Nachhall.

Wenn man Sorgen und Probleme nur gut genug verteilt, sie ordnet und auffächert, stellen sie nicht eine solche Belastung dar, als säßen sie alle stur und bockig auf einem Platz. Das kann sonst nämlich fies werden, einseitige Schulterschmerzen oder einen Schiefhals hervorrufen.

Schaue ich doch aus dem Fenster und beobachte das gleiche Prinzip, während es unentwegt regnet. Die Blätter der Linde vor unserem Haus werden völlig zugeprasselt, aber nicht nur an einer Stelle, sondern großflächig. So tanzen sie zwar lustig auf und ab, halten dem Unwetter aber ganz prima stand.

Am Donnerstagabend kam ich mit dem Verdacht auf eine tiefe Beckenvenenthrombose ins Krankenhaus. Erst Freitag sollte sich herausstellen, dass es nur eine Thrombophlebitis ist, also eine oberflächliche Venenentzündung. Schmerzhaft, nicht gänzlich ohne Risiko, aber bei weitem nicht so voller Horrorszenarien wie der erste Verdacht der Ärzte.

Zwei Tage. Zwei Tage, in denen ich mal wieder die Lektion „Geduld“ aufgebrummt bekam. Da tanzen die Gedanken schon mal ganz gerne Tango.

Freitagnachmittag und -abend ruhte ich mich aus, kühlte mein schmerzendes Bein, lag gemütlich eingemuckelt im Bett, rechts und links von den Hundeherzen umgeben und mich langsam beruhigend.

Das Wochenende war ein sehr intensives. Samstag bescherte mir die Hitze in Sachen MS eine regelrechte Ohrfeigenparade – das Uhthoff-Phänomen ließ grüßen. Doch das war nicht das einzige, was los war. So erlebte ich durch zwei besondere Situationen eine Art Flashback, wie ich es, in dieser Form, noch nie hatte.

Es ging, um das ein wenig abzukürzen, um die frühere Krebserkrankung meiner Mutter. Beim ersten Mal befand ich mich für Sekunden in diesem Moment, als mir meine Eltern sagten, welche Diagnose im Raum steht.

Das zweite Mal saß mir meine Mutter gegenüber, nach der Chemo, ohne Haare, ohne Wimpern, ohne Augenbrauen. Dies alles ging, wie gesagt, sehr schnell wieder vorüber. Hinterließ jedoch ein extremes Gefühl der Hilflosigkeit, eine Art noch immer lodernde Verlustangst, Todesangst, eine Co-Todesangst um meine Mutter.

Zum Glück erfuhr ich in diesen Momenten menschlichen Halt und Verständnis, schaffte es, recht schnell wieder zu mir selbst (und zwar im Hier und Jetzt) zu finden. Diese Gefühle werden nun angegangen, angeschaut und angesprochen – wer seid Ihr? Und was wollt Ihr mir sagen? Welche Hausaufgaben vergaß ich nur? Was stand all die Jahre, bis jetzt, noch auf meinem „Hey! Bitte dringend beachten!“-Zettel?

Manche Notizen verblassen mit der Zeit.

Ich raste durch eine Zeit der Angst und Sorge, zugleich des Kampfes und der absoluten Hoffnung, die wir als Familie stets wieder anzündeten und in die Höhe scheuchten.

Manche Kämpfe kämpft man, weil es ums Überleben geht. Dass man diese Zeiten über-, aber nicht immer bewusst erlebt und somit erst dann aufarbeiten kann, wenn der Sieg über das jeweilige Schreckgespenst geschafft ist, man zur Ruhe kommt…

…das wird mir gerade sehr bewusst.

Zum Glück hat mein Rucksack so viele, viele Fächer.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, ohne ihn durch mein Leben zu reisen. Ganz gleich, wie viel Schlimmes in ihm steckte oder auch noch steckt, hineingesteckt wird.

Denn ist nicht genau das der Sinn?

Eine Entwicklung, eine Entfaltung, ein Leben lang. Probleme und Haken erkennen, Lösungen kreieren und manchmal vielleicht auch erst Jahre später merken, wodurch gewisse Knöpfe gedrückt wurden und werden.

Wahrscheinlich ist es okay, zurückzugehen, und ein Puzzleteil des Ganzen noch mal genauer zu betrachten.

Und wenn solch ein Nachhall die positive Eigenschaft mit sich bringt, mir zu zeigen, wen ich liebe, und wer mich liebt ( ist das nicht wunderbar simpel und so, so tief zugleich?), dann ist die Furcht vor dem, was demnächst so Alles hochkommen mag, nicht mehr allzu groß.

Denn genau das ist der Sinn.

 

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