Von Schneegebäck.

Es schneit, ich freue mich.

Ich packe die Hunde warm ein, mich ebenso, bemerke, dass die Skihose vom letzten Jahr (als sie mir nicht mehr passte) jetzt nur noch mit den an- und abknöpfbaren Hosenträgern tragbar ist, weil sie mir sonst vom Hintern rutschen würde.
Ich freue mich.

Wir machen uns auf den Weg zu einer Verabredung.

Alles scheint okay, entspannt.
Irgendein Moment in dieser Entspanntheit kippt, und zwar in mir, nirgends sonst.
Plötzlich holen mich die letzten Monate ein, die letzten Wochen, die letzte Woche, die nächste Woche, die nächsten Wochen, die nächsten Monate.
Ich werde seltsam traurig, verliere mich in der Zeit, über die ich einfach noch nichts weiß: die nächste.
Innerlich boxe und beschwichtige ich zugleich, denke mir, hey, JETZT gerade ist’s so schön. Lass‘ doch gut sein.

Nein, meine Gefühlswelt lässt’s nicht gut sein.
Und die Welt an sich irgendwie sowieso nicht.
Traurigkeit. Jetzt. Doof?

Sobald man auf die Welt kommt, drückt einem Jemand, oder alle Jemande, ein dickes, mega schweres Rezeptbuch in die Hände. So und so geht das, so soll und muss das funktionieren, so und nicht anders. Zutaten von A-Z sind nötig, um ein möglichst gutes Ergebnis zu erhalten.
Dabei wollte ich doch gar keinen Kuchen backen.
Vielleicht nicht einmal den Löffel halten.

Nu ja, denk ich mir, wenn ich schon mal da bin, lerne ich doch auch gleich backen. Und so.
Nach Rezept, korrekt, perfekt.

Irgendwann will ich aber selbst rumprobieren, austesten, verfeinern oder den ollen Kuchen einfach mal ganz bewusst voll in den Sand setzen.
Will wohl Jeder mal.

Was aber geschieht, wenn man weder lesen (Fremdwerk) noch schreiben (Eigenwerk) kann?
Sondern „nur fühlen“?

Dann juckt das Rezeptbuch zu Beginn unserer ersten Weltenminute, und wahrscheinlich noch darüber hinaus, nicht so sonderlich. Das Buch wird erst einmal in die Ecke gepfeffert.

Ein Spruch geht mir durch den Kopf:
Erst lernen wir Laufen und Sprechen.
Dann lernen wir, stillzusitzen und den Mund zu halten.

Vielleicht werden wir ja alle im Laufe unserer Entwicklung mal gekappt.
Merklich oder weniger merklich.
Wie früher die Mandeln, die Tonsillen. Die wurden nicht ganz entfernt, sondern nur oben abge“knipst“.

Hat man das Glück, von Eltern großgezogen zu werden, denen die wirkliche Selbstverwirklichung ihres Kindes am Herzen liegt, spielt das Rezeptbuch eh recht früh nicht mehr die wichtigste Rolle.
Aber: was blieb hängen? Welche Zutaten mische ich noch immer zusammen, obwohl sie mir in der Konstellation überhaupt nicht (mehr) schmecken?

Es schneit noch immer.
Vergleiche ich gerade ausgebremste Lebenspläne mit gesellschaftlichen Rezeptbüchern?

Schaue auf die Schneekugel auf meiner Fensterbank.
In dieser Kugel ist alles perfekt, in Miniaturform dargestellte Welten, die wir durchschütteln und ruhen lassen können, wie auch immer es uns gefällt.
Da zählt nur unser eigenes Rezept.
Und guter Sekundenkleber.

Wir trauen uns, diese klitzekleine, fragile Welt in unsere Hände zu nehmen und für einen, im Verhältnis gesehen, mächtigen Schneesturm zu sorgen.

Was nur hält mich aktuell davon ab, meine Lebensstürme, wenn sie auftreten, bewusster anzugehen?
Meine Schneekugel, meine innere, kam vorhin auch ins Schleudern.
Hätte ich sie weiter stürmen lassen, oder selbst noch etwas kräftiger geschüttelt, wäre die Unruhe eventuell sogar schneller vorbei gewesen, als gedacht.

Aber ich wollte einer Unwetterwolke vorschreiben, dass sie mit Donner und Blitz und Wind aufhören soll.
Unmögliches Vorhaben.

Vielleicht wäre Bitten eine Möglichkeit gewesen.
Vielleicht auch Bestechung?
Schneegebäck gegen Zukunftsangst.

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Ein Gedanke zu “Von Schneegebäck.

  1. Liebe Mone,
    das hast du wieder schön geschrieben, ich bin gerade in diesem Moment auch genau da, Scheiss-Rezeptbuch. Was ist das überhaupt. Und wer hat das geschrieben und warum? Wer meint für unser Leben gäbe es ein Rezept, wenn die Zutaten sich doch ständig verändern?
    Ich wünsch dir die tollsten Stürme!

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