Das bin ich.

Ich blättere durch eine Zeitschrift, und plötzlich liegt ein Artikel über Multiple Sklerose vor mir.

Meine Augen füllen sich mit Tränen, ich habe einen dicken Kloß im Hals und am ganzen Körper, insofern ich alle Areale wahrnehmen kann, eine kalte Gänsehaut.

Ja, diese seltsamen Momente, in denen ich doch immer mehr und mehr realisiere, dass ich diese Krankheit in mir trage, und nicht etwa ein Gegenüber, welches mich seit 31 Jahren tagtäglich begleitet und an meiner Seite lebt.

Ich tröste nicht mein Spiegelbild, wenn ich vor Schmerzen schreien könnte, wenn mich die Missempfindungen fast verrückt werden lassen, wenn ich in Ruhe ein Buch lesen möchte und alle Buchstaben zu hüpfen beginnen, wenn ich nach kurzer Zeit meine Beine nicht mehr merke und drei Tage am Stück in einen Tiefschlaf fallen könnte.

Ich tröste mich.

Ich sage mir, dass ich die Menschen sehr wohl verstehe, die ihren Lebensweg nicht vollständig durchwandern und erleben, ihn nicht bewusst gestalten, es nicht versuchen, oder nicht neugierig sind auf das, was wohl noch kommt – sondern sie eine Abkürzung nehmen, sich aus diesem Leben schleichen und ihre Ruhe finden wollen.

Jedoch fängt mich mein eigener Trost auf. Diese Tage, die schlimmen Tage, werden mehr und intensiver. So intensiv, dass mich plötzlich ein sehr kühler, simpler Artikel über Multiple Sklerose aus der Bahn schmeißt und mir zeigt: Das bin ich.

Aber das weiß ich doch, ich rede zwar nicht täglich darüber, auch wenn ich seit längerem darüber schreibe, um alle möglichen Emotionen zu erfassen, zu ordnen und zu verarbeiten. Obwohl ich jeden Tag, jeden jeden Tag spüre, dass mein Körper immer langsamer, empfindlicher und irgendwie auch fragiler wird, scheint ein kleiner Teil in mir noch immer zu hoffen, dass im nächsten Moment das Telefon klingelt und Jemand laut lacht: „April, April! Versteckte Kamera! Verstehen Sie Spaß? Sie sind gesund!“

Das wird nicht passieren.

Doch mein Leben wird zugleich stündlich wertvoller, ich tanke Tapferkeit und Optimismus mittlerweile per Abonnement und Bonuspunktekarte und die Neugier, eben diese Neugier, auf das, was ich noch erleben darf und mir als mein ganz eigenes Zuhause des Lebens zusammenzimmern werden, wächst.

Ich schaue auf die Bettseite links neben mir, wo meine Hunde liegen, zufrieden und ruhig schlafen, schnarchen, blubbern. Fühle ihre Wärme, spüre ihr pochenden Herzchen und bin so dankbar für genau diesen, einen Augenblick.

Ja, auch das bin ich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s