Zwei Leben.

Dann kommt die Nacht.

Die Zeit innerhalb der täglichen vierundzwanzig Stunden, die ich wirklich liebe, genieße und in voller Lautstärke aufsauge.

Es ist ruhig, irgendwie scheint alle Welt zur Besinnung zu kommen, den erlebten Tag zu reflektieren und in sich zu gehen.

 

Was war so alles los?

Mir geht nicht nur der letzte Tag durch den Kopf, sondern ungefähr die letzten fünfeinhalb Jahre.

Was habe ich verpasst? Was habe ich gewonnen? Wen? Und wen verloren.

Abschiede waren ebenso präsent und ergreifend, wie Begrüßungen und Situationen, in denen man sein eigenes Leben fast neu willkommen hieß.

Ich habe in viele Augenpaare geschaut, mich bei einigen gefragt, ob sie wohl ehrlich sind, in ihrem Blick auf ihre Welt, auf uns, auf mich. Bei einigen habe ich nie daran gezweifelt. Nie. Auch dann nicht, wenn es Veränderungen gab, die diese Augen tausendmal deutlicher und emotionaler aussprachen, als die Stimme des Menschen, dem diese Augen gehörten.

Einem besonderen Menschen gehörte immer diese besondere Wärme, ein Lächeln und Strahlen, der direkte Blick, der mir nicht auswich, egal wie stark die Reize um uns herum waren.

Diese Augen vermittelten mir Sicherheit und Zuverlässigkeit. Nie habe ich an ihrer Aussagekraft gezweifelt. Nie.

Was habe ich verpasst? Wann geschah dieser eine Moment, in dem diese Wärme, das Lächeln und das Strahlen einer Kälte wichen, die mich an so manchen Tagen mehr verletzt, als die körperlichen Schmerzen der MS, die sich an einigen Tagen einschleichen?

Früher gab es diese Momente, in denen Worte nichts mehr ausrichten konnten. Tiefe Trauer ist so ein Gefühl, das sprachlos machen kann. Wortlos. Stumm. Leer. Dann sprechen die Augen für uns Menschen. Drücken aus, wann gesagte Worte eines anderen zuviel sein können, wann sie erdrücken, verletzten oder nichtssagend sind. Und dann reichen Blicke, um eine Umarmung auszulösen, oder einfach einen warmen, herzlichen und verständnisvollen Blick des Gegenübers.

Diese Fähigkeit zwischen uns wurde vor einiger Zeit beerdigt. Lieblos. Es mag sein, dass die Hülle, der Wille oder die Hoffnung, dass sie wieder aufersteht, noch da ist. Jedoch fällt von Tag zu Tag mehr Erde auf dieses Grab. Der Abstand zwischen uns wird somit immer größer, das Herankommen aneinander immer schwerer. Aber die Seele, unsere Seelenfreundschaft, gibt es nicht mehr.

Ist es so, dass man Loslassen muss, um Geliebtes wieder zu erlangen?

Tränen kullern, mein Brustkorb schnürt sich zusammen. Und genau das ist die Antwort auf meine Frage, die bis jetzt vielleicht noch eine Resthoffnung war.

Und ich öffne das Fenster, lasse sie fliegen, diese zwei Seelen, die nun wieder völlig getrennte Wege gehen.

 

http://www.youtube.com/watch?v=L-W5gVbqxyk

 

 

 

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