Zwischen den Jahren.

Es ist schon sonderbar, wie dieses Jahr endet.

Ich wollte mich anders fühlen, als die letzten Jahre.
Ich wollte Weihnachten anders verbringen, als sonst.
Ich wollte es schaffen, völlig über diesen undefinierbaren, komischen, unangenehmen Emotionen zu stehen, die mich Jahr für Jahr begleiten, neben mir stehen und sich mit drehen, wenn ich mich von ihnen abwenden will.

WP_20141227_006_edited

Nun, alles kam anders.

Jeden Tag aufs Neue begebe ich mich auf die Suche nach der Ruhe, die mir lauthals zuruft, dass sie da ist, endlich da ist. Dass sie bleibt, mich begleitet, mich abschirmt, wenn ich es möchte, mich von dem trennt, was mich durcheinander bringt. Mich beruhigt, die Kopfknoten löst und den Blick wieder nach vorne richtet.

Ich laufe mit den Hunden durch den Wald.
Es ist ein wunderschöner, kristallklarer, sonniger und kalter Wintertag.
Das durchhalten der Regenphase hat sich mehr als gelohnt.

IMG_3261_edited

Wir stehen auf einer Lichtung. Vor uns eine Bank, die im Sonnenlicht, das kräftig durch die Bäume scheint, eintaucht und alt und morsch einfach so da ist.

Über uns sind Krähen, sie setzen sich auf die kahlen Äste, es rieseln Schneeflocken glitzernd auf uns herab.
Pedro und Kolja versuchen, die Flocken zu fangen.

Plötzlich ist nichts mehr zu hören.
Kein entferntes Auto, kein Knacken irgendwelcher Äste, kein Vogel, kein Rascheln im gefrorenen Laub.

Ich habe noch nie eine solche, totale Stille erlebt. Um sie nicht zu durchbrechen, halte ich die Luft an. Lasse die Arme fallen, strecke mein Gesicht in die Sonne und schließe die Augen.
Es vergehen ein paar Minuten, die mir wie eine Stunde vorkommen.

Ich stehe zwischen den Jahren.

IMG_3230_edited_edited

Die Zeit der Rauhnächte.
Gedanklich stelle ich mir vor, was ich hier lassen will, hinter mir lassen will. Was im alten Jahr bleiben darf, soll und muss.
Altlasten. Erlebnisse, die erst zu schwierig, grausam und furchtbar schienen, aus denen ich allerdings im Nachhinein viel Hilfreiches ziehen und Wertvolles gewinnen konnte.
Jedoch dürfen diese alten Nussschalen hier bleiben.
Ich nutzte sie, um von A nach B zu schippern. Angekommen ist nun Neues notwendig, um voran zu kommen. Egal, wie schlecht etwas ist, ich glaube mittlerweile an das, was meine Oma mir früher immer sagte, und was mir als Jugendliche manchmal so nervig vorkam:

Alles hat einen, seinen Sinn. Egal, wie schlimm, egal, wie gut. Und alles hat seine Zeit.

IMG_3273_edited

Ebenso beschließe ich, was ich ins neue Jahr mitnehmen will.
Was tut mir gut, womit tue ich mir gut, wer tut mir gut?
Worin bestehen die neuen Herausforderungen? Welche Wünsche und Pläne habe ich, was fehlt mir und was benötige ich, um diesen Mangel auszugleichen?
Und: wo befinde ich mich gerade?
Ohne einen Ausgangspunkt zu haben, ist es schwer, den weiteren Weg zu gehen.

Die Nase in der Sonne, mittlerweile tief durchatmend sehe ich vor meinem inneren Auge mit Erinnerungen gefüllte Wolken an mir vorbeiziehen.
Ich atme aus, lasse das, was ich nicht mehr benötige, hier an diesem Ort.
Ich atme ein, und tanke das Licht, die Wärme und die Luft auf, die mir gerade in diesem besonderen Moment geschenkt werden.

IMG_3234_edited

Ein Gefühl macht sich breit, als wir weiterwandern.
Ich bin stolz.
Ich bin stolz darauf, die Hürden des letzten Jahres gemeistert und nicht nur übersprungen zu haben.
Stolz darauf, hingeschaut zu haben, anstatt zu flüchten und den Rattenschwanz an negativen Schatten einfach hinter mir hergezogen zu haben.
Stolz darauf, mich von Menschen getrennt zu haben, die mich hintergingen, mich verletzten und selbst ständig nur auf der Flucht vor sich selbst sind.

IMG_3175_edited

Ich bin glücklich.
Darüber, dass ich nicht den Kopf in den Sand stecke.
Dass ich meine MS von allen Seiten betrachte, wenn sie mich anstarrt. Dass ich sie aber auch gut mal eine Zeit links liegen lassen kann, wenn mir danach ist.

Seit zwei Nächten ist die Spastik im rechten Oberarm wieder da. Sie nervt, hält mich wach, macht mich wach. Wieso immer nachts, wieso immer in Ruhe? Aber: sie ist nun einmal da. Ich arrangiere mich, besinne mich, und kann wieder einschlafen – trotz dem fremdgesteuerten Zucken an und in meinem Körper.

IMG_3244_edited

Ich beobachte meine Herzhunde, die es genießen, durch das gefrorene, raschelnde und glitzernde Laub zu traben, die tanzenden, lustigen Schneeflocken zu jagen und jeden warmen Sonnenstrahl mitnehmen.
Sie bringen mir bei, jeden Tag aufs Neue, jeden Tag aufs Neue wertzuschätzen und im Hier und Jetzt zu sein, achtsam zu sein.

Zwischen den Jahren.

IMG_3141_edited

Mach’s gut Altes, herzlich willkommen Neues.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s