Schmerzen.

Ein Heulkrampf.

Er dauerte lange, war nicht beherrschbar oder schick zu machen, zu schminken oder zurecht zu rücken.

Er war einfach da. Und er war verdammt wichtig.

{Bevor Ihr weiter lest: es hat mich einige Überwindung gekostet, diesen Text zu schreiben. Nicht, weil ich mich für meinen gesundheitlichen Zustand schäme. Sondern weil es Menschen gibt, die selbst recht unreflektiert in ihrem persönlichen Sumpf umherschippern, aber über Allem stehen und den lieben langen Tag alles besser wissen. Die können Alles. Einfach Alles. Auch fremde Emotionen. Ihr versteht?}

Schon seit Wochen feuert die Trigeminusneuralgie unaufhörlich. Ich bewegte mich immer am untersten Rand meiner Schmerzmedikation, die mir mein Schmerzprof am 1. April 2008 erstmals verordnete.

All die Jahre sagten mir unterschiedliche Ärzte, ich solle doch endlich mal die verordnete Bedarfsmedikation einnehmen, wenn sich ein Schub ankündigte.

Das schaffe ich auch so, das muss doch nicht sein. Meine Ansicht, bis jetzt. Jetzt, wo mein Schmerz einen Level erreicht hat, den ich nicht mehr so einfach wegstecken oder ignorieren konnte.

Mein Körper wurde damals dank eines sehr fähigen Palliativmediziners richtig eingestellt und, vor allem, endlich weggebracht von Ibuprofen, Paracetamol, Novaminsulfon und Co. Seitdem beschweren sich Nieren und Magen nicht mehr und meine Lebensqualität hat sich immens gesteigert.

Chronische Schmerzen sind Arschlöcher, denn sie senden permanent und ohne Pause Alarmsignale aus, obwohl akut gar keine Traumata bestehen. Das sogenannte Schmerzgedächtnis spielt da eine große, wenn nicht sogar die Rolle.

Ich hatte seit 2008 sehr selten derartige Schübe, dass ich mich fragte, ob meiner Seele gerade Flügel wachsen und wohin meine nächste Reise wohl geht. Jeder Schmerzpatient geht in solchen Phasen anders mit den Schmerzen um. Ich versuche dann, mich von mir selbst zu entfernen, mich aus einer Distanz selbst zu beobachten, um runter zu fahren.

Ihr wisst: Alles geht einmal vorbei. ALLES. Auch die schlimmsten Schmerzen.

Mal gelang mir das recht gut, dann wieder weniger gut. Auf jeden Fall habe ich es immer geschafft, meinen Alltag alleine zu meistern. So auch heute. Alleine dafür bin ich so unendlich dankbar, woher auch immer ich diese Kraft schöpfe; ich weiß, wer sie mir stets vermittelt. Pur und aufrichtig (danke <3).

Heute liefen dann, nach erfolglosem Umherlaufen, Hüpfen, mich ins Gesicht zwicken, Kältepad, Wärmekissen, Zähne aufeinander pressen, Massage, Akupressur, PME, Atemtechniken A-Z anwenden… ja, heute liefen dann nur noch die Tränen.

Ich verlor soviel Augenwasser, dass ich währenddessen einschlief. Vorher tat ich das, was ich mich all die Jahre nicht traute: Ich nahm einfach mal die Bedarfsmedikation ein, die mir verschrieben wurde.

Und nichts geschah, wovor ich Angst haben müsste. Nach einer guten Stunde wurde ich wieder wach. Leergeheult, zwar noch immer leicht diesen unterschwelligen Druckschmerz in der linken Gesichtshälfte spürend, erschöpft, aber auch erleichtert, dass ich weder beduselt, taumelig noch anders „komisch“ war.

Eine Sache des Vertrauens?

