleben ( bin 58 Jahre, habe progediente MS) und ich konnte nicht widerstehen, ihre Worte, in einer privaten e-mail, als Zitat zur Darstellung, meiner eigenen Situation, zu benutzen.
    Dafür bitte ich Sie um Vergebung. Und was ich Ihnen gestehen muß : Sie machen mir Mut, Sie sind sicher manchesmal verzweifelt,, wie auch ich es bin .
    Aber Sie kämpfen, reflektieren Ihre Situation, finden Perspektiven , da, wo ich schon keine mehr sah.
    Und Sie spornen mich an, es Ihnen gleichzutun. Und dafür danke ich Ihnen, sehr.

    mfG

    Hans-Peter Holst

    • Lieber Hans-Peter,

      ich danke Ihnen – ich danke Dir (wir waren bei Facebook schon beim Du, habe ich das richtig in Erinnerung?) herzlich für diese Rückmeldung.
      Bessere Worte fallen mir gerade nicht ein.

      Danke.

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