Fremdschämen.

Zu Beginn dieses Blogs dachte ich, ich würde nie einen solchen Text schreiben (müssen, wollen).

Nachdem ich mich aber über die folgende Thematik mit ein paar befreundeten MS’lern über einen längeren Zeitraum austauschte, brennt es mir schon ein wenig auf der Seele.

Im Grunde dachte ich ebenfalls nie, dass ich Menschen in meinem Umfeld habe, die sich anmaßen, es anzuzweifeln, ob andere „wirklich krank“ sind, oder nicht. Und die dann, oh Wunder, in eine rot-verfärbte Schockstarre verfallen, sobald sie “ handfeste Beweise“ sehen. Seien es MRT-Bilder, Liquorbefunde, über die man sich unterhält, die neueste Schmerzmedikation und und und.

„Ob das alles so stimmt? Ob die wirklich krank ist? Ich weiß ja nicht. Die sieht doch nicht krank aus, oder?“

Als ich das erfuhr, knallte in mir eine Sicherung durch. Allerdings nicht in einer aggressiven Art und Weise, sondern es war der schnellste und deutlichste, nicht mehr zu kittende Vertrauensbruch, den ich bisher erfuhr.

Wie gesagt, nicht nur mir erging es so, auch andere MS’ler erlebten das bereits, und waren ebenso erschüttert, traurig, anfangs auch ratlos. Vielleicht folgen dazu auch persönliche Erfahrungsberichte – nicht nur von meinen betroffenen Freunden, sondern auch von Euch, wenn Ihr in dieser Sache ebenfalls mit Erfahrungen bestückt seid.

Und nicht nur Menschen mit MS sind da nicht vor geweiht. Ich habe Freunde, die krebskrank sind, die an schweren Depressionen leiden, die seltene Autoimmunkrankheiten in sich tragen und solche schlechten Tage erleben, dass sie sich (wie ich) einfach Niemandem zeigen wollen. Und das ist unser gutes Recht – ebenso für jeden Menschen, egal ob gesund oder weniger gesund. Und genau dafür, für das „Hey, heute will ich mal keine Gesellschaft haben.“, braucht man nicht einmal eine Rechtfertigung; aber das scheinen viele Menschen außer Acht zu lassen, sobald es nicht mehr um sie geht.

Was bringt diese Menschen dazu, solche verletzenden, in meinen Augen perversen Aussagen gegenüber uns oder auch Dritten zu tätigen? Frust? Aufmerksamkeitsdefizite? Zweifel an der eigenen Glaubwürdigkeit und somit ein Umlenken auf andere Schicksale und Leben? Die Suche nach dem WARUM macht es nicht besser.

Es ist genauso anmaßend, einem MS’ler vor die Füße zu schmeißen, er sähe ja so gesund aus, er könne ja gar nicht krank sein, wie einem an Krebs erkrankten Menschen, der nach seiner ersten Chemo (noch) nicht all seine Körperbehaarung verloren hat, zu sagen, so schlimm kann’s ja demnach auch nicht sein – alles erlebte, erzählte Tatsachen. Traurige Tatsachen.

Nein, ein Mensch muss nach einer ersten, erlebten Chemo nicht alle Haare verloren haben. Nein, ein MS’ler muss nicht permanent aussehen, wie der lebendige Tod, nur weil er sich an seinen guten Tagen zeigt und genau diese Tage nutzt. Nein, ein Mensch mit Depressionen muss nicht rund um die Uhr weinen oder Selbstmordgedanken in sich tragen. Gut zu übertragen auf Trauernde: ein „Reiß Dich doch langsam mal wieder zusammen, er/sie ist doch nun schon ein Jahr lang tot!“ ist fast noch schlimmer, als hilflos ausgesprochene Floskeln wie „Och, nicht weinen.“.

Auch wenn Ihr, liebe, seltsame, gruselige Zweifler, das für Euer Verständnis in Bezug auf eine Krankheit wie MS, die Ihr einfach nicht versteht, weil Ihr Euch offensichtlich nicht vernünftig informiert habt, so gerne bestätigt hättet.

