Furchen.

Ich habe begonnen zu stricken.

Zwar „nur“ mit Hilfe eines Strickrahmens, aber, ich habe begonnen zu stricken.

Der Rahmen hilft meinen Händen ein wenig mehr, als die Nadeln, die hier zwar auch herumliegen, aber nur wenig genutzt werden.

Eine sehr liebe Freundin hat mich vor einiger Zeit durch Zufall auf diesen Trichter, auf dieses wunderbare, neue Hobby gebracht.

Jetzt stricken wir beide, fotografieren manchmal stündlich unsere Fortschritte bei den meterlangen Pipi-Langstrumpf-Schals, und freuen uns über das schnelle, sichtbare Ergebnis.

Jeden Millimeter des Fadens eines Strickteils halte ich in den Händen, während es entsteht. Jeden Millimeter.

Bisher war kein Teil perfekt, aber echt.

Ich stricke, bis mir die Finger noch mehr kribbeln, als ginge es um eine Wette, als strickte ich um mein Leben.

Klingt bescheuert?

Okay.

Meine Schals haben hier und da größere Luftmaschen, als eigentlich vorgesehen. Hier und da sieht man auch ein Knötchen, wenn ich einen Faden mit einem anderen verbunden habe.

Aber ähnlich verhält es sich doch auch mit mir.

Hier und da sieht man es mir an, wenn etwas Altes an etwas Neues anknüpft. Knoten, Falten, Furchen.

All das zeugt von Erlebtem und Geliebtem, Verlorenem und Gehasstem.

Ich bekomme immer mehr Falten, aktuell schreitet dieser Vorgang ein bisschen zu schnell voran, für meinen Geschmack. Aber andererseits gefällt mir auch, was ich im Spiegel sehe.

In der letzten Woche war ich bei meinen Familie, ich mache mir zur Zeit große Sorgen um meine Eltern. Zum Glück können wir offen darüber reden. Über die Aufs und Abs, über das, was gerade in unserer aller Leben geschieht, uns gemeinsam aus verschiedenen Bahnen wirft und von unterschiedlichen Höhen auf den kalten Boden der Tatsachen holt.

Leider melden sich seit geraumer Zeit wieder Verlustängste, die ich eigentlich recht erfolgreich bekämpfte…einst.

Nun sind sie wieder da, winken zu mir herüber, strecken ihre Zungen raus und blitzen aus bösen Augen in meine Richtung.

Ich fühle mich erschöpft, geplättet und auch hilflos.

Denn es gibt Dinge, die kann man nicht stricken, nicht selbst.

Die werden gestrickt, und zwar ohne jegliche Entscheidung, die von uns ausgeht.

Muster, Länge, Farbe und Beschaffenheit – all das liegt manchmal nicht in unserer Hand.

Aber ich versuche, meine innere Flamme und die Herzenswärme zu erhalten, die mir und meinen Lieben Energie, Kraft und Lebensfreude spendet.

Das geht auf verschiedenste Art und Weise.

Und sei es die kleine Möglichkeit, in kalten Zeiten einen warmen Schal entstehen zu lassen.

 

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