Wir fliegen über’s Meer.

Ein Mensch geht, und kehrt nie wieder zurück.

Er hinterlässt eine Lücke, ein Loch, einen Krater.

Er und sein Tod lösen Gefühle in mir aus, die ich bisher noch nicht kannte oder überhaupt erahnen konnte, dass ich sie jemals in dieser Intensität fühlen kann.

Welche Macht steckt in der Trauer, welche Macht stecke ich selbst in meine, persönliche Trauer?

Und wo, zum Himmel, bist Du, um diese Phase mit mir durchzustehen?

Es geht ja um Dich. Du bist weg.

Weg, und dennoch so präsent.

Weg, und bunter, lebendiger denn je.

Weg, und mein Gedanken- und Gesprächsthema Nummer eins.

Weg, und doch da. Einfach da.

Ich hatte Zeit, viel, viel Zeit, um Dein Gehen zu befühlen, es zu betasten und für mich zu entscheiden, was es mit mir gemacht hat.

Und mit mir macht. Noch immer.

Meine Entscheidung wäre früher wohl nicht so ausgefallen, wie hier und jetzt.

Macht der Tod eines geliebten Menschen nur Schlimmes, Negatives und Trauriges mit uns?

Diese eine, dunkle Seite.

Ich stehe inmitten von Menschen, sie sind so nah, dass sie mich fast berühren. Ich bräuchte nur einen Finger einige Millimeter weit auszustrecken, und hätte Kontakt zu ihnen.

Aber diesen Kontakt will ich nicht, ich will, verdammt nochmal, dass Du zurückkommst. Dass Jemand ruft „War alles nur Spaß! Heiiiiii!“ oder „Puh, war das eine aufregende Reise, aber ich bin SO froh, wieder hier zu sein…“

Ich will Dich zurück, an meiner Seite, bei mir. Dich riechen, spüren, anstupsen, anschimpfen und anlächeln.

Mit Dir über die Kirmes schlendern, Riesenrad fahren und Zuckerwatte essen. Viel Zuckerwatte.

Aber ich liege hier, Tag für Tag. Mein Puzzleteil fehlt, ich bin unvollständig. Das Teil, welches fehlt, kann Niemand jemals wieder ersetzen, wie sollte das nur gehen? Wie? Und verdammt noch mal, was fällt diesen ganzen Schlaumeiern ein, mir sagen zu wollen, wie ich zu trauern habe, dass ich mich zusammenreißen soll und nach vorne gucken muss?

Was fällt denen nur ein. Warum fällt denen nur das ein?

Das war lange Zeit meine emotionale Welt, in der ich umhertigerte, wenn ich an Dich dachte.

Heute.

Noch immer schlummert in mir der Wunsch, in Deiner Nähe sein zu wollen.

Jedoch anders, heller, wacher, positiver.

Ich habe Wege gesucht und gefunden, Dir nahe zu sein, mit Dir zu kommunizieren, mir Stunden oder auch mal Tage zu gönnen, meinen Gefühlsweltkrempel aufzuräumen und ihn durchzulüften.

Dein Tod war und ist ein Lehrmeister.

Ich brauche mich nicht mehr über die Hilflosigkeit anderer zu ärgern, denn sie wissen es nicht besser und es ist ihnen nicht zu verübeln.

So schnell kann es vorbei sein, so schnell, dass Geschwister sich berühren, ohne überhaupt das Licht der Welt erblickt zu haben. Dass sie sich fühlen, obwohl sie sich noch nicht sehen können. Und dass sie auseinandergehen, bevor sie hier auf dieser Welt, auch nur einen einzigen Schritt miteinander gegangen sind.

Nachholen, das geht nicht mehr.

Sich ausmalen, wie wäre es, wenn…das geht immer.

Es gab mal einen Moment auf Amrum, am Strand von Nebel, in dem ich mich Dir so nah fühlte, als säßest Du auf meiner Schulter. Und würdest lachend rufen: „Los! Siehst Du die Schaukeln da hinten? Wir können so hoch schaukeln, dass wir denken, wir fliegen über das Meer!“

Ja, wir fliegen über das Meer.

Ich kann Dich in meinen Gedanken anstupsen, auch kann ich Dir zulächeln, mit Dir sprechen oder schimpfen, Dich fragen, wie es so ist, da, wo Du gerade bist. Es liegt Alles bei mir und in mir.

Und während ich jahrelang die Wut hegte auf die Tatsache, dass Du, mein mich ergänzendes Puzzleteil, Dich einfach so aus dem Staub machtest, bevor es überhaupt ernst werden konnte, dieses Leben, was eine einzige, riesige Aufgabe zu sein scheint, verstehe ich heute viel mehr.

Ich nehme auch längst nicht mehr jede Einladung an, die man mir ausspricht.

Die Lücke, die Du als Puzzleteilchen hinterlassen hast, fülle ich sorgsam und nach und nach, stets mit warmherzigen, guten Gedanken, Erinnerungen, aufrichtigen Gefühlen und Wünschen.

Menschen sterben, gehen nach nebenan. Ihre Wärme, Ihre Blicke und Stimmen bleiben. Und, ich kann mir nicht helfen, vielleicht, wenn wir uns irgendwann wieder begegnen, werden wir beide sagen:

„Puh, war das eine aufregende Reise, aber ich bin SO froh, wieder hier zu sein…“

Und auf diese riesige Aufgabe mit dem Titel „Leben“ zurückblicken und feststellen, dass sie vielleicht doch nur eine einzige Kirmes war.

Mit viel, viel Zuckerwatte in den Händen.

Und fliegen über’s Meer.

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