Fast war es mir peinlich, dass ich die Empfehlungen meines wirklich tollen Arztes über einen derart langen Zeitraum in Frage stellte. Zig mal fragte ich nach, ob ich dann nicht in einer Art Dämmerzustand wäre, ob ich dann nicht mehr Auto fahren könne, nur noch schlafen würde. Zig mal antwortete er geduldig, dass das bei meiner Indikation und der angepassten Dosierung definitiv nicht so sei. Noch immer herrschen in Sachen Palliativmedizin viele Vorurteile. Man bringt sie, als Laie, ausnahmslos mit Krebsleiden im Endstadium in Verbindung, sieht auf selber Ebene den Tod und das Dahinsiechen, abgeschnitten, isoliert von der Außenwelt, unfähig, selbstbestimmt zu leben, zu kommunizieren.

Wiki sagt: „Palliation (Linderung, aus lat. ‚pallium‘ (Mantel) bzw. ‚palliare‘ (mit einem Mantel umhüllen, verbergen)) bezeichnet allgemein eine medizinische Maßnahme, deren primäres Ziel nicht der Erhalt (Prophylaxe), die Genesung (Heilung) oder die Wiederherstellung (Rehabilitation) der normalen Körperfunktion, sondern deren bestmögliche Anpassung an die gegebenen physiologischen und psychologischen Verhältnisse ist, ohne gegen den zugrundeliegenden Defekt oder die zugrundeliegende Erkrankung selbst zu wirken. Die Abgrenzungen können dabei aufgrund unterschiedlicher Betrachtungen und Zielsetzungen unscharf sein; häufig wird der Ausdruck auch abkürzend für den Teilbereich der Palliativmedizin verwendet.“

Ich weiß es besser, und zwar schon lange. Bereits in meiner Pflegeausbildung lernte ich, wie (neben einer empathischen und aufrichtigen Anteilnahme durch das Pflegepersonal und die Ärzte sowie Therapeuten) wertvoll eine richtige, individuelle, medikamentöse Einstellung bei chronischen Schmerzleiden ist. Und die Suchtgefahr? Ebenfalls ein Ammenmärchen. Abhängigkeit und Sucht sind zwei Paar Schuhe. Schmerzpatienten sind von der Schmerzmedikation (und damit meine ich nicht nur die „typische“ schulmedizinische) ebenso abhängig, wie Herzkranke von ihrer „Herz“medikation oder Asthmapatienten von ihrem Salbutamolspray. Wenn Suchtpotential schon gegeben ist, oder ein Mensch, der z.B. auf Morphium eingestellt wird, früher Tabletten abhängig war oder noch ist, ist das sicher noch aus einer anderen Perspektive zu betrachten und anzugehen.

Aber auch hier gilt: Niemand muss Schmerzen erleiden. Niemand muss handlungsunfähig sein. Niemand muss Schmerzen aushalten. Auch eine Simone nicht.

Jedoch dauerte es nun einmal gute 6 Jahre, bis ich die Angst vor dem „ausgeknipst sein“ verlor. Ich will nicht benebelt umherlaufen, ich möchte mitbekommen, was mit mir geschieht. Die Vollnarkosen, die ich bisher erleben musste, waren jedesmal der blanke Horror. Nicht bewusst zu erleben, was mit mir passiert, das ist das Furchtbarste für mich. Immer wehrte ich mich bis zuletzt gegen das Einschlafen und die Atemmaske, die einem aufgesetzt wird, um das Narkosegas zu inhalieren. Daher wahrscheinlich meine Bedenken: ich ertrug lieber Schmerzen, als dass ich mich darauf einließ, sie endlich mal zu lindern. Der jetzige Kompromiss, dass ich nach wie vor Herrin meiner Gefühlswelt bin, und ist sie manchmal noch so fies, aber ich mit den noch vorhandenen aber gelinderten Schmerzen gut leben kann, gefällt mir prima.

Früher soll folgendes öfter passiert sein, als heute (zum Glück): Patienten mit chronischen Schmerzen kommen ins Krankenhaus. Und werden erst einmal auf Entzug gesetzt. Soll heißen: unfähige Ärzte hauen einem Sätze an den Kopf, wie zum Beispiel „Nanana, Schmerzen hin oder her, wir wollen ja nicht, dass Sie uns noch zum Junkie werden!“

So geschehen vor einigen Jahren. Als ich dann nach einem Tag, ohne jegliche schmerzstillende Mittel, belämmert und winselnd im Krankenhausbett lag, wurde die Anästhesistin (die übrigens auch in der Palliativmedizin arbeitete) hinzugezogen, die den Assistenzarzt vor meinen Augen fragte, ob er während seines Studiums auch mal anwesend war, oder wie zum Teufel er als diensthabender Mediziner in dieses Krankenhaus gelangt sei.

