Ausklinken.

Wie beginne ich nun diesen Text? Hui, der Anfang ist also gemacht.

Der gestrige Tag war eine pure Achterbahn.

Toll war er, weil meine Eltern mich besuchten und wir einige sehr schöne Stunden miteinander verbrachten. Die Hunde freuten sich genauso diebisch über „Oma und Opa“, wie umgekehrt.

Was sich allerdings meldete und sozusagen ausbrach, war eine Schmerzspitze, die sich seit Wochen aufbaute und immer penetranter wurde.

Meine Trigeminusneuralgie dachte sich, sie könne wie eine Axt beim Holzhacken mal kurz „HALLO!“ rufen, hereindonnern, sich breit machen und mir das Gefühl geben, mein Kopf würde zerstückelt.

Und zwar mit einer solchen Wucht, dass ich mit der gleichen das Erstbeste, was mir in die Finger kam, durch die Küche in den Abstellraum pfefferte und kurz und laut aufschrie. Weiß nicht mehr, was es war. Weiß aber, dass es heile blieb.

Für diesen Moment tat das nicht gerade gut, ich feuerte den Schmerz irgendwie nur noch mehr an. Zudem zwangen mich meine Augen durch Doppelbilder zur Langsamkeit.

Was ging mir durch den Kopf? Also, außer der gefühlten Axt?

Ich habe vor einiger Zeit meinem engen Umfeld mitgeteilt, dass ich aktuell eher der Einsiedlerkrebs unter den Freunden bin. Soll heißen: Rückzug, Ruhe, Besinnen, Erholen, nicht stündlich oder auch täglich auf jede „Hey, wie geht’s Dir?“-SMS antworten.

Dass ich das sehr wohl öfter tue, als „normale“ Menschen, ist mittlerweile „okay“, für die anderen.

Aber irgendwie auch doch nicht.

„Ruh Dich doch mal aus, so richtig!“ sagen sie. Ich ruhe mich aus, so richtig, melde mich mal ein paar Tage nicht (und das angekündigt). Und plötzlich erreicht mich über Dritte die Botschaft, dass ich eine treulose Tomate sei, die sich ja (unerhört!) 4, 5 Tage gar nicht mehr gemeldet hat.

Puh.

„Aber sie kann Fotos auf Facebook posten! Na, SO schlecht kann es ihr ja nicht gehen!“

Puh.

Muss ich dazu noch etwas sagen?

Soll ich?

Angebliches Verständnis haben und Etwas wirklich verstehen sind zwei Paar Schuhe. Und dass zwischen Worten und Taten Welten liegen, wird mir gerade sehr bewusst.

Ich möchte den Menschen gerne etwas mit auf den Weg geben.

Ja, ein jeder Mensch, der sich zurückzieht, darf ebenso weiterhin alltägliche, normale, sogar lustige Dinge tun (oder lassen), wie es ihm recht ist.

Psychohygiene ist so wichtig. Ich möchte aufnahmefähig sein, will trotz meines MS-Schädels das Hier und Jetzt durchleben, mit meinen Lieben. Und genau dafür möchte und muss ich den vorhandenen Speicher ab und zu einfach mal nullen oder zumindest ordentlich fegen.

Rückzug bedeutet nicht sofort Lethargie, Isolation oder Depression. Manchmal braucht man einfach So-Manche-Leute-Pausen. Oder So-Manche-Themen-Pausen. Oder So-Manche-Orte-Pausen. Vielleicht ist einem gerade der eine Mensch oder das eine Gesprächsthema ein wenig zuviel. Und im selben Moment passt es dann, sich mit einer größeren, vielleicht anonymeren Gruppe zu verabreden, in der fluffig-oberflächlicher Small Talk ansteht.

Natürlich bin auch ich manchmal ein Hinterherrenner. Ich stelle Fragen („Wie geht es Dir? Ist was passiert? Mit Dir? Mit uns? Wie siehst Du das?“), mache mir Sorgen (das kann ich echt gut) und will verstehen, warum Dies und Jenes soundso ist. Das kann auch nerven. Ich kann auch nerven. Jedoch bin ich auch echt gut darin, fremde Antworten wirklich zu verstehen, und mir nicht einen bösartigen, gar zerstörerischen und verletzenden Strick daraus zu drehen, den ich dann eher um andere wickele, als besagten Strick mit der Person, um die es geht, aufzudröseln.

Das kann nämlich in der Tat so einiges lösen: Reden. Klären. Nicht hintenrum brabbeln, mutmaßen, Gerüchte schüren.

Fast könnte dieser Blog eine Rechtfertigung sein.

Ist er aber nicht.

Ich lade den Groll ab, der auf meinen Rücken kletterte.

Schüttele, wie meine Hunde, den Stress ab, vielleicht sogar auch einen Teil der Schmerzen.

Bitte die Einen darum, mich einfach persönlich kurz anzusprechen, damit ich ihnen umgehend sagen kann, dass es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine persönlichen Gründe hat, weshalb so manche Krebse sich von Zeit zu Zeit in ihr Schneckenhaus zurückziehen.

Und spreche den Anderen ein dickes Danke aus, die meine Einsiedlerkrebszeit einfach als das betrachten und akzeptieren, was sie ist:

eine in Selbstachtsamkeit getränkte Pause.

Nicht mehr und nicht weniger.

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