120.

Ich freue mich auf den Tag. Sehr sogar.

Stehe auf, falle wieder um. Stehe wieder auf.

Ziehe mich an, gehe raus, stolpere über die erstbesten Bordsteine, Unebenheiten, Steine.

Will mich beeilen, wanke, merke, dass mein Gleichgewicht nicht so will, wie ich.

Noch nicht einmal die ersten zehn Meter sind geschafft, und ich bin genervt. Von mir? Von meinem Zustand? Den Umständen?

Ich treffe mich mit einer lieben Freundin. Wir sind an der Ostsee, biegen um eine Kurve und sehen, wie eine alte Dame plötzlich mitten auf der Straße zusammenbricht.

Wir fahren rechts ran, meine Freundin ruft sofort einen Krankenwagen.

Ich laufe, so schnell es geht, zu der Dame. Neonleuchtschrift in meinem Kopf: Erste Hilfe, stabile Seitenlage, Vitalwerte, ist sie ansprechbar, orientiert? Es stellt sich später heraus, dass die starken Wetterumschwünge und die Tatsache, dass sie an diesem Tag eine sehr unangenehme Situation zu meistern hatte, für diesen Zusammenbruch sorgen.

Ich sitze halb neben, halb hinter ihr. Halte ihre Hand, spende Schatten, ihr Kopf liegt auf meinem Oberschenkel. Rede leise und ruhig mit ihr. Gleich kommt Hilfe, sie braucht keine Angst haben, wir sind da. Wir gehen nicht eher, bis wir sie in den guten Händen der Sanis wissen. Wenn sie will, bleiben wir auch länger.

Sie weint, ist schrecklich aufgelöst, unruhig, zittert.

Doch sie wird immer ruhiger. Eine Nachbarin, die sie schon lange kennt, war wie durch einen Zufall dabei, als sie zusammenbrach, stützte sie. Gemeinsam mit einem weiteren Helfer konnten wir sie dann von der Straße führen, hin zum rettenden Bordstein. War ich heute morgen nicht noch von einem selbigen genervt?

Die Nachbarin ist ebenso aufgelöst, erzählt traurig, welche Umstände sich ereigneten, und wie froh sie sei, dass wir nicht einfach weiterfuhren.

Später sagte ich zu meiner Freundin, dass sei doch selbstverständlich – wie könnte man in so einer Situation vorbeifahren? Dieses Thema hätte wohl genug Stoff für einige Diskussionen im Gepäck.

Nun, für mich ist so etwas in der Tat selbstverständlich. Hinsehen. Helfen.

Die Sanis kommen und sind einfach nur super, super empathisch und geduldig in ihrer Art und Weise der Dame gegenüber.

„Schatz“ nannte mich die nette Nachbarin später, während sie mich drückte und mich zig Mal fragte, ob meine Freundin und ich nicht etwas auf ihre Kosten trinken oder essen wollen.

Ich dachte an meine Zeit in der Altenpflege, ich habe diese Arbeit, nein…dieses Zusammensein mit den alten Menschen geliebt.

Manche dieser Menschen überlebten einen oder zwei Weltkriege. Gaben alles für ihre Familie, oftmals auch bis zu dem Moment, als sie sich vielleicht selbst aufgaben oder völlig hintenanstellten. Bis zum Reiseende. Traumata im Gepäck, die wir uns wahrscheinlich nicht einmal im Ansatz vorstellen können. Unverarbeitet.

Dann, im Alter, sterben Freunde, Bekannte, der Ehepartner, vielleicht sogar die eigenen Kinder oder auch Enkel. Vielleicht kann man das geliebte Zuhause nicht länger bewohnen, aus finanziellen Gründen oder der Tatsache, ganz alleine nicht mehr die nötige Sicherheit im Alltag zu besitzen, Krankheit.

Hilflosigkeit hat nicht zwangsweise nur etwas mit dem physischen Zustand zu tun. Isolation und das Verlieren von Aufgaben, dem Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden – was würden solche Krisen mit uns anstellen?

Ein liebes Wort, ein sanfter, lustiger Blick, ein paar echte, empathisch gewechselte Worte können Liebe, Respekt und Beachtung schenken, und einem Menschen eventuell einen ganzen Tag etwas versüßen.

Ich würde mich darüber freuen. Später. Ein Lächeln, eine gereichte Hand, ein Zwinkern.

Einige Zeit später.

Wir sitzen in einem Strandkorb. Gemeinsam. Wie viele, viele andere Menschen um uns herum.

Selbstverständlich? Nein.

Es ist ein großes Geschenk, nicht alleine zu sein.

Es ist ein großes Geschenk, mit Jemandem reden zu dürfen.

Es ist ein großes Geschenk, in einer Hilflosigkeit nicht in dieser hängenbleiben zu müssen.

So gerne und gut ich manchmal alleine bin und sein kann, so dankbar bin ich über die Menschen, die mich begleiten. Und die ich begleiten darf.

Vorhin erreichte mich eine Voicemail einer Freundin. Diese Sprachnachricht war 120 Sekunden lang. 120 Sekunden, in denen ein geliebter Mensch mir von seinem Tag erzählt. Sich mir anvertraut und mir zeigt, dass ich gebraucht werde. Ich liebe diese Art der Kommunikation. Es ist nicht wie bei einem normalen Telefonat, ich übe mich in Geduld, Zuhören, denn unterbrechen oder „mal eben was einwerfen“ ist nicht. Ich spreche langsamer, bedachter und…naja, anders eben.

120 Sekunden.

Was für ein Geschenk.

 

 

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