Unter meiner Decke.

Ich sitze vorm Fernseher und verfolge die Nachrichten.
Wie schon einige Stunden zuvor, als ich die News im Radio hörte, läuft mir ein Schauer über den Rücken.

Sehe und höre Elend, und fühle mit. Überall, so wirkt es.
Es scheint alles so weit weg, und doch ist so vieles davon so nah, oft um die Ecke.
Ja, wir Menschen müssen und sollen wissen und erfahren, was schief läuft, in dieser Welt. In unserer Welt.

Wäre es dennoch nicht auch schön, ganz bewusst Gutes, Buntes und Positives zu streuen? Immer und immer wieder? Damit unser Gehirn mit den Nachrichten dieser Welt nicht nur Krieg, Terror und Schmerz in Verbindung bringt, sobald wir den Fernseher oder das Radio einschalten, die Zeitung lesen?

Natürlich, das macht das Schlimme nicht besser, es wird dadurch auch nicht beseitigt.
Aber um Kraft zu finden, Schlimmes zu besiegen, oder es erst einmal genau anzuschauen, sollten wir uns vielleicht auch viel, viel Gutes tun.
So oft wir nur können.

Es gibt einen Ort, an dem ich es sehr leicht schaffe, Schlimmes von mir fern zu halten.
Dieser Ort ist leicht begehbar, leicht zu verlassen und überhaupt sehr leicht an sich.
Er befindet sich unter meiner Decke.

Ein Stück Stoff, bezogen mit einem anderen Stück Stoff, kann für eine ungemein hohe Sicherheit und ein extremes Wohlfühlgefühl sorgen.
Decke drüber, Schutzfunktion an.
Einmuckelmodus.

Ich schließe die Augen und rieche die Kirschen, die uns meine Oma früher frisch gepflückt in einer alten Tonschale vor die Nase stellte. Ich rieche das exotische aber nie aufdringliche Parfum meines Onkels, die 4711-Seife meiner Uroma und sehe mich prompt als Kind in ihrer ur-uralten Sitzbadewanne sitzen, in der ich mich so gern versteckte. Ebenso ihr antikes Bett und den Handspiegel, auf dessen Rückseite ihre eingravierten Initialen zu sehen sind.

Ich sehe die Schaukeln, die ich in meinem alten Kindergarten so liebte, sehe meine erste Sandkastenliebe mit seinen funkelnden Augen, nachdem ich ihn in eines meiner süßen Pausenbrote beißen ließ.

Ich sehe mich in der Box meines ersten Pflegepferdes liegen, ich war sechs, mein Pflegi ein 1,85m großer Trakehnerhengst. Er lag. Und ich ebenso, an seinen Bauch gekuschelt. Niemals vergesse ich das erschrockene Gesicht meiner Reitlehrerin, als sie mich entdeckte. Und das Zwinkern meines Papas, als er sagte: „Das machste aber nicht noch mal, Motte, woll?“ Ich höre das freudige Blubbern meines Schimmelchens, auch jetzt, sechs Jahre nach seinem Tod, als hätte ich erst gestern seine Nase gestreichelt.

Ich höre die Stimme meiner Lieblingslehrerin in der Grundschule, die ich so sehr liebte. Höre die Stimmen meiner beiden Kater, die mich maunzend begrüßten, sobald ich zur Tür rein kam.

Ich fühle die dicke Daunendecke meiner Oma, unter der ich als Kind und auch noch als junge Erwachsene vollkommen verschwand, und die ich so mochte, weil sie einfach nach meiner gut riechenden Oma duftete.

Ich rieche den Buchenholzstaub der Tischlerei, in der ich als einzige Frau unter Männern zeigen durfte, welch handwerkliches Geschick ich besaß. Rieche die stickige, süßliche und verbrauchte Luft unseres Lieblingsclubs, den ich mit meinem Freundeskreis jedes Wochenende besuchte, um mir die Füße heiß zu tanzen und Dinge zu tun, über die ich jetzt, fast 12 Jahre später, nur noch mit erröteten Wangen sprechen kann.

Unter meiner Decke.

Langsam wird die Luft ein wenig dünn. Also schlage ich sie zurück und ziehe den frischen Sauerstoff in meine Nase. Manchmal ist dieses Aufdecken wie ein kleiner Kulturschock. Oder eine Zeitreise.

Im Hier und Jetzt sein ist schön. Doch, gerade jetzt.
Aber wie wertvoll ist es doch, einen Ort zu haben, an dem all das, was mal war, noch einmal oder viele Male geschehen kann.

Einmuckelmodus.

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