Zehn Jahre.

Ängste sind ja so eine spezielle Sache.
Von Natur aus sollen sie sinnvoll sein, um uns durch rote, laut schrillende Alarmglocken vor drohenden Gefahren zu schützen. So setzen sie allerlei Vorgänge im Körper auf START und LOS.

Ängste können aber auch Arschlöcher sein.
Und zwar dann, wenn sie den natürlichen, wichtigen Sinn einfach nicht mehr erfüllen und sich verselbstständigen.

Überlebt man eine lebensbedrohliche Erkrankung, wie zum Beispiel Krebs, und gilt statistisch und medizinisch gesehen als „gesundet“, heißt das nicht, dass die Ängste plötzlich samt Metastasen, schlechter Blutwerte und Co. winkend aus der Haustür spazieren und sich nie mehr blicken lassen.

Meine Mama hat so eine lebensbedrohliche Krankheit überlebt. Und mit uns durchlebt. Wir waren zusammen, als kleine Familie. Und trotzdem musste jeder von uns diesen Horrorspaziergang alleine meistern.

Brustkrebs, Diagnose vor zehn Jahren, kurz vor Weihnachten.
Es folgte eine Total-OP, Entfernung sämtlicher Lymphknoten, und noch mehr.
Bis heute ziehe ich meinen Hut vor meiner Mama.
Ich habe selten einen solch positiv kämpfenden, reflektierten, mutigen und tapferen Menschen erlebt.

Wir, mein Papa und ich, gingen den Spaziergang der Angst um Ehefrau und Mutter. Ungewissheit und Sorgen im Gepäck.
Die Last, meiner Mama keine dieser Lasten abnehmen zu können, wog schwer.

Meine Mama trug schwereres Gepäck.
Von Physiotherapeuten, die wohl besser als Metzger eine Karriere anvisiert hätten, von Ärzten, die meinen Eltern am Tag der Diagnosestellung eben diese mitteilten, als ginge es um das ranzige Stück Schokoladenkuchen, was es zum Kaffee gab. Der Satz: „Wir müssen sofort operieren, sonst gibt es für Sie keine Chance“.
Und Mamas Reaktion darauf. Papas Reaktion darauf. Und ihre Reaktion auf meine Reaktion.
Panik. Wie sagen wir es unserer Tochter?

Operationen, eine Sepsis nach der anderen. Chemos, Bestrahlungen, Folgeschäden, die sich bis heute zeigen. Menschen vom Fach, die uns eben diese fachlichen Infos entweder zu lasch mitteilten, ohne uns aber wirklich zu informieren, oder Ärzte, die aus kleinen, ungefährlichen Symptomen wahre Panikattacken zauberten. Schmerzen, Ungewissheit. Wieder diese Ungewissheit. Immer wieder.
Und mittendrin meine tapfere, lebensfrohe Mama. Deren sinngemäßes Mantra war „Ich will leben, da muss der Krebs nun wohl durch.“

Zehn Jahre ist das nun her.
Die Jahre danach, mit dem Krebs, vergingen nach meinem Gefühl wie ein Wimpernschlag. Gehe ich diese Jahre nun in Gedanken durch, kommt es mir vor, als sei es gestern gewesen, dass meine Eltern nach Hause kamen und „so seltsam schauten“.
Dass ich mir aus Solidarität eine Glatze rasierte, weil meine Mama ihre wunderschönen Haare einbüßte.
Dass mir die Blicke der anderen Menschen auffielen, wenn ich mit meiner coolen Mama und ihren coolen Kopftüchern durch die Stadt lief.
Dass ich spürte, wie leid sie mir tat, wenn im Sommer der Schweiß nicht mehr durch Augenbrauen aufgehalten wurde und einfach so in ihre Augen lief, weil es keine Augenbrauen und Wimpern mehr gab.
Dass ich mich nachts fragte: „Was mache ich nur ohne sie?“ und mich gleich darauf für diese Frage ärgerte, denn meine Mutter hatte zehnmal soviel Energie, wie Papa und ich zusammen.

Zehn Jahre.

Ängste sitzen noch, hier und da und lassen sich manchmal blicken.
Meine Angst ist, dass meine Eltern vor Antritt ihrer mehr als wohl verdienten Rente und einem Leben voller Arbeit, Verantwortung und Fleiß einen erneuten Schicksalsschlag erleben.
Sagt es ruhig, so etwas soll ich nicht denken. Das weiß ich, aber diese Gedanken sind da. Und ich glaube, sie sind, in einer solch besonderen Situation, auch völlig normal, solange ich nicht in ihnen schwimme.

Diese Sorge teilen meine Eltern (zum Glück) nicht.

Zum Glück gucken wir sie an, die Ängste, jeder von uns.
Der eine intensiver, der andere weniger intensiv.
Aber wir gucken hin, wenn sie winken.

Und schicken sie, Stück für Stück, zum Teufel.
Denn dieses Jahr, zehn Jahre nach dieser Nachricht, ziehen meine Eltern endlich in den hohen Norden und erfüllen sich so einen über Jahrzehnte lang gehegten Traum.
Die Familie ist bald wieder komplett.

Und das ist das schönste Geschenk, was mir das Leben gerade machen kann.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Zehn Jahre.

  1. Lieber Schatz, bin gerade auf deine „Kopfsachen“ gestoßen und habe einige Texte gelesen… Ich bin stolz auf dich; verwundert, weil du über so vieles nicht geredet hast und freue mich gleichzeitig über meine so kluge, weitsichtige, ja philosophisch denkende Tochter.
    Der Text zum Bild „10 Jahre“ allerdings hat mich umgehauen, ich war richtiggehend fertig…
    Ich liebe dich, mein Kind – wie sehr, kann ich nicht beschreiben (vielleicht „bis zum Mond und wieder zurück“?) – das reicht glaube ich gar nicht aus.
    Herzlichst
    deine Mama

    P.S.: Deine Texte und die wunderbaren Fotos sollten der Welt zur Verfügung stehen; bin überzeugt davon, dass es auf der Erde dann friedlicher zugehen würde…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s