Jeder von uns ist sein eigener Profi. Und wenn man das erst einmal verinnerlicht hat, tut es so, so gut, genau dies in eine gesunde, wohltuende Selbstachtsamkeit zu verpacken.

Ein Mensch, der Multiple Sklerose hat, hat diese Krankheit auch dann, wenn „nur mal die Fingerspitzen kribbeln“. Die MS ist dadurch nicht weniger (entschuldigung) scheiße, als bei einem MS’ler, der ein nicht mehr so gutes Gangbild hat, oder einem, der mit chronischen Schmerzen kämpft. In meinen Augen hat das was mit Respekt zu tun. Und wenn mir ein Mensch, den ich bis dato als Freund oder sehr guten Bekannten ansah, unterstellt, ich würde diese Krankheit eventuell vortäuschen, ist das noch viel, viel kränker und trauriger, als all unsere schlimmen Diagnosen zusammen.

Ein ebenfalls beliebtes Beispiel ist, dass es Erkrankten gerne übel genommen wird, wenn sie gute Laube haben – und das noch am Stück, also in längeren Phasen oder überhaupt oft. Fällt einem dazu noch was ein? Ich weiß ja nicht.  Für mich gibt es da keine Widersprüche, sondern ich sehe gerade da wahre Überlebenskünstler, die oftmals mit einer herrlichen, beneidenswerten Selbstironie ausgestattet sind, die ich an manchen Tagen sehr gerne mein Eigen nennen würde.

Es gibt auf Facebook einige wenige, tolle Gruppen und Seiten, die sich mit genau diesen Problemen beschäftigen. Früher mochte ich diese Sprüche-Bilder gar nicht leiden, aber dort lese und sehe ich manchmal welche, die mir einfach aus der Seele sprechen.

Beispiele:

„I may not look sick, but you should see my brain!“

„Sometimes it’s better to keep silent then to tell others what you feel. Because it hurts badly when you come to know that they can hear you, but can not understand.“

„Doesn’t look like I’m sick? Well…you don’t look stupid…“

„Our flares and pain may be triggered by heat, stress , fatique, being overworked and who knows what else. They are unpredictable and happen without warning. We often feel like we have to ‚pay‘ for having a good time.“

„What MS cannot do: cripple true love, kill real friendship, conquer my spirit, steal courage, deplete faith, invade my inner being, destroy hope.“

„I don’t look sick? That must be because I used most of the energy I have available to use today, in trying to look ’normal‘.“

„Doctors call them ‚Lesions‘. I say they are ‚Bright Ideas‘.“

„I fight for my health every day in ways most people don’t understand. I’m not lazy. I’m a MS-Warrior.“

„You never know who has a Disability that you can’t see.“

Diese und noch mehr nachzulesen genau hier Multiple Sclerosis Talk

Also, liebe Menschen da draußen, die ebenfalls betroffen sind. Sei es von einer unheilbaren Krankheit, oder von Mitmenschen, die Euch aufgrund ihrer eigenen Probleme unaufhörlich runterziehen, beleidigen, hintergehen…

…ein Freund brachte immer folgendes Zitat: „Mach’s wie der Dackel mit dem Bordstein.“

So einfach ist das nicht, das ist klar. Aber mit der Zeit wird es einfach immer einfacher. Dieses Selektieren von Energieräubern sowie das Erkennen wirklicher Herzensmenschen. Und damit meine ich nicht, dass in einer Freundschaft kein ordentlicher Krach vorkommen sollte, oder keine konstruktive Kritik angebracht ist, Himmel, nein…gibt es perfekte Menschen?

Aber ich für mich glaube, dass solche verletzenden Aktionen, wie oben genannt, in einer wirklichen, respektvollen Freundschaft nichts zu suchen haben.

Denn die Symptome sind die Spitze des Eisberges, was negativer Stress für uns bedeutet, wissen wir (als Profis) alle.

Und was scheint auf Dauer gesünder zu sein?

Eine ungesunde, unzufrieden verlaufende, aufreibende Freundschaft?

Oder ein Teil gesunder, zufriedener und gut gepflegter Nerven inmitten einer MS?

 

 

 

 

 

 

 

 

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