Gutes angeln.

Morgens öffnest Du Deine Augen.

Wohin geht der erste Blick? Auf die Ziffern des Weckers? Gen Decke? Zum Fenster? Ob wohl die Sonne heute scheint?

Du drehst Dich noch einmal um, ziehst die Decke enger an Dich heran, das Bett ist noch so schön warm, draußen ist es kalt. Alles ist kalt.

Jetzt schließt Du die Augen und fällst in Deinen Traum zurück, in dem Du Dich noch bis eben gerade befandest. Ein wohliges Gefühl? Oder unangenehm? Besser als das echte Sein? Oder doch lieber schnell wieder die Augen öffnen?

Du nickst nochmal tiefer ein, aber nur kurz.

Als Du versuchst aus dem Bett zu klettern, knicken Deine Füße weg. Die Beine fühlen sich an wie Pudding, die Füße kribbeln und tun ein wenig weh.

Du streichst Dir über das Gesicht, die zerwuschelten Haarsträhnen über den Kopf und atmest einmal tief durch. Auf ein Neues?

Schon wieder.

Der Weg zum Fenster, um den Vorhang beiseite zu schieben und die ersten Sonnenstrahlen ins Zimmer zu bitten, ist nicht leicht. Ob das noch lange so funktioniert? So…ohne Hilfe, einfach so, zwar wankend, aber immerhin…einfach so.

Im Bad angekommen schaust Du in den Spiegel und denkst, dass Dir der Mensch da schon irgendwie bekannt vorkommt. Ja, schon. Jedoch ist das Gesicht ein wenig schief, zerknittert, es sieht müde aus. Müde, erschöpft, ausgegrübelt, schmerzverzerrt. Und nachdenklich, vielleicht sogar zweifelnd.

Zweifel nagen, Zweifel machen Falten. Zweifel machen unsicher und Zweifel können eine sehr große Macht in sich tragen und an sich reißen. Zweifel können das eigene Selbst völlig aushebeln und ziemlich arg seekrank machen.

Gesunde Zweifel helfen dabei, den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren und gewisse Entscheidungen zu überdenken und Dies oder Jenes zu hinterfragen.

Ungesunde Zweifel nagen, machen Falten, machen unsicher und…seekrank.

Welche Zweifel plagen diesen Menschen da im Spiegel?

Geht es um die Puddingbeine, um das Kribbeln in den Füßen? Um die Gangunsicherheit, Morgen für Morgen? Um die Schmerzen, mit denen dieser Mensch im Spiegel einfach leben muss, ob er will, oder nicht?

Zweifelt er an dem Arrangement, welches er mit der eigenen Krankheit und Lebensplanung getroffen hat? Kann man ein Leben planen? Zeigen ihm…Dir…mir nicht jegliche schlimmen Ereignisse, Katastrophen, Unfälle, Morde, das Vermissen mancher Menschen und so weiter, dass das fleißige, totale Durchtakten eines ganzen Lebens eigentlich richtig doll zum Loslachen und an die Stirn tippen ist?

Wir Menschen setzen uns Ziele. Ziele motivieren uns, kleinere Etappenziele helfen dabei, auf dem einen, unseren Weg zu bleiben und nach vorne zu blicken. Doch vor lauter „nach vorn blicken“ schauen wir zu wenig nach rechts und links. Ab und an tut es gut, einfach mal stehen zu bleiben, oder, was meinst Du?

Wie oft schaust Du Dich um und freust Dich über den Tag, der gerade stattfindet? Er muss gar nicht so vollgestopft sein. Muss er nicht, nein. Leben kann man auch in Ruhe. Und sei es nur ab und zu. Und freuen kann man sich auch über Kleines, Klitzekleines.

Es ist Abend. Wie war Dein Tag?

Während Du ins Bett kletterst, spürst Du wieder diese Puddingbeine, die kribbeligen Füße und den dumpfen, penetranten Schmerz im Gesicht, der durch alle Poren kriecht und Dich fast auffrisst.

Was war dazwischen? Zwischen Morgen und Abend?

Wie war Dein Tag?

Hast Du geweint? Herzhaft gelacht? Warst Du wütend oder überrascht? Gab es eine Art Standbild, einen Moment, den Du so wunderschön und besonders fandest, dass Du ihn Dir am liebsten eingerahmt und über das Küchenbuffet genagelt hättest?

Wenn Schlimmes überwiegt, zieht man sich abends keine gemütliche, warme Decke über den Rücken, sondern einen kratzigen, dreckigen, grauen Kartoffelsack, der weder wärmt noch behütet oder beschützt.

Doch man kann Momente, gute Momente, sammeln. Sich ein Einmachglas oder eine schöne Schatulle, einen Holzkasten oder eine alte Schublade schnappen und die Momente aufschreiben, die nicht zehren sondern geben. Die Momente, die Energie und Wärme und Schutz und Lachen schenken. Und so schließen wir sie ein.

Und sobald der Abend näher rückt und die Furcht vor der Nacht unterm Bett hervor gekrochen kommt, schnappen wir uns unser Einmachglas und angeln das Schöne.

Alternativ funktioniert das auch mit einer einfachen Notiz-App auf Deinem Smartphone. Selbstverständlich.

Eine kleine Idee, die großes Blödes ein wenig weniger blöd zaubern kann.

Und dann fühlt sich, vielleicht, Deine Decke, die Schutz und Wärme spenden soll, nicht mehr ganz so kratzig und kalt an.

Wie war Dein Tag?

 

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2 Gedanken zu “Gutes angeln.

  1. wunderschön wie du die worte findest für das was so gar nicht schön ist. es berührt mich immer wieder so sehr, dass ich nicht all zu oft lesen kann…..

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