Der Gast in meiner Dusche.

So gut bei diesem Wetter eine heiße Dusche auch tut, so ungnädig ist sie ab und an für mich. Naja, nicht nur ab und ab. Jeden Tag ist das so.

Sie ist der Ort, an dem ich von jetzt auf gleich zu spüren bekomme, an welchen meiner physischen Orte ich nichts mehr spüre.

Die MS beschert mir schon lange Missempfindungen, die teilweise mit Schmerzen begannen, dann in Ameisenlaufen, ein pelziges Gefühl oder fiese Nadelstiche ausuferten, bis hin zur Taubheit.

Mittlerweile sind diese tauben Areale nicht mehr nur vereinzelt.

Die erste Stelle, an die erinnere ich mich noch genau. Es begann am linken Beckenbereich, wanderte dann recht fix runter zum Oberschenkel, später dann hoch über den linken Unterleib. Heute fühle ich linksseitig auch Richtung Unterschenkel und Fuß, sowie oberhalb des Rumpfes am Arm so einige Quadratzentimeter nicht mehr richtig.

Jetzt habe ich also Flächen am Körper, in die ich mich kneifen kann, und es nicht mehr spüre. In Verbindung mit sommerlichem Mückenbesuch ist das einfach nur widerlich.

Fies ist es ebenfalls, wenn mir Jemand liebevoll über die Wange streichelt, und diese sanfte Geste einfach so unterbrochen wird, und zwar nicht von dem Streichler selbst. Das ist gemein.

Ich stehe also unter der Dusche.

Ich soll mich selbst spüren, horchen, was mein Körper mir sagt. Nun, teils sagt er gar nichts mehr. Hegte ich doch lange die Hoffnung, dass diese Taubheit wieder verschwindet, oder abflacht, verblasst, ich während der Streichelgeste plötzlich merke: „Oh! Es wird gestreichelt! Gestreichelt wird hier, Donnerlittchen!“

Einmal verirrte sich wohl eine arme Motte in mein Badezimmer. Ich bemerkte sie allerdings erst, als ich mir über den Oberarm strich und sie pitschnass und entkräftet in meiner mit Duschgel beschmierten Hand hielt. Gefühlstot.

Als die MS noch nicht präsent war, zumindest in den Köpfen der Ärzte, schob man es auf Rückenprobleme, sprich: auf eine meckernde Bandscheibe.

Als meine wochenlange Physiotherapie damals vorbei war, mein Rücken sich wieder bester Gesundheit erfreute, die tauben Gefühlsräuber aber weiterhin meine Haut zu ihrem Eigen machten, und ich den bisher schlimmsten Schub in Sachen Fatigue und Trigeminusneuralgie erlebte, ordnete mein Hausarzt (gleichzeitig Schmerztherapeut) das MRT an, welches mein Leben veränderte.

Ich sehe mich noch heute in diesem Ärztezimmer sitzen. Der Neurologe vor mir, der auf die ganzen, weiß leuchtenden Punkte und Flächen in meinem Gehirn zeigt und mir erklärt, wer da wütet.

Was kann ich davon halten? Können kann man ja vieles. Vor allem im ersten Schrecken, in dem Moment, in dem Gehstock, Rollstuhl, Pflegebett und Co. in einer rasanten, zuckenden Geschwindigkeit an Deinem inneren Auge vorbeifegen.

Was ich davon halte, ist, dass dieses Zusammenspiel verschiedener Symptome, und mein fähiger Arzt, der zu den Medizinern gehört, die Schmerzen sehr wohl als ein Symptom von Multiple Sklerose ansehen (was mittlerweile zum Glück auch bei anderen Fachmenschen anzukommen scheint), dabei halfen, endlich aufzudecken, was „nicht mit mir stimmt“. Oder anders: was definitiv mit mir los ist.

So oft fragen Menschen, einer echten Erschütterung nahe, wie man denn damit umgeht, mit so einem Schicksal wie der MS. Und sie, ja, nein, sie könnten das nicht.

Doch, doch. Sie könnten, sage ich dann immer. Sie müssen. Oder sie gehen.

Andere Optionen gibt es da nicht.

Das WIE hält selbstverständlich viele unterschiedliche bunte oder graue Facetten bereit. Wie geht man damit um, wie schafft man es, die bestmögliche Lebensqualität in einer unfassbar beschissenen Situation aus sich selbst heraus zu kitzeln? Denn es liegt an mir selbst, zu welcher Resilienz ich fähig bin. Oder bereit.

Das war die Frage, die mich sofort beschäftigte. Und das tut sie manchmal heute noch.

Wie leidensfähig bin ich? Und:

Wie geht das nur weiter? Eine Multiple Sklerose verhakt sich ungefragt in Deinem gesamten Leben, ob Du willst, oder nicht.

Aber einen Zweifel, ob ich das schaffe, ein Leben mit der MS, mit den Angstmonstern und teuflisch blickenden, drohenden, unheilvollen Haufen voller Fragezeichen, den gab es nicht.

Da hat sich einfach Etwas auf mein Boot geschlichen, in meine kleine Nussschale, mit der ich durch mein Leben tuckere. Ohne eine Fahrkarte zu ziehen. Ohne zu fragen, ob noch Platz an Bord ist. Ohne zu fragen, ob Mitfahrer erwünscht sind. Ohne zu fragen, ob der Kapitän einen solchen Fahrgast überhaupt akzeptiert.

Und dieser Gast, der noch immer Teufelshörner trägt, wenn auch grob abgeschliffene, gesellt sich sogar täglich mit mir unter die Dusche.

Wie dreist ist das denn?

Soll er doch, dieser Gast. Vielleicht gefällt ihm ja, was er da sieht.

Vielleicht braucht gerade eine MS einen starken Kapitän, der ihr zeigt, welche Lebensroute ansteht. Einen Kapitän, der sich nicht von hohen und peitschenden Wellen, die eine MS schlägt, verunsichern oder von Bord werfen lässt. Einen Kapitän, der ihr zeigt, dass auch taube Körperstellen geliebt und gepflegt werden.

Auch, wenn man ständig hingucken muss, wo noch Seife fehlt.

 

 

 

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