Reset.

Mein Plan ist geglückt.

Ich verordnete mir vor einiger Zeit selbst Ruhe, Rückzug, Gedankenwaschgänge der anderen Art und einen bewussten, gern schmerzhaften aber dadurch mehr als wahrhaftigen Rückblick in das Vergangene.

Manche Zeiten vergehen so schnell, dass ich nicht mitkomme. Ich durchlebe zwar das, was mit mir geschieht, aber vor lauter Schnelligkeit erlebe ich es nicht.

Ich werde in der Tat immer langsamer. Wie ein einsamer Pausenknopf, mitten in einer vorgespulten, rennenden, eifrigen Welt.

Brauche länger, um auf Fragen zu antworten, brauche länger, um gewisse Zusammenhänge zu verstehen, brauche morgens länger (läääääääääääääänger) im Bad, obwohl ich mich immer zu den glücklichen Schnellduscherinnen zählte, die KEINE drei Stunden brauchen, um öffentlichkeitstauglich zu sein, brauche länger, um Gefühle zu begreifen und sie, wenn nötig, in Worte zu fassen, brauche länger, um nach einer Mücke zu schlagen, die mir auf der Nase sitzt.

Wenn ich dann Phasen habe, in denen ich doch schneller bin, als mein MS-Ich, werde ich hektisch und mache so manches Mal mein nahes Umfeld ein wenig verrückt. Ungeduld mit mir selbst ist eine Schwäche, die ich seit meinem Klein-Sein habe.

Und dann kam er, der bewusste Rückzug, das Entschleunigen, das Abstreifen der Alltagshülle und das Anziehen des Auszeitpyjamas.

Ich konnte abschließen. Mit Tatsachen, Dingen, Problemen, Sorgen. Sie durchwälzen und ausgiebig sowie herzlich beweinen. Und sie dann, wenn mir danach war, zum Teufel schicken.

Das Einhüllen in mich selbst, an einem Strand sitzen, nur mit mir selbst, es herrscht Stille, nur die Natur macht sich bemerkbar und ich fühle genau, wie sich die Wogen langsam glätten.

Allerdings bringt so eine Reinigung auch viel frischen, energischen Wind mit sich. Dinge übereilen, zu schnell auf andere reagieren, und mich dann ärgern, wenn wiederum keine Reaktion erfolgt – auch das sind Schwächen. Oder eben: auch das bin ich.

Abwarten, Menschen mit Reaktionen überraschen, die sie nicht annähernd vermuten, mich besinnen, atmen, im Hier und Jetzt auf meinen beiden, eigenen, manchmal wackeligen aber vorhandenen Beinen stehen. Unter meinen Füßen der Boden, der mich trägt.

Auch wenn ich falle, ist er da. Mache mir klar, dass es Oben und Unten gibt. Oben ist die Luft, die ich zum Atmen brauche, unten der Boden, die Erde, die Basis, mein Halt. „Ich bin am Boden“ ist für mich kein gefährlicher Ausruf mehr, sondern eher die Tatsache, dass ich mich und mein Denken gerade neu starte und mir selbst die Chance zugestehe, inne zu halten und zu beobachten, neu zu planen.

Deutlich wurde auch die Dringlichkeit in Bezug auf einen Termin beim Augenarzt. Das klingt nun nicht sehr romantisch, naja…das sind sie auch nicht, die tanzenden Buchstaben und die Doppelbilder, die diese Krankheit manchmal im Gepäck hat. Ich hatte immer sehr, sehr gute Augen, gesunde Augen. Das Lesen (und Schreiben) fällt mir aktuell wirklich schwer, phasenweise, in enger werdenden Intervallen, treten richtige Milchglasausblicke auf, ich nenne das gern einen „pathologischen Weichzeichner“ – Du hast Pickel? Nein!! Wo?? Ich seh‘ keine.

Wer nach wie vor an meiner Seite steht, sitzt, liegt, furzt, brummelt, schnarcht, atmet, spielt, frisst, kuschelt, läuft, liebt und schaut sind meine Hunde. Ich erwähne das öfter? Gut so. Die Tatsache, dass diese zwei Herzchen auf acht Beinen mein Ein und Alles sind, kann nicht oft genug unterstrichen werden.

So schaue ich ihnen jetzt noch eine Weile beim Einschlafen zu, lege mich dann irgendwann hin, schnappe mir hoffnungsvoll und skeptisch zugleich ein Buch, welches mir eine liebe Freundin, mit der ich in den letzten Wochen sehr holprige, emotionale und sensible Zeiten teilen durfte, schenkte – um es gleich wieder wegzulegen.

Manchmal müssen wir für Weitsichtigkeit zahlen, dafür, um neue Ufer zu entdecken und sie für uns selbst zu neuen, kleinen und großen Zielen zu basteln.

Und manchmal sind die Dinge, die wir zwischen den Zeilen lesen, aussagekräftiger und wichtiger, als die, die wir mit bloßem Auge, wenn auch tanzend, erkennen können.

Schlaft gut.

 

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