Danke, tolle Frau. Assistenzarzt war muksch, ich erleichtert, dass dort auch Jemand mit Verstand UND Herz arbeitete.

Dass Ibuprofen, Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Co. einen viel, viel längeren Beipackzettel in Anbetracht der Nebenwirkungen haben, als bspw. Tilidin oder Morphin – das erfuhr ich auch erst während der Aufklärung durch meinen Schmerztherapeuten.

Wenn sich dann so einiges verklumpt, auf der Erde oder in den vielen Universen um uns herum, kann psychische Anspannung auch dazu führen, dass sich Muskeln so verhärten, bis Krämpfe und Schmerzen entstehen, die physisch schlimmer nicht sein können. Diese Kombi aus „echten“ Schmerzen und denen, die meine zusammengebissenen Zähne in Zusammenhang mit meinen Sorgen hervorgebracht haben, ist ziemlich derbe.

Aktuell macht mir ein Mensch argen Stress. Ich werde nicht gern bedroht, beschimpft oder belogen. Mittlerweile erfolgt von meiner Seite aus keine (sowieso unbeachtete) Gegenwehr mehr, sondern Rückzug und das deutliche Anzeigen meiner persönlichen Grenzen. Versuchen, bei sich zu bleiben. Vehement mit dem Stoppschild wedeln. Gar nicht so einfach.

Und was ist das Irre, das Faszinierende und das Auffällige daran? Dass das Jahr 2014 nicht nur mit mir solche Spielchen spielt. Aus wirklich jeder Ecke meines Freundeskreises ertönen solche absurden, nerv-tötenden, uns auf die Probe stellenden Erlebnisse, bei denen man sich fragt: Bin ich im falschen Film? Was läuft denn hier falsch, welches alte Problem, welcher ehemalige Fehltritt wird gerade auf meinem Karmapunktekonto angestrichen?

Wisst Ihr was? Wir schaffen das. Das wäre doch gelacht.

Das psychische Nervenkostüm ist also auch ein wenig überspannt; was allerdings bald ein Ende haben dürfte.

Bald. Bereits jetzt beruhige ich meinen Körper.

Am Ende wird doch einfach Alles gut, richtig?

Advertisements

2 Gedanken zu “Schmerzen.

  1. Hallo Mone!
    Länger folge ich Dir schon bei Fb. Deine Art zu schreiben und Deine Gedanken in „Frischbuchstaben“ zu verpacken bewundere ich sehr. Mir fällt es oft schwer meine vielen Gedanken zu ordnen, geschweige denn in geschriebene Worte zu fassen, die dann auch noch andere Leser fesseln könnten. Chapeau!
    2014 gehört auch in meiner Ms-Karriere zu dem bisher schwärzesten Jahr. Aber wir haben es bald geschafft und können es abhaken.
    Immer wieder lerne ich neue Folgen eines Schubes kennen und die Schmerzen, die Du gerade erleiden musst, kann ich im Moment ein bisschen nachvollziehen. Mich beeinflussen gerade die Folgen einer Gürtelrose. Die Schmerzen sind wohl nur ein Teil dessen was eine Trigeminusneuralgie machen kann.
    Auch ich habe mich lange gegen eine höhere Dosis der Medis gewährt, aber inzwischen bin ich fast schmerzfrei und hoffe auch für Dich, das das bei Dir gelingt.
    Lieben Gruß
    Tina

    • Liebe Tina,
      erst einmal freut es mich sehr, dass Du meine Gedanken verfolgst 🙂 dann bedanke ich mich ganz herzlich für Deine Offenheit; das klingt sehr, sehr schmerzhaft und es freut mich wiederum, dass Du die Schmerzen so gut im Griff hast, bzw. sie fast los bist. Ich schicke Dir liebe, positive Gedanken und wünsche Dir alles Gute. Ja, wir schaffen das!
      VlG, Mone

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s