Und dann?

Fragte ich mich mal wieder.

Wartezimmer öden mich einfach so sehr an. Nach spätestens zwanzig Minuten beginne ich, auf den meist unbequemen Stühlen umherzurutschen und mich in den noch viel öderen Räumen umzugucken, zu langweilen.

Vor einigen Tagen spürte ich wieder diesen für mich fast undefinierbaren Schmerz im linken Unterschenkel. Nee, das bilde ich mir nur ein. Dachte ich. Schon wieder diese Thrombophlebitis?

Was war denn los?

Lange Sitzen sollte ich vermeiden. Nun, ja. Da war doch was in den letzten Tagen…

Ich sitze also wieder einmal in einem dieser tristen Räume. Neben mir nickt ein Mann mittleren Alters alle paar Sekunden ein, dabei knickt sein Kopf in einer solch schrägen Position hart nach vorne weg, dass ich mir prompt den eigenen Nacken knete.

Sobald er sich erschreckt und die Augen öffnet, blinzelt er mich an und grinst. Ich grinse schief zurück, genervt, hibbelig, grimmig.

Die Fenster stehen offen, es zieht wie nur was. Wunderbar. Ein Schnupfen als Mitbringsel vom Arztbesuch. Die riesige Praxisklinik wirkt wie in einem schlechten Horrorfilm – menschenleer, kalt, grau, still.

Kein Wunder: Deutschland spielt gerade gegen die USA. Fußball-WM.

Nach einer gefühlten Ewigkeit werde ich in das Sono-Zimmer gerufen.

Es stellt sich heraus, dass ich zwar eine Phlebitis habe, also eine (glücklicherweise oberflächliche) Venenentzündung, die Ursache jedoch keine Thrombose ist, sondern etwas anderes.

Andere sammeln Briefmarken, ich seltsame und (leider, verdammt) bleibende Diagnosen. Oder wie? Dazu vielleicht mehr in einem anderen Text, wenn ich diesbezüglich selbst klarer denken kann und informierter bin.

Mit dem netten Phlebologen quatsche ich noch eine Weile. Er war auch derjenige, der im letzten Herbst meinen verbrannten Unterschenkel schallte, als noch nicht klar war, dass es sich um eine Verbrennung handelte. Nun zeige ich ihm die Bilder meiner damals so verunstalteten und gehäuteten Wade, er schluckt und sagt: „Oh, scheiße!“ Aber auch, wie klasse alles verheilt sei und dass so Menschen wie ich eine Art Tapferkeitsmedaille bekommen sollten.

Na, nicht doch.

„Wollen Sie denn gar nicht heimwärts? Das Spiel läuft doch…“ Er zeigt mit dem Kopf Richtung Wartezimmer, welches plötzlich nicht mehr so leer ist, wie vorhin.

Und dann?

Alle paar Jahre verändert sich ein Mensch. Alle paar Monate finde ich treffender. Und ebenso die Tatsache, dass sich das Umfeld verkleinert, je nach dem, was so passiert.

Eine MS-Patientin sagte einst zu mir: „Diese Krankheit macht einsam.“

Nun, das denke ich bisher nicht.

Allerdings macht sie wählerisch, vorsichtig, empfindlich (auf eine positive Art und Weise), toleranter, empathischer, aber auch egoistisch (ebenfalls auf eine gesunde Art und Weise). Okay, zählt man all dies zusammen, ergibt sich im Umkehrschluss eventuell doch eine Tendenz zur Einsamkeit. Die mir aber, wie ich immer öfter feststelle, neben dem ganzen Trubel, sehr gut tut. Wobei ich mich in diesen Momenten nicht einsam fühle, ich bin ganz einfach und ganz gerne auch mal allein. Mit mir, den Hunden, und meinen Gedanken.

Ich lerne, mir selbst das zuzugestehen, was andere in meinem Alter schon vor zehn Jahren schafften: Nein sagen, eigene Grenzen achten und aufzeigen, offen aussprechen, wenn was zwickt.

Dieser allgemeine Strom zur Verherrlichung von unwahrscheinlich negativen Gefühlen, nur um anderen nicht auf den Schlips zu treten (oder auch sich selbst), zieht mich immer seltener mit. Ich suche mir innerhalb dieses Flusses dann eine Nische am Ufer und bin einfach nur bei mir.

Und dann?

Luft holen, den Kopf klären, nächstes Etappenziel anvisieren und weiter schwimmen.

Einfach schwimmen.

 

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