Kräfte.

Dienstag ist der 09.09., und genau um 09:00h habe ich meine nächste MS-Verlaufskontrolle.

Piepklatschdongratterzackbrumm – was sagte eine liebe Bekannte mal? Technoparty für Liegende, jau.

Das MRT ruft, und mit ihm eine Menge Gedanken, die sich aktuell so schnell und unaufhaltsam drehen, dass mir fast schwindelig wird.

Haben sich Läsionen hinzugesellt? Zeigen sich die Doppelbilder, die vermehrten Schmerzen und so fort im rechten Arm auf den Bildern? Kurzum: hat der Stress ein neues Gehirn-Gesicht geformt?

Ich spüre schon jetzt den Piekser im Arm, den das Einführen des PVK hervorruft, rieche den Geruch der Praxisklinik, habe die Stimmen des netten Personals im Ohr und vor allem immer und immer wieder den versuchten aber missglückten Witz, den ein Pfleger mal brachte: „Jau, ich kann die Ängste der Patienten schon verstehen! Stell Dir mal vor, hier bricht ein Feuer aus, und alle laufen weg – da haste dann aber ein Problem, wennde inner Röhre liegst, und keiner hört Dein Piepen oder Rufen. Haha! Hahahaha!“

Ha. Ha.

Egal, was die MS bisher mit sich brachte. Es waren immer Situationen oder Symptome, die eigentlich pure Herausforderungen für mich darstellten und noch darstellen.

Hätte mir Jemand vor meinem 18. Lebensjahr gesagt, dass ich einmal Schmerzen aushalte, die zu den heftigsten gehören, die man überhaupt noch spüren kann, ich hätte Riesenaugen bekommen, geschluckt, ihm einen Vogel gezeigt und…Angst bekommen.

Gestern meldete sich der Trigeminus beidseitig, in einer Intensität, wie ich sie bisher selten spürte. Mein Schlafzimmer wurde zur Dunkelkammer, das Kühlpad mein bester Freund, und die Momente, in denen der Schmerz kurz versackte, waren göttlich.

Und nun? Es geht wieder besser. Das sind diese Momente, sei es während einer Grippe, einem Schmerzschub, einer Liebeskummersituation oder oder…wir denken doch immer, das wird nie, NIE wieder gut. Nie wieder. Nie.

Aber das wird wieder gut. Wenn nicht gut, dann zumindest besser. Und wenn nicht arg schnell besser, so lernen wir, mit den fiesen Seiten des Lebens zu leben. Weil wir (eigentlich) nur diese Option haben. Außer, wir stecken den Kopf in den Sand. Und mir wurde gesagt, unter Sand lässt sich so furchtbar schlecht atmen. Und Luft ist doch so wichtig…

Wie wir uns da heraus strampeln, ist doch auch eine reine Improvisation. Manche machen weiter, weil sie stark sein wollen, auch wenn sie es gar nicht sind. Manche tun es für ihre Kinder, manche für ihre Tiere, manche deshalb, weil sie an die große Liebe glauben. Oder an die nächste Grippe freie Zeit. Oder an die schmerzfreien Momente.

Mir hilft es, so schräg das vielleicht klingen mag, zu wissen, dass nichts für immer ist. Das ist in vielen Dingen sehr, sehr traurig, wenn auch normal. Aber geschieht etwas Schmerzvolles, etwas Schlimmes und etwas, das mir den Boden unter den Füßen wegreißen will, sage ich mir: der Boden ist da. Immer. Oben der Himmel, die Luft, unten der Boden, das Feste, das mich trägt.

Und auch jeder Schmerzschub ist irgendwann vorbei.

So ist es.

Was hilft noch, also mir?

Der Humor. Ja, mittlerweile kann ich selbst inmitten der beschissensten Lebensphasen über mich selbst lachen, und nicht nur über mich selbst. Nicht immer, nein, aber ziemlich oft immer.

Das Wissen, mit dieser Krankheit nicht allein zu sein. Sei es der wunderbare Kontakt zu anderen MS’lern, oder meine Seelenzuckermenschen, auf die ich in der Tat immer zählen kann, egal, wie groß oder klein so eine Krise mal ist. Und die Tatsache, dass sie sich in ihren Krisenzeiten voller Vertrauen auch auf mich verlassen. Das ist einfach ein wunderbares Gefühl, gebraucht zu werden.

An Ablenkung war früher nicht zu denken, je nach dem, was mein Kopf gerade mit mir vor hat, geht das auch nicht immer. Das A und O inmitten einer Attacke ist für mich Ruhe, Stressvermeidung und die Kunst, alles sehr bewusst zu tun.

Ablenkung kann allerdings auch Wunder wirken. Wenn ich selbst nicht gut quatschen kann oder will, schicken mir meine Freunde Voicemails. Die kann ich dann anhören, wann immer mir danach ist, und muss selbst nicht viel reden.

Wunderbare Erfindung.

Morgendliche, ganz frühe oder abendliche, ausgedehnte Spaziergänge mit den Hundis sind auch Seelenbalsam pur – natürlich auch unsere Mittagsausflüge, aber da steht die Sonne ja nur so herum, hehe. Morgens und Abends hat das eine ganz andere Atmosphäre, oder? Guck, da geht die Sonne wieder auf. Und so, wie sie auf- und abends auch wieder untergeht, verschwindet irgendwann auch jeder noch so engmaschige Schmerzschub, jeder noch so tief sitzende, verletzende Kummer und jede blöde, nervige Grippe.

Ist das nicht schön?

 

 

 

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2 Gedanken zu “Kräfte.

  1. Ja sehr schön 🙂 Habe gerade vorhin an Dich gedacht und überlegt was Du grad machst und wie es Dir geht. Ich hoffe Dein Dienstag geht ganz schnell und kaum merkbar an Dir vorbei und deine Bedenken lösen sich in Luft auf – das wünsche ich Dir sehr. Ganz liebe Grüße von der BALDNORDSEELERIN

  2. Liebe Baldnordseelerin („Seelerin“, gefällt mir besonders 🙂 ),
    danke für Deine lieben Worte und die guten Wünsche.
    Ich drück Dich!

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